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Sibylla Vričić Hausmann: 3 Falter

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Verschlungen und verzahnt, doch offenbar –
14x Annäherungen an Sibylla Vričić Hausmanns Debüt „3 Falter“


Vorweg: nach einigen Anläufen habe ich es aufgegeben, eine schlichtere, alle Kapitel auf einmal abdeckende Rezension zu diesem Gedichtband zu verfassen. Auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt, stehen die 14. Kapitel mit ihren jeweils drei Texten zu sehr für sich selbst. Eine Rezension die nur den Band als Ganzes bespricht und nicht direkt auf die einzelnen Kapitel eingeht, kann (zumindest bezeugen das meine eigenen Versuche) nur stark eingeschränkte, im schlimmsten Fall missverständliche Eindrücke vermitteln.

Aus diesem Grund nähere ich mich im Folgenden in vierzehn kurzen Abschnitten den jeweiligen Triptychen an. Ich werde immer noch viele Fäden liegenlassen, fürchte ich, denn es gibt ihrer unzählige. Ich wage hier bloß eine ganz persönliche, spielerische, lediglich anknüpfende und nicht unbedingt erschöpfende Auseinandersetzung.

I

Kapitelname „rot“. Das erste Gedicht „rot 3“. Biggs, bist du es? Konzentration! An Star Wars zu denken wird mich hier nicht weiterbringen. Erste Diagnose: Eine Post-Idylle mit traurigem lyrischen Ich. Als Zweites ein Gedicht über Christine de Pizan (eine der ersten Feministinnen, Autorin des Buches „Das Buch von der Stadt der Frauen“). Ein Stimmenschnippen, ausgelotete Selbstbestimmung, auf Zeilen gespannt. Drittes Gedicht: eine Szene am Strand, mit kindischem Zorn, kindischer Scham und dem Gedanken an Form, Form zwischen Sand und Marmor
„die Zehen stehen unverbunden
in den Schlappen, kenntnisreich gemeißelt. wenigstens sie
erscheinen mir passend, auch der helle Lack. ist ein makelloser.“

Im Anfangs- und Endgedicht findet eine feine, aber auch grobe Verschmelzung (schmelzendes Gestein: rot; Zunge: rot) statt: Flüchtige Motive (ein Taschentuch bzw. Sandgeformtes), mit denen sich die eigene Empfindung dem Übergreifenden, viel größer als das eigene Dasein, ausgesetzt sieht.

Rost ist rot. Der Herbst als Erosion des Lebens. Der Sand am Strand, die jahrtausendealte Erosion und das lyrische Ich eines jungen Wesens, nicht zu solcher Ewigkeit bestimmt. Christine de Pizan ist seit 600 Jahren tot. Rot das Blut. Rot die Morgen- und die Abenddämmerung. Die Kürze der Tage, einfache Frage: kann das in der Vergangenheit Versäumte endlich nachgeholt werden? (Ist die Liebe denn rot?)

II

„Federn“ der Titel. Gleich zu Anfang ein Gedicht voller Raben.

„Boten vom Sportplatz / Von Kastanienbäumen (früher). Wenn wir im Herbst dort Blätter klaubten / verwirrt vom Draußen-Sein bei Dunkelheit / spielten wir Provokateure. Dann flogen sie Kurve. /formierten sich über Köpfen / vielleicht tröstlich.“

Nach Trost wird gesucht, unruhig und fahrig. Zeilenweit nur finstere Gefilde hier, mit zitternden Maschen versehen, manchmal auf, manchmal unter der Oberfläche. Bedrohlichkeiten, zunächst Raben, dann Kindheitsängste, dann, im letzten Gedicht, Er, der Barock. Alle drei Gedichte enden ohne Trost, ihn ausblendend.

„Wir setzten unser Überwintern fort.“

„Warum war die Brücke morsch? Warum war es Nacht?“

„Immer gab es etwas / das nicht aufging.“

III

In einem Buch voller Dreifaltigkeit ist das dritte Kapitel vermutlich etwas Besonderes.
Es geht um „Verwandelungen“ und „diesses Werck“. Wandeln und Wrack? Wand-Lungen und Klick?

