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Stefan Hölscher: Differenz und Ankopplung

Diskurs / Poetik > Zur Kritik
Stefan Hölscher

Differenz und Ankopplung
 

In der beginnenden Abhandlung mit dem schönen Titel „Fortsetzung und Neubeginn“ schreibt Jan Kuhlbrodt: „Dass der Markt eine Sphäre der Gleichmacherei ist, liegt also daran, dass dort die Produkte in ein spezifisches Verhältnis gesetzt werden müssen, etwas Gleiches, dass den Vergleich und damit den Austausch ermöglicht. Als Zeichen dieser Tauschbarkeit fungiert zumeist der Geldwert, der sich im Preis ausdrückt.“ Das kann man sicher von der Sache her so sehen, auch wenn das Wort „Gleichmacherei“ nicht gänzlich affektfrei daherkommt.

Interessant finde ich allerdings in welche Richtung hier die Diskussion bewegt wird. In meinem Beitrag „Wer handelt, der handelt“ war ich ja im Anschluss an den Systemtherapeuten Fritz B. Simon von einem extrem allgemeinen Markt- und Tauschbegriff ausgegangen, bei dem es um den Tausch von Verhalten geht. Von diesem Begriff wäre der ökonomische Tausch- und Marktbegriff überhaupt nur ein Sonderfall. Vor allem aber: Wenn es um den Tausch von Verhalten geht, sind die Maßstäbe gänzlich subjektiv. Wir haben es mit dem Gegenteil von Gleichmacherei zu tun. Verschiedene Individuen bewerten den Tausch von Verhaltensweisen (mit anderen und auch sich selbst) nach ihren je eigenen, höchst persönlichen Maßstäben.

Absolut nachvollziehbar finde ich, wenn Jan Kuhlbrodt in Abschnitt 4 schreibt: „Die Frage ist jetzt aber, ob weniger marktgängige Texte auch weniger gesellschaftliche kulturelle Bedeutung haben. Denn diese Texte aber benötigen Hilfe, um in einer marktförmigen Gesellschaft überhaupt stattzufinden.“ Das sehe ich auch so und vermutlich die meisten hier.

So schön gemeinschaftsstiftend die kritische Diskussion zu ökonomischen Marktmechanismen und ihren drohenden Einseitigkeiten hier aber auch sein mag, für mich ist sie vor allem mal eines: ein großes Ablenkungsmanöver – jedenfalls von dem, was ich versucht habe, in meinem Beitrag „Schöne neue Lyrikwelt“  anzusprechen mit dem etwas akademischen Stichwort „In-Group-Verhalten“ oder dem etwas pointierteren der „unablässigen Selbstbefummelung“ (die man, wenn man etwas bösartig wäre, jetzt hier auch schon wieder am Werk sehen könnte).

Für mich geht es in der Diskussion um etwas sehr Allgemeines, nennen wir es mal Dialog. Und sagen wir doch mal, dass es für fruchtbare und impulserzeugende Dialoge für gewöhnlich eine gute und natürlich nie triviale Balance zwischen zwei Faktoren braucht: Ankopplung an die Welt des jeweils anderen, seine Sprache, seine Denk- und Sichtweisen, sein Selbstverständnis, seine Meinungen und Erfahrungen etc. sowie auf der anderen Seite Differenzbildung. Womit ich das meine, was einen spannenden Unterschied macht zu dem, wie der andere bisher dachte und die Welt gesehen hat. Ohne produktive Differenzbildung bleibt der Austausch unergiebig und schal. Ohne hinreichende Ankopplung wird er gar nicht funktionieren, weil die Basis fehlt.

Mein Eindruck ist nun ganz schlicht: Die aktuelle Szene der deutschsprachigen Lyrik ist so sehr mit intelligenter Differenzbildung beschäftigt, dass die Ankopplung ein Bisschen gelitten hat. Es gibt einen größeren Kontaktverlust. Der Gesprächsfaden mit Menschen außerhalb der Szene ist an zu vielen Stellen grundsätzlich abgerissen. Und wieder kann man sagen: Man muss ja auch gar nicht miteinander kommunizieren. Jeder darf gerne auch ganz kuschelig in seiner eigenen kleinen Community verweilen und sich dabei schöne Gedanken machen. Man könnte aber reden miteinander. Und vielleicht könnte das sogar etwas erfrischend sein – für alle Beteiligten.

Und nun kann gerne wieder in aller Ausführlichkeit (Teil 1 bis N) das unendliche Übel der Märkte diskutiert werden. Da weiß man doch wenigstens, was man hat und womit man im In-Group-Circle eine nie versiegende Nachfrage bestens bedient. (Also einen prima Marktriecher bewiesen mit der hübschen Themenabbiegung hier, Jan Kuhlbrodt. Chapeau! Aber wem hilfts?)    
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