Sperrsitz. Platz für Poesie. Frühjahrsveranstaltung - Signaturen

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Sperrsitz. Platz für Poesie. Frühjahrsveranstaltung

Veranstaltungen / antimon
 
 
 
 
 
 
 


Katharina Kohm

Sperrsitz. Platz für Poesie

Einblicke in die aktuelle Lyrik bei Literatur Moths



Die seit einem Jahr existierende Veranstaltungreihe der Münchner Buchhandlung Literatur Moths, kuratiert von jungen engagierten Lyrikern wie Tristan Marquardt, diesmal zusammen mit Holger Pils, dem Leiter des Lyrik Kabinetts, und dem Lyriker und Literaturwissenschaftler Àxel Sanjosé, ist eine adäquate Reaktion auf die derzeitige Bewegung der Lyrik im deutschsprachigen Raum. Sichtbar und umtriebig wie lange nicht mehr präsentierte sich an diesem heißen Frühsommertag, dem 3. Juni 2017, ebenjene Kooperative mit der Buchhandlung, die im Jahr 2015 mit dem deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet wurde.
    Wieder einmal zeigte sich, dass jener junge Lyriker, der im stillen Kämmerlein vor sich hin sinniert, dem Klischee einer überholten Vorstellung entspringt. Kooperation und Austausch prägen das Bild einer vernetzten Lyrikszene, die mit solchen Veranstaltungen jedoch auch Brücken anbietet, Sprachkunst zu entdecken und zu vermitteln. Auf dem schier unüberschaubaren Buchmarkt wirkt das Dickicht von Neuerscheinungen möglicherweise zunächst einschüchternd. So sind Buchpräsentationen in Buchhandlungen ebenso wichtig wie Lesungen, um Publikum und „SprachkünstlerInnen“ miteinander ins Gespräch zu bringen und sich inspirieren zu lassen.
    Der Begriff der „Sprachkunst“, in Österreich schon etabliert, könnte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man es bei Lyrik mit einer Gestaltung der Sprache auf künstlerische Art zu tun hat, dass sie also, ähnlich der Bildenden Kunst, zunächst kein kognitives, sondern ein ästhetisches Erlebnis erzeugt. Der Begriff soll also dem Schrecken vor einer scheinbaren Hermetik mancher Texte vorbeugen.
    Aber auch die Frage nach dem politischen Element in der Lyrik nahm an diesem Nachmittag, neben den Empfehlungen, einen großen Raum ein. Wie schon die amerikanische Dichterin Ellen Hinsey sich zu Beginn des Jahres im Münchner Lyrik Kabinett deutlich über Donald Trump äußerte (s. Besprechung), so wurden auch hier aktuelle politische Ereignisse, speziell des Jahres 2016, thematisiert. Der Brexit und die im Allgemeinen verkürzte Debatte über Begleitumstände und Ursachen der Votings sog. "Abgehängter" sowie die Spaltung der westlichen Gesellschaften in zwei Lager konnten durch die Gedichte etwa von Frances Kruk nachempfunden werden, einer polnisch-kanadischen Poetin, die in London lebt und deren Werke jüngst unter dem Titel „Stecknadel“ im neu gegründeten Chapbook-Verlag MATERIALIEN erschienen sind. Der Band thematisiert das Arbeitsleben, speziell verortet in einer Fabrik. Lisa Jeschke, die Verlagsgründerin, war selber anwesend und las:

"was ist mit denen im hinterhof
 nach generationen stinkend und fett gepflastert
 mit bestechungsabschaum und saugend
 etwas durch das dicke saugend und
 was ist mit den ganzen gebrochenen und
 dem anderen, das unsere körper versponnen haben,
 in den stumpfdraht hineingeschleudert, erhitzt,
 um zu graben durch
 haare
 schuppen
 nissen
 kopfhaut
 [...]
 das ausschalten der lichter"

(Frances Kruk: Stecknadel, übers. v. Koshka Duff)

Das Ausschalten der Lichter scheint an dieser Stelle auf den Eingangstext des Bandes zu verweisen. Dort heißt es: "spinnen wohnen nicht in häusern und haben nicht die verantwortung, die lichter auszuschalten, die lichter auszuschalten, die lichter auszuschalten."
    Aus dem von Jeschke und einem weiteren Cambridge-Doktoranden herausgegebenen Online-Magazin gab die Verlagsgründerin anschließend Passagen zum Brexit wieder – somit wird klar, wie schnell auf das Tagesgeschehen reagiert wird:


"This magazine has been put together in response to the recent referendum in the U.K. [...] It has been made quickly as a front against the fascist implications of 'Leave'."