Eigenwilligkeit, vorangetrieben; Orthographie mal obsolet. Schön zu lesen, wie sie faserig, fieselig, fistelig wird, die Sprache, während es in einem Gedicht um Raupen geht, in einem anderen um eine Ananas. Zum L- und Achen, diese Zersetzung. Spontan liebe ich diese beiden Gedichte. Ich liebe sie wie guilty pleasures, aber liebe sie vor allem für ihre tropfenden, saftigen Worte, von denen man nicht weiß, wie man sie konsumieren soll – und schließlich beißt man einfach hinein.

IV

Vorangestellt ein Zitat von Unica Zürn. Ich ahne Anagramme, nahm ich da was vorweg?

„seelger Quarts, meuchel mir
Qualmer, Muschler, Seetiger.
umschleiert am Wuer-Segler
quert er All-Gesumme sicher“

V

War das Meer früher ein feuchteres? Aber war früher nicht alles intensiver, waren wir nicht mehr im Wind, mehr Piraten, mehr Fantasie? Waren wir nicht mehr in der Aussicht als in der Einsicht zuhause?

„ueber
kurschatten springen und pirat sein, fesche
meuterer finden und der himmel ist erdbeer-
creme, fruehste farben probiert er und verwirft
sie wieder“

Auf Kindheitsmotive abzielend, zunächst. Aber gerade das letzte Gedicht mehr ein Spiel mit gesponnenem Seesehnsuchtsgarn. Sehnsucht nach der See und Sehnsucht nach der Kindheit: gibt es da eine leichte Wesensgleichheit, die hier hervorgezogen wird? Im Gegensatz zu den anderen Kapiteln wirkt dieses hier fast flach, gegen nichts antretend, was aber eher angenehm als störend ist. Das letzte Gedicht hat einen wirklich schönen Schluss.

„raue szenen
letzte kuesse und immer wieder neue
erste schritte und tatorte an ok
sich anfuehlenden schultern“

VI

„brittleness, literally bright stars, brutal brilliant millions
of bricks, bridled brickbats, like mixed pickles, glittering
christmas letters, read, glossy reddish rubbed shxx-letters”

The writer beats the system by moving biliterations to poems. Inwiefern geht es hier um Sylvia Plath, bei diesen drei Gedichten um den „christmas bear hug“?

Es gibt, so weiß ich, eine Kurzgeschichte von Plath über einen Campingaufenthalt, in dessen Verlauf ein Bär die Scheibe des Autos einschlägt, die Vorräte auffrisst. Ihr Ehemann Ted Hughes schrieb ein Gedicht über dasselbe Ereignis, das sie beide auf einer Reise durch die USA erlebten. Doch in Plaths Geschichte kehrt der Bär zurück und tötet den Ehemann.

Aber die Verbindung zum Film The Revenant, dieser Ein-Mann-Show, dieser überbordenden Männlichkeitsidiotie – schlicht ein Bärenkampf? Geht es hier um eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern und wie der Bär als Motiv für die Probe der Männlichkeit herhalten muss? But: why christmas? Wegen dem Weihnachts-Mann? Vielleicht falten sich schlicht drei Motive ineinander. Ein Trick, der nachdenklich stimmen soll. Hier enden meine Dechiffrierungsversuche.

VII

Der Bär scheint erlegt, jetzt geht es um „Felle“.

„wir stehen vor dem Loch, vor der Stelle, dem Stern
ich versuche, dich nicht zu berühren, was gar nicht so leicht ist“

„das fell macht es schwierig, sich einzeln zu stellen“

„wie funktioniert das so rote Lämpchen, das das Grübeln
mittig außer Gefecht setzen soll?“

„vielleicht ist unser Liegen nur ein kraftloses Kriechen; oder Stapeln“

Das schöne Fell, das Begierde regt, aber welche Art von Begierde: Berührung nur oder auch Besitz? Ist es Schutz, Ableitung oder auch Identifikation? Es ist gar nicht leicht auszukommen – und raus aus dem Fell, aus der Haut, kommt man zu Lebzeiten schon gar nicht. Der Versuch, durch den Winter zu kommen … durch die Kälte der Schöpfung gegenüber ihren Geschöpfen und die Kälte der Geschöpfe unter- und zueinander.

