Simone Kornappel: Zwitschermaschine - Signaturen

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Simone Kornappel: Zwitschermaschine

Münchner Anthologie
 

Simone Kornappel

                                                                            you're a bigger downer than a german bedtime-story

II               
zwitschermaschine

siehe oben: ein besetztzeichen stare nein starre ursonaten auf dem erdseil replikationen uncanny
valley das echo wie eveR-/ wie die da hier eveR- gibt es zikaden 6-beinige geigerzähler & den anstieg
im klickern näherungsweise flashanimationen  mit bashõ die teiche als touchscreen bildschirmschoner
in der REM-schlafphase eveR- a database in doriangray bitte bleib mir alsbald vom leib mit gutenacht
gesülze eveR- ich ertrage das rauschen nicht mehr das unaufhörliche nicken deines kopfes fast headbanging zum katatonischen. piano

                                                                                                                                               eveR-/ piano


Michael Braun

Twittering Machine als moderne Lyra

Kurze Rede über Simone Kornappel  


Erlauben Sie, wenn ich mit einem sehr brauchbaren Satz von Bertolt Brecht beginne. „Es ist nämlich mit Gedichten“ – so Brecht - „nicht (immer) so wie mit dem Gezwitscher eines Kanarienvogels das hübsch klingt und damit fertig. Mit Gedichten muss man sich ein bisschen aufhalten und manchmal erst herausfinden, was schön daran ist.“
Auch in den Gedichten der Berliner Poetin Simone Kornappel werden sie kein wohlgefälliges, sozialverträgliches „Gezwitscher“ entdecken können. Sehr wohl aber ein Gedicht mit dem Titel „zwitschermaschine“, das Bestandteil eines zweiteiligen Poems ist, das einen von koreanischen Wissenschaftlern konstruierten weiblichen Androiden ins Zentrum rückt. „EveR-4“ heißt diese Konstruktion eines perfekten femininen Roboters.
In einer zweiten Textschicht erinnert das Gedicht „zwitschermaschine“ an ein berühmtes Aquarell von Paul Klee. Das von Paul Klee 1922 verfertigte Bild „Twittering machine“ stellt eine Art Tierautomat dar: Vier Vögel scheinen mit einer Kurbel bewegt und zum Zwitschern gebracht zu werden.
Die ersten beiden Verszeilen von Kornappels Gedicht „zwitschermaschine“ versuchen dieses Motiv von Paul Klee aufzurufen: „siehe oben: ein besetztzeichen stare nein starre ursonaten auf dem erdseil replikationen im uncanny valley das echo wie eveR...“
Wer Paul Klees Bild anschaut, mag diese Vögel tatsächlich auf einem „Erdseil“ versammelt sehen. Von diesem Bildmotiv ausgehend, öffnet Simone Kornappel ein Assoziationsfeld von technizistischem Vokabular und Naturwörtern und formt diese Kombination von fachsprachlichen Materialien und Naturstoffen zu einem lyrischen Gebilde von hoher Reibungshitze.
Die „Flashanimationen“ und „touchscreens“ unserer audiovisuellen Kommuni-kationswerkzeuge werden hier zum Beispiel gekoppelt mit den poetischen Meditationen des japanischen Dichters Matsuo Bashõ.
Diese Verfahrensweise ist typisch für Simone Kornappel. Die Texte der 1978 geborenen Dichterin kann man als fundamentales Misstrauensvotum gegen einen konventionellen Begriff des Schönen lesen. Ihre Gedichte sind eine radikale Spielart visueller Poesie.
Die „songlines“ und Bildlichkeiten der ehrwürdigen poetischen Tradition und die kalte Nomenklatur des digitalen Zeitalters prallen kunstvoll aufeinander. Ihr Gedicht „muxmäuschen“ zum Beispiel erscheint typografisch als Spirale oder als buchstabenbewehrte Schallplatte, die sich von außen nach innen dreht, zu einem Kern aus Stille.
Freilich ist die Dichterin auch misstrauisch gegen einmal erreichte Kombinatoriken der Bildelemente und metaphorischen Register auch in ihren eigenen Gedichten. So unterzieht sie ihre Texte immer wieder einer neuen Bearbeitung, bis die Bearbeitung einer weiteren Überarbeitung weichen muss – so dass sich schließlich der Eindruck der Unabschließbarkeit des poetischen Prozesses mittlerweile verdichtet hat. Das für Frühjahr 2012 bei Luxbooks angekündigte Debütbuch Simon Kornappels, der Band „Raumanzug“, ist im Herbst 2013 immer noch nicht erschienen, da sich die Autorin immer neue Modifikationen der darin versammelten Texte vorbehält – und auch realisiert.
Der „Raumanzug“ der amerikanischen Astronauten bestand einst aus zahlreichen Schichten verschiedener Textilien, Kunststoffe und komplexer Metalle. Simone Kornappels „Raumanzug“ besteht aus zahlreichen Schichtungen ineinander montierter Körperzeichen und Kunstzeichen. Und immer neue Legierungen dieser poetischen Stoffe sind offenbar nötig, um dem „Raumanzug“ die nötige Haltbarkeit zu geben.  

Simone Kornappels „zwitschermaschine“ veranschaulicht jedenfalls wunderbar die Beziehung von Bildender Kunst und Literatur, von figurativen und semantischen Elementen. Es lässt sich als Gemäldegedicht lesen wie auch als moderne Konfiguration von musikalischen, graphisch-visuellen und semantischen Zeichen. Was als poetischer Nachvollzug des Paul Klee-Bilds begonnen haben mag, geht immer mehr über in den Modus der Distanzierung: „ich ertrage das rauschen nicht mehr das unaufhörliche nicken deines kopfes fast headbanging zum katatonischen piano eveR piano“. So kann das alles zusammengehören: Eine Twittering machine als moderne Lyra.

 

KITECH-EveR-4



Paul Klee: Die Zwitscher-Maschine (Twittering Machine), 1922. Ölpause und Aquarell auf Papier auf Karton. Museum of Modern Art, New York

 
 

Michael Braun im Lyrik Kabinett, München

 

Simone Kornappel

 
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