(Hierzu der Artikel “Ohnmächtig“ von Philipp Bovermann in der SZ.)


Zuvor las die Münchner Lyrikerin Sabina Lorenz aus ihrem neuen Band: Wie wir #binden. Wie wir #verschwinden, in der Lyrikedition 2000 beim Allitera-Verlag erschienen, politische Gedichte (für die Signaturen besprochen von Timo Brandt).

 
 
 
 


Die sich anschließenden Lyrikempfehlungen, die von Holger Pils, Nora Zapf, Àxel Sanjosé und dem Moderator des Nachmittags, Tristan Marquardt, vorgestellt wurden, gaben Einblick in die Vielfalt von Themen und poetologischen Zugängen. Selbstverständlich handelte es sich dabei nicht um ein Abbild aller Neuerscheinungen, sondern lediglich um jenen Ausschnitt, der den Anwesenden besonders am Herzen lag.
    Mit Verweis auf die Lyrik-Empfehlungen 2017, die jedes Jahr zur Leipziger Buchmesse erscheinen, stellte Holger Pils zwei Bände vor. Sowohl in "Kleine Satelliten" von Lydia Daher (übersetzt in Form von Zeichnungen von Warren Craghead III) als auch in "Anstelle einer Unterwerfung" von Mara-Daria Cojocaru geht es im weitesten Sinne um Sprachgrenzen. Mal um die sprachlichen Bilder, die beim Übertragen zu schwinden drohen, mal um die Unmöglichkeit, sich sprachlich und gedanklich in Tiere hineinzuversetzen, wobei die Sprache dann stumm zu werden droht. An diesen Grenzen entwickelt das lyrische Sprechen durch ein Aufbrechen und Herantasten sein Potential und auch seine Legitimation, gerade dort, wo die Alltagssprache scheitert.

Ein Ringen um den authentischen Ausdruck, um die Verlorenheit in einer fremden Sprache ist auch eines der Themen des Erzählbandes "Der schaudernde Fächer" von Ann Cotton, den Nora Zapf vorstellte. Sie legte den Fokus dabei insbesondere auf die Stelle des Bandes, wo die Konfrontation mit sinojapanischen Schriftzeichen, dem Prozess des Erlernens und des Schreibens als "Ausweichen und Ausrutschen" auf der Sprache zu einem ständigen Prozess des wieder Anfangens wird. Ebenfalls prozessual ist Levin Westermanns Band "3511 Zwetajewa" angelegt, nämlich als eine Folge von impliziten, Zeit und Tod transzendierenden Dialogen, so Àxel Sanjosé. Das eröffnende Gedicht, »Eine  Expedition«, das offensichtlich nach antikem Muster den Gang in die Unterwelt antritt, thematisiert bereits die Grenzüberschreitung, die in den folgenden Zyklen auf jeweils unterschiedliche Weise erfolgt: sei es, indem Tschechow das lyrische Ich kommentierend begleitet, sei es, dass das Personal der Ilias, mit Handys ausgerüstet, als Idole einer Gewaltsportart durch die Gegenwart jettet, sei es, dass ein "Mann" (augenscheinlich der Dichter selbst) den Spuren Marina Zwetajewas nachgeht und gegen Ende zugunsten des dokumentarischen Materials völlig verstummt. (Siehe dazu die Rezension von Michael Braun.)
    Das Thema Dialog führte am Ende der Präsentationen dahin, dass Tristan Marquardt den aktuellen Band "Glanz und Schatten" des Sprachkünstlers Michael Fehr nicht einfach vorstellte, sondern die Tonaufnahme eines seiner Texte, von Fehr selbst gesprochen, abspielte, sodass der Autor auch „zur Sprache“ kam. Die Rhythmisierung von Sprache und Betonung des Mündlichen sowie die Gegenwart der Stimme des Künstlers machten deutlich, wie vielseitig, lebendig und anregend die Lektüre von aktueller Lyrik sein kann.
    Außerdem verwies Marquardt auf die jüngst erschienene Anthologie „Weg sein – hier sein“, die Texte von Autoren, die geflüchtet sind, vorstellt und somit hilft, den Betroffenen innerhalb und außerhalb der Flüchtlingsdebatte eine, nämlich ihre eigene Stimme zu geben.

Dass die aktuelle politische Situation mit der allgemein menschlichen Frage nach Möglichkeiten, sich auszudrücken, die Stimme zu erheben, in der Lyrik sich konzentrisch spiegelt und Kreise zieht, um die Wahrnehmung zu schärfen, zeigt, wie notwendig und bereichernd solche Treffen sind.   

(Fotos: Katharina Kohm)

 
 
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