VIII

„pas de deux“, der Tanz zu zweit, „(peut-être)“, (vielleicht).

„schmalen Anschauungen von Begehbarkeit, Fortschritt
bewegen sich wenig bodenständig, wie nebensächlich, in Pirouetten
mich an ihnen zu versuchen, sie zu streifen oder mein zu machen
durch Blicke, Synchronschritte, gemeinsame Interessen.“

„nebulös sammelt
mich etwas ungefähr dort, wo du bist.“

Ein schöner Tanz, mehr umeinander als miteinander. Mehr Annäherung als Umgang. Selbst etwas Vages sein wie der Tanz, und doch etwas Absolutes wie das Herzklopfen, wie das Begehren, das beides ist: vage und absolut.

Das Gegenüber durchblättern, sich selbst vor ihm manifestieren, möglichst ohne Oberflächen, mit viel Tiefe – oder umgekehrt? Der Tanz ist schließlich, wie das Schreiben, Bewegung, man kann nicht verweilen. Dennoch der Versuch, die Harmonie zu wahren im Fortlauf, das gelungene Zusammenspiel von Worten und Inhalt, von den zwei Paar Schritten, von den zwei Menschen, die miteinander tanzen, sich vielleicht nähern, vielleicht gemeinsam etwas bilden wollen.

IX

Wieder pas de deux, diesmal in Klammern: „(les garçons)“, (die jungs).

Diesmal Roadmovie, mit Waffen. Von Fahrten im Regen ist die Rede. Vom Schießen in den Bergen auf Dosen und allerlei. Kopfgetunkte und gleichsam kopflose Gefühle brechen sich bahn.

„muss mich komplett verstecken, um meine Scham zu verstecken.
mein Blut, sein Verstummen, ich möchte ein Taumeln mit dir.“

Leicht bedrohlich, wie ohne Halt, die ganze Atmosphäre. Das lyrische Ich als ein rollender Stein, in heat. Auch die Waffen sind warm, aber um sie warm zu kriegen muss man mit ihnen schießen, viel.

X

„du warst nicht bei mir
nur meine Füße waren weiter weg als mein Gepäck oder die EU oder
der Mond der staubige Himmelskörper“

Gerade begonnene Liebe schwirrt herum, überreif und süß. Idyllisches Ausloten, Abwandern der Welt, mit nicht bestickten Worten, glatt und durchsichtig. Erinnerungsversiertes Auslassen von Fragen oder Antworten. Ein Nachempfinden und vielleicht ein Trauern. Beeindruckend, wie sich die Lyrik dieses Kapitels fallenlässt, wie sie Hintergründe Hintergründe sein lässt.

XI

Falte und Geschlecht; Falte und Schönheit. Falten im Gesicht und Faltenröcke. Dreifaltigkeit und untereinander aufeinander verweisende Männlichkeitsbezüge. Einige der Falter werden für ihr buntes Federkleid geschätzt, die ohne buntes Federkleid gelten als Ungeziefer.

In den drei essayistischen Passagen vom elften Kapitel geht es mitunter ein bisschen kalauerhaft zu, sprunghaft auch, in der Mitte wirkt das Ganze leicht parodistisch. Weibliche Selbst-behauptung, Dreifaltigkeit selbdritt, Falttechniken, Maria Sibylla Merian (eine Wegbereiterin der Insektenkunde), gruppiert, aber nur lose verbunden.

