Schreibheft 83 - Signaturen

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Schreibheft 83

Rezensionen
 



Jan Kuhlbrodt

Parallelen



In der letzten Woche landete das Schreibheft 83 auf meinem Schreibtisch, und ich wundere mich schon gar nicht mehr darüber, dass diese Literaturzeitschrift mich zu wahren Jubelstürmen hinreißt. Immer enthält sie ein zwei furiose Entdeckungen. Dieses Mal versammelt sie unter anderem Texte von Esther Kinsky, Serhij Zhadan, ein von Olga Martynova und Oleg Jurjew herausgegebenes Dossier zur Leningrader Untergrundliteratur und ein von Steffen Popp zusammengestelltes Dossier zu Uwe Greßmann. Quasi im Intro Texte von Mekas und Ostashevsky.

 
 

Von letzterem ein Poem, das Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt heißt. Übertragen wurde es von Uljana Wolf und Monika Rinck. Ein wenig neidisch bin ich auf diese Arbeit schon, vor allem auf den Moment, wenn sich die Nebel einer fremden Sprache lichten, und ein Text im Deutschen Form gewinnt.

 

Hört nun von Schiffbrüchigen,
die von Pi den Wert nicht kannten,
sie prägten sich etliche Nahkommastellen ein,
aber wie es weitergeht wissen sie mitnichten.


 
 

Vielleicht liegt ja hier, in diesem ominösen unbestimmbaren Wert der mystische Link zwischen Sprache und Mathematik. Einer Verbindung, der schon der Oberiut Daniil Charms nachgeforscht hatte.
Das ist übrigens ein Hinweis darauf, sich das Heft unbedingt zu besorgen, denn es lässt mich daran denken, dass ich seit Jahren versuche, zwei längst vergriffene Ausgaben des Schreibheftes vom Anfang der Neunzigerjahre aufzutreiben, die ein zweiteiliges Dossier zur Petersburger Autorengruppe OBERIU enthalten. Dieses Dossier wurde von Peter Urban herausgegeben, der im letzten Jahr verstorben ist. (Ein unermesslicher Verlust für die Literatur). Im aktuellen Heft ist er mit einer Übersetzung vertreten, die eine seiner letzten Arbeiten sein dürfte. Es handelt sich um Oleg Grigoriews Prosatext Ein Sommertag erzählt von einem Knirps.

Das Dossier An verlassenen Stätten - Die inoffizielle Literatur in Leningrad von 1960 – 1980 dokumentiert eine Phase der Verhärtung der Bedingungen der Leningrader Literatur, die nach der kurzen Tauwetterphase nach Stalins Tod einsetzte. Es ist ein Schreiben jenseits der Publikationsmöglichkeiten: Der Beweggrund zur Entstehung der inoffiziellen Literatur war in erster Linie die Selbstachtung. Kein schlechter Grund. Das schreibt Oleg Jurjew in seinem Essay Die geheime Revolution.

Und auch in diesem Dossier wieder grandiose Übersetzungen. Vor allem haben es mir die von Daniel Jurjew (Michail Jerjomin) und Anja Utler (Sergej Stratanowskij) besorgten angetan. Und vielleicht liegt gerade in diesen Texten eine Parallele zum nächsten Beitrag, nämlich dass man sich in kosmologischen und religiösen Sphären versucht, sich dem eisernen Zugriff des (sozialistischen) Realismus zu entziehen. Und genau das ist es, scheint mir, was diese Texte jenseits des Dokumentarischen am Leben erhält.

Gegen Ende des Heftes findet sich ein mit Gedichten gefüllter Essay von Steffen Popp über den Lyriker Uwe Greßmann. Und wenn man mich fragte, was meiner Meinung nach von der in der DDR geschriebenen Lyrik übrig bliebe, würde ich ohne Zögern Greßmanns Gedichte nennen, auch seine Großen Entwürfe zu Faust.
Und wenn ich weiter darüber nachdenke, ist es mir weiterhin unverständlich, dass seine Arbeiten immer noch als Geheimtipp kursieren. (Vor einiger Zeit habe ich einem befreundeten Autor ein Exemplar von Greßmanns Buch Vogel Frühling überlassen und erntete darauf hin euphorische Mails. Wer Greßmann säht …)

Was diesen Ton erdet und damit poetisch ermöglicht, das heißt produktiv macht, ist sein vorbehaltloses Interesse an und unbefangener Zugriff auf eine Wirklichkeit, in der weltumspannende Visionen und prekärer Alltag von ästhetischen Vorgaben unbeeindruckt nebeneinander stehen. Das schreibt Steffen Popp.


Allein dieser Satz sollte den Leser zu Greßmanns Gedichten und epischen Entwürfen greifen lassen. 1982 erschien im Leipziger Reclam Verlag eine von Richard Pietraß besorgte Auswahl mit Texten, Lebenszeugnissen und Erinnerungen unter dem Titel Lebenskünstler. Dieses Buch wurde für mich und einige meiner Freunde zu einer Art ständigen und unverzichtbaren Begleiter.

In einem bis lang unveröffentlichten Text Adolf Endlers unter dem etwas verstörenden Titel Informationen über Uwe Greßmann, den Popp seinem kurzen Dossier beigefügt hat, heißt es:

Wir sind sicher, dass eines Tages auch eine Gesamtausgabe seiner vollendeten Arbeiten ans Licht kommen und Greßmanns dann überschaubare „Welt“ nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland Freunde finden wird.  


Diese Ausgabe, der ich allerdings auch unvollendete Werke zumuten wollte, steht bis heute noch aus. Der 1933 geborene Greßmann starb 1969 an Lungentuberkulose. Ich hoffe, dieses Dossier trägt dazu bei, dass sich ein Verlag findet, diese angemahnte Gesamtausgabe in Auftrag zu geben.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch aus aktuellem politischem Anlass die Gedichte des Ukrainers Serhij Zhadan in der Übersetzung von Claudia Dathe und den Essay Esther Kinskys über eine Reise auf die Krim. Über ihnen schwebt schon etwas von der Bedrohung, die jetzt in einem Krieg sich entlädt. Aber gleichzeitig wird sichtbar, dass dieser Krieg im Nebeneinander der Literaturen eine wenn auch utopische Alternative findet.



Schreibheft 83. Hrsg. von Norbert Wehr. Essen (Rigodon-Verlag) 2014. 182 Seiten. Einzelpreis 13,00 Euro (Abo 4 Hefte: 36,00 Euro).

 
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