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Sígurdur Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme

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Kristian Kühn

Das unsichtbare Abbild


„Der Mensch ist nach homerischer Auffassung zweimal da, in seiner wahrnehmbaren Erscheinung, und in seinem unsichtbaren Abbild, welches frei wird erst im Tode. Dies und nichts anderes ist seine Psyche.“ (Erwin Rohde: Psyche, I, 5f)

Sígurdur Pálsson mag für Deutschland eine Neuentdeckung sein, nicht jedoch für Island und den skandinavischen Raum. Literat, aber auch Theaterwissenschaftler und Filmschaffender war er, auch an Schauspielschulen tätig und als Journalist.

16 Gedichtbände sind von ihm seit 1975 erschienen, drei Romane, drei Erinnerungsbände, mehrere Theaterstücke, Opernlibretti, Fernseh- und Radiotexte, Übersetzungen aus dem Französischen (Genet, Arrabal, Eluard, Camus). 2007 erhielt er den isländischen Literaturpreis für seine Verbreitung französischer Literatur. 2017 zum Ritter des isländischen Falkenordens ernannt. Posthum schließlich 2018 - mit dem jetzt beim ELIF Verlag vorliegenden Gedichtband „Gedichte erinnern eine Stimme“ – für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert, der ihn damit einreiht in einen Katalog von Größen wie Tranströmer und Ekelöf.

„Gedichte erinnern eine Stimme“, im Original 2016 erschienen, wurde nun für den deutschen Sprachraum von dem eingespielten ELIF-Übersetzerteam Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer vorgelegt.

Gedichte erinnern also eine Stimme, was auch bedeutet, dass diese Texte selber  Stimme sind, sie erhalten und tragen und, als seien sie Wiedergänger, weiterleiten.

Ein ambitionierter Titel, auch Kapitel 1 des Bandes: "Feuer und Schatten", weil sie an die eigene Stimme beim Schreiben erinnern, dass es diese gibt, auch wenn sie vielleicht die leiseste ist, bei all den lauten diverser Rollen-Ichs. Diese Schatten im Feuer, sie erinnern wie Larven an frühere Hüllen, die aber immer noch nicht abgestorben sind und lauern. Und natürlich an das schattenhafte, kraft- und besinnungslose Dasein von Totenstimmen, von Manen. Nur Blut und Angst kann diese erwecken, vielleicht sogar dieses eigene Double als Totengeist, schon verstorben, wenn auch noch nicht tot, und als fahles Abbild im Hades bereits. Dieses schattenhafte Dasein des sich abspaltenden Totengeistes ist aber – nach uraltem Zombie-Glauben – ein selbständiges Wesen, das erscheinen und handeln kann, als Wiedergänger umgehen kann.

Nun wartet er auf seine Chance
er, den ich nicht beim Namen nennen will
wartet auf seine Chance, das spüre ich

Er kommt aber nicht an mich heran
so lange das Licht des Augusts

Träume
in Wörter verwandelt

Wörter verwandelt
In Träume
                     
Das erste Kapitel treibt die Stimmen, die Pálsson vernimmt, feinstofflich durch das Element Feuer. Dementsprechend sind seine Erlebnisse schattenhaft. Im „Innern des dunklen Cafés“ „kommen manchmal lichtdurchflutete Wesen aus der Dunkelheit, kommen wie im Flug nach vorn geschnellt und überreichen dir ein Din A4 Blatt und sind dann wieder verschwunden.“ Das Blatt löst sich zwar sofort auf, aber ein paar schwarze Buchstaben können aufgelesen werden. (Worte wie Brunnen, Stern, Ozean). Diese feinstoffliche Ebene als Double zur Realität ist bekanntlich auch in England, Schottland, Irland beliebt, so auch auf der kleinen nordischen Insel Island: „Hier am Rande Europas“.

Eine Stimme
immer eine Stimme
weit hinten im Traum

Eine Stimme die kaum zu hören ist
Eine Stimme die nicht verstummt
Seltsam

Eine Stimme die das Leben ist
Ich spüre sie
Weit hinten im Traum

Immer    
                                                                      
Der Dichter kann ihr nicht entweichen, sie dringt von tief innen und ist laut. Sie ist autark, spricht, singt für sich selbst, wie ein kleiner Schöpfer. Und Pálsson erschrickt, als er von einer weisen alten Frau vom „Alphabet des Feuers“ hört. Es verändere sich ständig, dieses Feuer – „schöpferisch und vernichtend zugleich“.