„An mehr Autorinnen glauben. In unterschätzten, fast vergessenen Texten denken, mit ihnen Freundschaft schließen. Das macht sehr großen Sinn. Verwicklungen, Kurzschlüsse und ersponnene Übertragungen sind dabei, meine ich, erlaubt. Denn: Sich auf eine kleine, feine Tradition beziehen zu können, ist wichtig für das eigene Selbstverständnis. Für den Mut, zu sprechen.“

Dieses Endstück des dritten Textes, schön und leuchtend, leuchtet mir als Conclusio des Vorangegangen dennoch nicht ganz ein; vielleicht will es auch keine Conclusio sein. Es klingt außerdem wie eine Rechtfertigung, was schade ist, denn es sollte keine Rechtfertigung nötig sein, oder? Vielleicht geht es ja wirklich einfach nur um Dichten als Auftischen. Dichten als Nennen und nicht unbedingt Erkennen.
 
XII

Wandlungen zum Zweiten; wieder mit eigenwilliger Orthographie (geht es dabei auch um die Unterdrückung weiblichen Schreibens, die aus dem Ruder laufende Orthographie als Selbstbestimmung, als Befreiungsschlag?).

Weiter geht es auch hier mit Maria Sibylla Merian, der Erforscherin der Blüten und Falter. Hässlich soll sie gewesen sein, viele Autoren erwähnen das anscheinend voller Wohlwollen, als wäre es eine Auszeichnung – mit dieser Information beginnt das erste Gedicht.

„ja, sie hätte ihre Raupentalente nimer gebildet
wäre sie selbst zur zierde erlesen wesen
[…]
wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.“

Die drei Gedichte sind eine gelungene Verschmelzung des Raupen- und Schmetterlings-Motivs mit den Welten weiblicher Geschlechtlichkeit, mühelos wirkend und Sprachtriebe und -blüten hervorbringend. Erotik und Zärtlichkeit liegt darin, aber wiederum auch eine Selbstbestimmung, eine Entladung, das Einrichten und Verdichten einer eigenen Empfindungs- und Erfahrungswelt.

XIII

„meine Erkenntnisse wachsen zu langsam
           in der Geschwindigkeit
von Fingernägeln, die pro Mond nur eine Sichel schaffen
die dann zwischen Teppichfasern
           verlorengeht
                       und dem Sofabein
           (ich möchte dein boyfriend sein)“

Nach allen Seiten offene Liebesgedichte oder besser gesagt: Verliebtgedichte. Diese drei unter dem Titel „Bartschatten“ operierenden Texte wirken fast unbekümmert, schwärmerisch, wie grinsende Skizzen, schmale Tollheiten. Man grinst mit und würde gerne das eigene Herz auch mal wieder tollen lassen.

XIV

„frage mich, wenn du die Flügel-
türen des Triptychons öffnest, mich, tut sich
ein Raum auf? oder Bild, das du nicht betreten kannst?
(nicht wirklich)“

Welch (Meta-)Frage zum Schluss. Soll dies ein Evaluationsaufruf sein oder ein Versuch, zur erneuten, genaueren Lektüre zu inspirieren?

Bild, das man nicht betreten kann? Solch eine offerierte (Selbst-)Kritik stimmt natürlich nach-denklich … Ja, viele Bilder konnte ich nicht betreten, aber ich hatte das Gefühl, dass das so sein sollte. Dass mir manche Bilder versperrt bleiben sollten.  

Liebe und weibliche Selbstbestimmung sind häufig Motive in diesen Texten. Es scheint allerdings so, als wären sie sorgsam voneinander ferngehalten worden, getrennt voneinander gedacht. Ob und inwiefern das sinnig und/oder problematisch ist, will ich gar nicht beurteilen; es sei bloß angemerkt.
 
Ein mannigfaltiges Debüt, ambitioniert, form- und sprachbewusst, mit viel Stoff zum Nach-denken, aber noch mehr Stoff zum Sinnen, Abtauchen, zum Einlegen und Abklopfen. Zum Falten: sowohl auseinander wie ineinander, an bestimmten Linien entlang.
 

Sibylla Vričić Hausmann: 3 Falter. Gedichte. Leipzig (poetenladen Verlag) 2018. 96 Seiten. 18,80 Euro.
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