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Stefan Heuer: werkstatt

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

INVENTUR

Stefan Heuers "werkstatt (ein abschied in zehn bildern)"



Wer in diesem Jahr einen Band aus der Parasitenpresse bespricht, kann gar nicht anders, als zunächst diesem kleinen aber wichtigen Verlag zum Geburtstag zu gratulieren. Herzliche Glückwünsche also, und ebenso herzlichen Dank für die inzwischen vielen schönen Gedichtbände und auf eine lange Zukunft mit noch mehr Büchern!
Die Lyrikreihe, bewusst unprätentiöse, in Gebrauchspapiere gebundene Hefte von nur gut einem Dutzend Seiten, sind so etwas wie das Erkennungsmerkmal der Parasitenpresse, ein Format wie geschaffen für Gedichtzyklen.

Einen solchen Zyklus legt nun auch Stefan Heuer mit „werkstatt“ vor. Zehn Gedichte, die Trauerarbeit leisten und Heuers verstorbenen Großvater gewidmet sind – ein heikles Thema für eine Rezension, denn natürlich ist das berührend und damit nur schwer objektiv zu besprechen. Doch Heuer rückt nicht die Trauer in den Mittelpunkt, sondern eben die Werkstatt des Großvaters, die in den Gedichten sehr präzise beschrieben wird, und dabei nimmt der Autor gleichzeitig den Blickwinkel des Kindes, das fasziniert dem werkelnden Großvaters zusieht, wie den des überlebenden Enkels, der nach dem Tod des Besitzers ein Inventar dieser Werkstatt erstellt, ein.

Etwa in diesem Gedicht:


III
braune hosen und rote zipfelmützen, lange weiße
bärte: zwerge, ein gutes dutzend, mit schubkarren
und spitzhacken, mit schaufeln und gießkannen,

mit angeln und leitern, heiho, heiho, aus dem berg
gestiegen und ab in ulrichs garten; ihr gesang lange
vor meiner zeit in aller ohr / ein eigenes haus auf

dem rasen, mit jägerzaun, mit einem brunnen, der
aussah wie ein fliegenpilz, dann irgendwann der
abschied, ohne ein wort. jahre später die rückkehr

aus der gefangenschaft, heiho, heiho // und nun,
heute: links und rechts neben der zigarrenkiste mit
den alten schlüsseln, neben den wasserwaagen,

den eimern voller nägel und schrauben, auf dem
hängeschrank mit den eingetrockneten farben, dem
leim, der verrosteten dose zweitakt-treibstoffzusatz;

ja gut, abblätternde farbe, risse am bein, ein loch,
wo früher die angel steckte, aber wenigstens wieder
zuhause – heiho, heiho, wir sind vergnügt und froh


Heuer gelingt es, das Fasziniertsein eines Kindes, den melancholischen Blick des Überlebenden und zugleich noch die Figur des Großvaters als eines freundlichen Alten, der doch aus einer versehrten Generation stammt, mit dieser stillen und präzisen Beschreibung seinen Lesern nahezubringen. Das ist schön. Schade nur, dass der Autor uns nicht immer soviel Mitarbeit zutraut. Immer wieder finden sich leserleitende Erklärungen in den Gedichten, als wollte Heuer uns um keinen Preis das Allgemeine im Besonderen seiner Beschreibung verpassen lassen: „...sechzehn quadratmeter / nutzfläche – für ihn der heilige gral...“; „...das dunkelste kapitel / (nicht nur) seines lebens, hier und jetzt in gestalt // eines essgeschirrs...“). Das Überflüssige dieser erklärenden Zusätze zeigt sich gerade auch darin, dass Heuer hier auf abgegriffene Formulierungen zurückgreift. Dabei wäre das Bild vom Wehrmachtsessgeschirr, dass der kleine Enkel im Pfadfinderrucksack des Großvaters findet, das aber erst der erwachsene Enkel deuten kann, ohne eine solche Erklärung sicher viel stärker.

Man tut, denke ich, gut daran, diese erklärenden Zusätze einfach zu ignorieren und sich auf Heuers gelungene und berührende Beschreibungen einzulassen. Die Gedichte haben es verdient.



Stefan Heuer: werkstatt (ein abschied in zehn bildern). Gedichte: Köln (parasitenpresse, lyrikreihe 031), 2015. 14 Seiten. 6,00 Euro.

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