Laufend würden neue Buchstaben entstehen und sofort verbrennen.
    Neue Buchstaben, ein neues Alphabet!
    Eine neue Bedeutung entsteht und verbrennt im selben Moment.
Fortwährend.
       
Wohlgemerkt, Pálsson arbeitet mit diversen Rollen-Ichs, ist nur zum Teil von dieser inneren Stimme infiziert, das wird deutlich in seinen abschwächenden Wiederholungen, in seinen rituellen Setzungen, und in gewissen pseudomythischen Traumbildern: Sie sitzen im Traum am feurigen Gedankentisch. Dann geschieht es, dass „oben vom Dach / ein Papierflieger hinuntergesegelt kam / und direkt vor unseren Füßen landete / mit dem Satz des Tages / gesprochen mit leiser Stimme:

Ihr sollt
das eine erkennen
hinter der Vielfalt

Eine Menschheit
Hinter den betrügerischen Gestalten“
         
Da schreibt dann nicht mehr das Double im Hades, sondern seine lebendige Phantasie und Denkkraft:

All diese Gedichte
sind tief im Innern
wie Katzen hervorgeschlichen
allein für dich
     
Sein Kopf deutet dann auch den Mythos von Eros und Psyché um. Statt dass, wie im Mythos, die Neugier Eros‘ Flügel versengt, der irdischen Liebe wegen, verwandelt sich bei ihm umgekehrt der brennende Tropfen in Flügel:

Meine Seele hörte eine Stimme
im Herzen der Nacht
eine Stimme die die Macht übernahm
die Stimme des Eros

Und:

Eine Seele mit dem Licht einer Lampe
im Herzen der Nacht
Ein Eros mit Flügeln

Dieser Hang zum Kitsch, der immer nur dann auftaucht, wenn Pálsson etwas weiterdeutet, das als die Stimme vernehmbar war, sei es, weil die Erinnerung eine Lücke hinterließ, sei es, aus formalen Gründen zur Abrundung eines Gedichts. Dann fehlt das Orakelhafte, Magische, dann setzt ein ordnender Verstand ein und befriedet sich selbst.

Wir kommen zum zweiten Kapitel des Bandes, das schlicht „Erde“ heißt und diesem Element schreibend gewidmet ist. Und auch dem Gewissen hinter einer Vielfalt von Stimmen. Pálssons Gedichte kennen die jeweilige mit ihr geschriebene Rollen-Ich-Stimme. Auch wenn es um das Sterben geht und um dieses mystische Empfinden, dunkle Nacht der Seele genannt, ihr zu vertrauen und nicht zu verzweifeln, sondern den guten Ausgang zu erwarten:

Dann wird deine Reise
voller Licht                                 

Hier findet sich das schönste Gedicht in meinen Augen, als Gesang des Toten, mit dem Titel „Gesang“:

Heute Morgen habe ich in Gedanken gesungen
und auf der rechten Seite war eine Landschaft
und auf der linken Seite war eine Landschaft

Ich wollte nicht für ihn singen
wollte auch nicht über ihn singen

Wollte nur über das Leben singen

Ich habe keine Angst vor ihm
er kommt wenn er kommt
„Sei gegrüßt, wann immer du willst“

Und ich singe weiter über das Leben
und die Landschaft auf der rechten Seite
und die Landschaft auf der linken Seite
                    
Dass er in diesem Gedicht bereits seinen Tod vorwegnimmt, verrät sein doppelter Verweis auf die Landschaft rechts und links im Zwischenreich, die in alten Itineraren als Wegmarke des Verbleibs nach dem Tode markiert ist. Ich kenne die Aufmachung des Originalbands nicht, vermute aber, dass ELIF diesen Raben auf dem kahlen Ast als Piktogramm auf manchen Seiten von dort übernommen hat. Er symbolisiert in antiken Kulten (siehe auch Poes „The Raven“) den Magier, der den untersten Weihegrad erreicht hat. Mit anderen Worten, unter der Erde geht’s weiter, denn da begegnet der Dichter seinem unsichtbaren Double dermaleinst oder bereits im Traum, in der Manie, im Sterbensprozess.

