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Sophia und Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt


Paradies reloaded

zu: Sophia und Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch


Es ist schwierig über dieses Buch zu schreiben, ohne die Herangehensweise Peter Handkes, der einen einleitenden Essay liefert, zu imitieren. Und wenn man das Buch liest, kommt man auch bald darauf, dass kein anderer als Handke eine Einleitung zu diesem Buch hätte schreiben können. Keinem anderen deutschsprachigen Autor ist eine solche Mischung aus Aufbruch und traditionellem Rollenverständnis, aus Urbanität und Naturbetrachtung so nahe. In Handkes Notatsammlung Am Felsfenster morgens heißt es: Licht und Luft, wie sie wechseln von Gegenstand zu Gegenstand: so möchte ich es, hunderte lichte und luftige Seiten lang, beschreiben und erzählen können.

Das gemeinsame Tagebuch von Sophie und Nathaniel Hawthorne umfasst in diesem Buch ca. einhundertfünfzig Seiten wenn man Vorwort, Anmerkungen und Nachwort beiseitelässt, in die es eingebettet ist, und man liest sich daran ein wenig betrunken: Ein Pfirsichbaum, der neben unserem Haus wächst und das Küchenfenster streift, ist so sehr mit Früchten beladen, dass ich ihn abstützen musste.

Die gerade vermählten Hawthornes sind kurz nach ihrer Eheschließung am Anfang der Vierzigerjahre des Neunzehnten Jahrhunderts in ein kleines Paradies gezogen, in ein verlassenes Pfarrhaus in Concord, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Boston. Drei Stunden mit der Pferdekutsche, das wäre heute wohl fast Vorstadt.

Die Möbel des Pfarrhauses erzählen die Geschichte des Vorbesitzers, sind aber nicht so beredt, dass sich die jungen Eheleute nicht zwischen ihnen einrichten und wohlfühlen könnten. Um das Haus herum Garten, den sie bewirtschaften, dahinter Natur und in einiger Entfernung auch Nachbarn. Das klingt gottverlassen und langweilig. Und in den Stunden, in denen Nathaniel sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hat, um zu arbeiten, muss es für Sophia wohl auch etwas langweilig gewesen sein.

Aber davon erfahren wir kaum etwas, denn Sophia Hawthorne hat das Tagebuch nach dem Tod ihres Mannes für die Herausgabe bearbeitet: Sie bearbeitete die Originaltexte mit Stift, Schere und Klebstoff. Zeilen wurden geschwärzt, Seiten entzweigeschnitten, zusammengeklebt oder ganz aus dem Notizbuch herausgerissen. Heißt es im Nachwort von Alexander Pechmann.

Ich denke, Sophia Harthorne schafft und erhält sich auf diese Art ihre Souveränität. Sie bestimmt, welches Bild der Text liefert, welches Bild er vom gemeinsamen Leben in Concord herstellt. Und dabei steht das Paradiesische zunächst eben im Vordergrund. Dass ein solcher Zustand nicht anhält, weiß jeder, und Geldnot zwingt die Hawthornes später auch fort, aber zunächst bewegen sie sich in der Parallelrealität ihres Pfarrhauses, und als Leser nehme ich diese Auszeit auch für mich gern in Anspruch.

Und: so klein wie Concorde war, so zentral war es für die Entwicklung amerikanischen Denkens. Ganz in der Nähe der Hawthornes wohnten zum Beispiel Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, aber auch die Feministin Margaret Fuller. So abgeschieden, so weltzugewandt auch: Mr. Thoreau hat gestern mit uns zu Abend gegessen. Er ist ein einzigartiger Mensch – ein junger Mann, der sich immer noch viel von seiner wilden, ursprünglichen Natur bewahrt hat, und soweit er kultiviert ist, ist er es auf seine ganz eigene Art und Weise. Als versteckten sich Thoreaus theoretische Positionen in dieser Beschreibung.

Am Ende bleibt mir doch nichts übrig, als noch einmal Handkes Vorwort zu zitieren:
Es ist im großen Ganzen eine ideale Welt, welche sich vor dem Auge des Lesers entfaltet, eine ideale Welt allerdings ohne Gewolltheit oder gar eine Idee. „Ideal“ ist nicht „idealistisch“ sowie „real“ etwas Grundanderes ist als „realistisch“.



Sophia und Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch. Salzburg (Jung und Jung) 2014. 184 Seiten. 19,90 Euro.

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