Sina Klein: narkotische kirschen - Signaturen

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Sina Klein: narkotische kirschen

Rezensionen
 



Hendrik Jackson


"der rubin, der in den limbus kracht"


narkotische kirschen von Sina Klein


Ohne Frage, in Angelegenheiten der Rhythmik, des Reims und der Lautmalerei ("schwirren in scharen, im warmen mief,/ wimmeln am schwangeren nil im schilf" u.s.w.) kann Sina Klein mit jedem Rapgesang und Ringelnatz, mit jedem Morgenstern und Mallarmé mithalten. Auch ihre Metaphern und Bildwelten bezieht sie zum Teil aus dem Fundus der lyrischen Tradition, und nicht selten watet das lyrische Ich knietief durch barock oder schwül-düster anmutende Szenerien, um dann doch neckisch Purzelbaum zu schlagen. Typisch z.B. diese Zeile, die hehr anfängt: "und als der rubin mir fieberschwach" – um dann sich selbst zu ironisieren: "in den limbus kracht."
Die Spannweite der Gemütszustände ist sehr, um es august-strammisch zu sagen: mal ballen sich die Texte, mal hängen sie gedankenschwer nach, ab und an verkeilen sie expressiv. Stärke und Vorliebe Kleins sind dabei Kürze, Prägnanz und die kokette, jähe Wendung.
Man steht vor ihren Gedichten ein bisschen wie Eckermann vor den Skizzen und Stichen, die ihm Goethe zur Begutachtung vorlegte – und soll nun immerzu staunend ausrufen: schau diese Ligatur, schau dieses Brunftestück, schau diese Arabeske, wundervoll! Und fast immer runden sich die Gedichte zur kleinen prallen Kugel, die zielsicher auf der Wurfscheibe aufschlägt.


 
 

Allein, man ahnt es schon, scheint sie ein wenig aus der Zeit gefallen. Nicht, dass es sich hier um rein ästhetische l'art pour l'art handelte – die Autorin weiß wohl in die ineinander und ausrollenden Lautkaskaden feine Sinnstränge einzuflechten, persönliche Volten zu schlagen. Vielleicht liegen ihre Vorbilder auch einfach nur zu sehr in der allbekannten deutschen Tradition, sodass einem manches vertrauter vorkommt als bei Dichtern, die sich entlegenerer Vorbilder bedienen (mir fiele hier z.B. Jan Wagner ein mit seinen Anleihen bei Charles Simic).
Dennoch: da liegen diese kleinen narkotischen Kirschen: kugelig-rund, prall, rot und süß, auch zuweilen halluzinogen schon beim Anschauen, aber sie befinden sich irgendwie in einem luftleeren Raum oder einer Art Museum mit alten Möbeln. Das hat natürlich auch interessante Effekte: jede Aktualität, jede modernere Wendung wirkt wie eine hereinhüpfende Magd, die in einem staubbehangnen Wohnzimmer eines holländischen Stilllebens die Fenster aufreißt.

 
 

Manchmal geht Sina Klein bei diesen Pirouetten und Sprüngen auch vorzeitig die Puste aus, wie gleich im ersten, so grandios beginnenden Gedicht kokon, das eine nächtliche Eingesponnenheit beschreibt. Wenn zu Beginn der Specht die Tanne wund schlägt und der Mund den Mund besiegelt, so sieht man eine vollgeladene sexuelle Explosivität in ein romantisches Setting eingepresst, das die Erwartungen auf die Auflösung hochschnellen lässt. Doch diese nächtliche Geballtheit scheint ihr selbst zu viel, und das Gedicht fleddert allmählich aus in den Tag. Sicher mag auch das Absicht sein, wie auch die Reime zunehmend unrein werden, und man mag auch einwenden, dass sie mit solch einem Ausfleddern vielleicht ihre eigene Perfektion untergraben will. Nichtsdestotrotz scheint mir das nicht überzeugend, denn es wird ja nicht ersichtlich, was außer dieser Gegenläufigkeit damit gewonnen würde. Reine Lockerung? Sich selbst in Frage zu stellen?

Auf der anderen Seite freut es immer wieder, wie sie Fäden aufgreift, aus kontingenten Lautähnlichkeiten Mehrwert ("abnabeln, nee albern") schlägt und im allerbesten Sinn an der Tradition sich abarbeitet, sie vielmehr bearbeitet, und zwar ohne dass es nach Arbeit aussieht.
Kurzum: die Kongruenz der Verse ist erstaunlich, aber auch ausschöpfend und erschöpfend. Man überfrisst sich schnell. Nicht immer hat der Leser Hunger auf narkotische Kirschen, klar. Das wäre wohl auch ein falscher Anspruch. Und doch lassen die Gedichte am Ende, nachdem sie eilig verschlungen wurden, Hunger auf Größeres, Fettigeres. Sie waren so lecker und saftig, aber im Magen rumort es noch.



Sina Klein: narkotische kirschen. Gedichte. Wien (Klever Verlag) 2014. 102 Seiten. 15,90 Euro.

 
 
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