„Ich erinnere mich, dass ich im zweiten Zimmer gewohnt habe, und dass von dort eine türlose Öffnung in das andere Zimmer führte, ein winziges Zimmer, aber doch mit zwei schmalen Betten darin, die, abgesehen davon, dass die Farbe und die Stimmung hellblau waren, an Van Gogh erinnerten und ebenso, bis auf die zwei Betten statt der sieben, an die sieben Zwerge.
Und dort habe ich diese knappe eine Woche alleine gelebt.“
(Aus „Habe am letzten Abend in Lahti den Waldweg gefunden“)
   
Nun zum dritten Kapitel, das den „Stimmen in der Luft“ gewidmet ist. Diese, nennen wir sie „Gedichtstimmen“, bleiben als Stimme erhalten über den Tod hinaus. Denn die Sprache spricht sich wie eine Matrix selbst und fließt als solche auch – ohne Bewusstheit des Ichs – über Schlaf und Tod weiter. Sie ist quasi der Wiedergänger.

Als Motto für dieses Luftprinzip verwendet Pálsson ein Zitat von Ilya Kaminsky:

„Ein Dichter ist eine Stimme, sage ich, wie Ikarus,
              flüsternd zu sich selbst,
             wenn er zur Erde stürzt“

Für Pálsson ist die Luft aber nicht nur der Atem des Lebens, er ist auch pneumatische Feuerlohe, die einen feinstofflichen Körper verleiht, möglicherweise für das Weiterleben: er bittet um diese fluide Körperstimme als Seher, „um von der Schönheit Zeugnis abzulegen“ und auch von der Gerechtigkeit, so als wolle er sterbend einem inneren apokalyptischen Gericht entgegentreten. Dann aber ist da der „alte Wurzelstock / mit der dunklen Stimme“ – offenbleibt, ob er sich selber sieht oder die Ahnen, die im Innern zu vernehmen sind?

Aber ich muss davon sprechen
dass ich den Windhauch erwachen sah
während die Düsenjets Streifen
auf die Seiten des Himmels schrieben
                  (Stimmen in der Luft, 3)
       
Es folgen Stimmen unterschiedlichster Art (vom Wind wie Böen getragen). Sind sie in der Luft, ergreift ihr Sturmbraus auch schnell die Köpfe. Aber es sind auch Stimmen zu vernehmen, die nicht in der Luft liegen, die von Innen kommen, aus anderen Zyklen und nicht sozusagen vom Kopf aufgefangen und umgesetzt werden,

Ich wache gern mit einem Satz im Kopf auf
einem Satz der mir eingeflüstert wurde
zwischen Wachsein und Schlaf

Diese Sätze sind
wie Naturgesetze oder Orakel
es fällt schwer sie zu bestreiten

Sätze wie:

Die Stative tragen nicht die Musik sondern die Blätter
(Stimmen in der Luft, 8)
            
Körper also wie Notenblätter, vergänglich im Wind, mit denen aber Musik vermittelt werden könne – als Inschrift, die verschütt gehen kann, aber auch wie Menetekel aufflammen. Das leere Blatt enthält die Inschrift der Stimme, ob man diese nun hört oder nicht. In potentia.

Aus tiefer Erinnerungslosigkeit kommt diese Bürde, ich weiß nicht, wie sie aussieht.
Auch nicht, auf welche Weise es möglich wäre, sie zu heben.
(Stimmen in der Luft, 10)

Ebenfalls 10:

Es sind wahrscheinlich Wiedergänger der schwarzen Jahre. Nicht ein schwarzes Meer, nicht ein Heringsschwarm. Nein, Wiedergänger …

Das letzte Kapitel ist den zwei Wassern gewidmet, dem himmlischen und dem unterirdischen. Da mittlerweile der Körper nicht mehr wahrgenommen wird, handeln diese Gedichtstimmen von Farben, löchrigen Erinnerungsbildern, von Synästhesien. Und schließlich, als Schlussgedicht, von der Liebe:

Woher kommt diese
strahlende Fröhlichkeit?
All dieses heilige Glück?

Wasser in einem strahlenden Becken
Strahlendes Wasser in einem Becken
         
Gedichte als Spiegelungen also, in potentia lebt man in ihnen und mit ihn weiter, in actu ist man hier geboren – schreibend – eigentlich schon tot. Ein Buch über das Schreiben gewissermaßen.


Sígurdur Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme. Isländisch / deutsch. Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Nettetal (ELIF Verlag) 2019. 129 Seiten. 20,00 Euro.
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