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Slata Roschal: Wir verzichten auf das gelobte Land

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Apotheose der Heimatlosigkeit

zu Slata Roschals Gedichten in: Wir verzichten auf das gelobte Land.


Slata Roschal wurde 1992 in Petersburg geboren, studierte in Greifswald und lebt jetzt in München.
    Ihr Debut ist ein schmaler Band von ca. 50 Seiten mit Gedichten und einigen kurzen Prosatexten. Die lyrischen Texte setzen auf starke Bilder, die sich letztlich selbst erklären und die sich an einem postromantischen Wortschatz bedienen. Man könnte meinen, der Wald sei aus sich herausgewachsen und werfe einen Schatten auf das All. Drin ein nur am Nachklang noch orientiertes Ich:

Der Tag wird lang ich rieche nach Urin
Wie hieß ich letztens wer vergab den Namen
Ich steige etwas früher aus als sonst
Um Äste auf den Gleisen aufzusammeln      

Aber auch die Prosatexte sind eng gewebt und durch-komponiert, so dass man von Prosagedichten sprechen muss.
    Die anderen Texte arbeiten, wo sie die eine Versform sichtbar einhalten, streng rhythmisch, ohne sich tradierten Formen zu unterwerfen.
    Formal wird hier das eingeholt, was das Thema des ganzen Bandes ausmacht. Es ist ein Auszug im Sinne eines Weggehens, das Verlassen eines Geländes, ohne dass sich ein Ankommen ankündigt, vielleicht wäre hier „kündigt“ das richtige Wort. Keine Kunde von Heimat oder dergleichen.

Und so ergeben sich Bilder von eher klaustrophobischen Landschaften, die man durchstreift, in denen man vielleicht eine Weile pausiert, von denen man sich aber bald wieder verabschieden muss.  Natürlich haben die Orte und Landschaften Namen wie Leipzig, Greifswald oder Sauerlach (bei München). Sie sind stolpersteindurchsetzt.

Auf den Seiten 33 und 34 findet sich ein namenloser Prosatext, der das Besuchen oder Erkunden der Gegend quasi auf den Punkt bringt:

„Der Zug fährt zwischen Lärmschutzmauern. Wenn man die ganze Zeit hochguckt, kann man manchmal die Gipfel der Berge erkennen. Was auffällt, hier spricht keiner über Berge, aber alle sind wegen der Berge gekommen, ...“

In dem kurzen Text, der sich anschließt, werden historische und persönliche Dramen komprimiert zu einem klaustrophoben Jetzt, das auszuhalten man den Ausblick auf die andere Seite des Tales schon bräuchte, aber es gibt letztlich nur den Blick in den Himmel, von dem wir geraume Zeit wissen, dass er leer ist. Der Text ist mit einem Datum und der Ortsangabe Salzburg gekennzeichnet. Und endet so, wie er begann:

„Zurück nach Hause, der Zug fährt zwischen zwei Lärmschutzmauern. Wenn man die ganze Zeit hochschaut, kann man die Gipfel der Berge erkennen.“

Wenn dieser Text isoliert stünde, dann könnte man bei den Worten „nach Hause“ vielleicht etwas aufatmen, aber er steht nicht isoliert, und dieses „zu Hause“ hat sich längst als die endlose Wüste jenseits des Zugangs zur Salzburger Schlucht erwiesen.

Es sind starke, zum Teil böse Texte in diesem Band. Unbedingt lesen!


Slata Roschal: Wir verzichten auf das gelobte Land. Leipzig (Reinecke & Voß) 2019. 60 S. 10,00 Euro.
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