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Sonja vom Brocke: Le Luxe

Münchner Anthologie

Sonja vom Brocke

Le Luxe


aus Stenorüssel und -gebein
ne Lunatika geleimt

; nur in Vokabeln lieferte Le Luxe von Bräuns die Milch für ein
veganes Jahrzehnt, in dem Tastaturen — Insekten durch Weltstädte trampten

schaufelte Pyramidales, samt narbigen As, Gaumen und tückischen Sonnen
ein Lethegrab

die Räderaugen Lunatikas erwogen Bären der Realität, wie
aber sollten sie aufrecht stehen, im Gischttal der Giftidee
auf dem Hygienemull aussortierter Föten?

Nach Hieroglyphenkriegen der Kuss eines geschmuggelten Grizzlys


(In: Sonja vom Brocke: Venice singt. Berlin (kookbooks) 2015)

Michael Braun

BIN  DIE  VERSCHWENDUNG

Anmerkungen zu Sonja vom Brockes Gedicht „Le Luxe“


Poesie ist in ihren besten Momenten vokabuläre Ausschweifung, Verausgabung, vorsätzliche Verschwendung der Reichtümer der Sprache. Es gehört zu den schönen Pointen der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet ein auf Harmonie und Proportion bedachter Klassiker wie Goethe in seinem „Faust“-Drama Euphorion, den Sohn Fausts, eine eigenwillige Definition der Dichtkunst verbreiten ließ: „Bin die Verschwendung, bin die Poesie; / Bin der Poet, der sich vollendet, / Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.“ All diese Apologien der Verschwendung schwingen mit, wenn die Dichterin und Sprachkünstlerin Sonja vom Brocke ein Gedicht „Le Luxe“ nennt. Der Luxus der Sprache, die Mobilisierung ihrer metaphorischen und semantischen Reichtümer und Register wird in ihrem Gedicht freigesetzt, das von einem rätselhaften Gemälde des Maler Henri Matisse ausgeht. Motive der Naturgeschichte werden mit Insignien des Luxus und Elementen der Kunst verbunden. „Das Gemälde“, so schreibt die Dichterin in einem Brief an den Verfasser dieses Kommentars, „die Sprache, die (dem) Gemälde (von Matisse, Anm. d. Verf.) sogleich eingeschrieben ist, die Bildlichkeit ihres Klanges, ihrer Buchstaben – es hat mir eine Freiheit, einen offenen Bereich ermöglicht, in dem der Text dann mitunter in abseitigere Richtungen ausschlug und doch immer an die Farben, die luftige Anmutung des Bildes erinnert.“ Das Gemälde von Matisse aus dem Jahr 1907, das in zwei unterschiedlichen Versionen und Farbkompositionen vorliegt, zeigt drei nackte Frauen vor einem Gewässer und einer bergigen Landschaft. Die Farbe Orange dominiert den Vordergrund, das ins Violette spielende Wasser füllt den Mittelgrund aus und im Hintergrund erscheinen ein blau-roter und ein orangefarbener Berg. Allein schon die Konstellation der drei nackten Frauen in der Landschaft gibt Rätsel auf. Eine hochgewachsene Frau posiert am linken Bildrand, als ob sie sich auf den Blick eines Malers vorbereiten würde, vor ihr kniet eine zweite Frau und macht sich offenbar an einem Tuch oder einem anderen Textil zu schaffen, als ginge es darum, der schönen Gestalt vor ihr noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aus dem Hintergrund eilt die dritte Frau mit einem Blumenstrauß herbei.
Sonja vom Brocke verwandelt diese Szenerie des Bildes in ein sprachliches Experiment, in dem es nicht darum geht, die Motive des Matisse-Gemäldes nachzubilden, sondern es als stimulierende Probebühne zu nutzen für metaphorische Ausschweifungen in unterschiedlichste Richtungen. Wie in vielen Gedichten Sonja vom Brockes werden Bezeichnungen für Bauwerke bzw. architektonische Zeichen („Pyramidales“, „Lethegrab“) mit semantisch vieldeutig schimmernden Wörtern („Lunatika“) und Tier-Motiven (Insekten, Grizzlys) verknüpft. Der Rüsselkäfer („Stenorüssel“), der am Anfang des Textes steht, wird mit „Lunatika“ verbunden. Und diese Vokabel „Lunatika“ führt in ihrer Ambiguität auf absolut unterschiedliche Bedeutungsfelder. Das „Lunatische“, Mondsüchtige, Somnambule ist darin ebenso enthalten wie das Model-Label eines italienischen Designers. In dieser hermetischen Verkettung von semantisch vieldeutigen Wortfeldern, wie sie vielen Gedichten der Autorin eigen ist, erscheinen als Bildgrundlage immer wieder Gemälde – und Tiere, die das Gedicht auf schöne Umwege und Abwege bringen. Die Gedichte Sonja vom Brockes operieren immer wieder mit visuellen Zeichen, mit kunstgeschichtlichen Codes und religiösen Mythen – und rufen ebenso regelmäßig Motive der Naturgeschichte auf. Die Gegenwartskultur, die en passant mit dem ironischen Hinweis auf das „vegane Jahrzehnt“ aufblitzt, ist oft nur Kulisse für ein berückendes Spiel mit Bildern und Klängen, aus dem alle Bedeutungsmöglichkeiten der Sprache auffliegen. Auch ist stets ein Moment der Bedrohung in diese Texte eingraviert, wie hier das drastische Bild vom „Hygienemull aussortierter Föten“ – ein fatalistisches Denkbild, das auf die Folgen der Reproduzierbarkeit des Homo sapiens verweist. Im Reich der poetischen Zeichen der Sonja vom Brocke werden „Hieroglyphenkriege“ geführt und in poetische Spannungsverhältnisse versetzt – von einer Dichterin, die ihr vokabuläres Material mit der Kunstgeschichte wie auch der Naturgeschichte in höchst reizvolle Verbindung bringt. „Le luxe, le calme et la volupté“, „Luxus, Stille und Wollust“: So betitelte Matisse ein bereits 1905 entstandenes Gemälde, das seinen Titel einem Gedicht Baudelaires entlehnte. Die Zeitgenossen bestaunten es als „Wunder der Imagination“, als den Anfang des „Fauvismus“. Dieses „Wunder der Imagination“, geboren aus dem Luxus und der Wollust der Sprachkomposition, können wir auch in der Dichtung Sonja vom Brockes erleben.   

Sonja vom Brocke
Foto: Sarah Bohn

Henri Matisse:
Le Luxe I (1907)
und Le Luxe II (1907/8) (rechts)

Michael Braun
Foto: Martina Kerl

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