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Schreibheft 82

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Einiges zum Schreibheft 82



Es ist unmöglich, dieses Heft in seiner Gänze zu würdigen. Schon der Teil, der sich mit dem schwedischen Autor Lars Jakobson beschäftigt, verdiente einen eigenen Metaessay, zumal dieses Thema etwas zumindest für mich eminent spannendes hat, denn er geht von der Vorstellung aus, das jede Zeit aus ihrer momentanen Verfasstheit heraus ihre eigenen Zukunftsbilder entwirft, die mit ihr vergehen. Verkürzt könnte man sagen, die Zukunft unterliegt der Geschichte und das was Gegenwart ist, im Grunde also einmal Zukunft war, entspricht kaum den Zukunftsvorstellungen der Vergangenheit. Mit diesem Phänomen spielt Lars Jakobson in dem im Heft abgedruckten Text mit Auszügen einer Marsianischen Biografie, Gesprächen und Aufsätzen, die von einem höchst lesenswerten Essay von Thomas Fechner-Smarsly begleitet wird. Der letzte Text in diesem Teil handelt mehr oder weniger von der Lichtvergangenheit des Wolframfadens, der letztlich der real gewordenen politischen Utopie der quecksilberhaltigen Niedrigenergieleuchte Platz machen musste. In diesem Text (Der Lichtglobus) heißt es:

Die größten Städte der Welt sollen genauso wie die winzigsten Dörfer ausnahmslos auf elektrische Leitungen gefädelt werden wie leuchtende Ohrringe, wie einzelne glühende Perlen, und wenn die Weltraumstationen über uns auf verlassenen Bahnen kreisen, werden die Astronauten sehnsuchtsvoll in den Nachtschatten hinabblicken und die Lichter der Städte in miteinander verknüpften Trauben brennen sehen wie die phosphoreszierenden Flächen in südlichen Gewässern.


Ein weiterer Teil der Ausgabe gehört dem amerikanischen Dichter und Herausgeber Jerome Rothenberg, den es hierzulande endlich und nachhaltig zu entdecken gilt. Ein einleitender Essay zu Rothenberg kommt von Norbert Lange, der das ganze Dossier zusammengestellt und mit Ethnopoet überschrieben hat.

Wir lernen Rothenberg hier in der Breite seines Schaffens kennen, als Lyriker, Herausgeber, Essayist und Theoretiker, wobei die einzelnen Positionen seines Werkes ineinander übergehen, miteinander verschränkt sind. So schließt sich zum Beispiel dem Essay Säkulare jüdische Kultur/ radikale poetische Praxis, in dem Rothenberg eine Art poetisches Selbstverständnis formuliert, der Zyklus „Polen. Khurbn.“ an, in dem politische und kulturelle Herkunft vor der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts enggeführt werden. Die Auseinandersetzung Rothenbergs mit der eigenen Geschichte setzt auf bewundernswerte Weise eine Sensibilität und einen Entdeckergeist bezüglich anderer, z.B. der indigenen Kultur Amerikas frei:

Das Crossover des rothenbergschen Kosmos wäre insofern als Über-Setzen zu verstehen, als Erweiterung bzw. ethnopoetische Reformulierung. Schreibt Norbert Lange in seinem Einleitungsessay.


Dem Rothenbergteil schließt sich geradezu organisch ein Teil an, der mit Total Translation überschrieben ist und sich neben Rothenberg noch dem brasilianischen Dichter Haroldo de Campos und dem Amerikaner William Bronk widmet. Gerade von Bronk hatte ich noch nie etwas gehört, aber er ist eine wunderbare Entdeckung. Die im Heft abgedruckten Texte wurden von Nikolai Kobus und Stefan Ripplinger übersetzt:

Hier ein Bronksches Gedicht in Kobusscher Übertragung:


EXTERNE DETERMINANTEN

All die Mechanismen des Körpers – der erhöhte
Blutdruck, zum Beispiel, scheinen komplexer
als alles, was der Körper mit ihnen erreichen könnte,
wenn er es je täte. Unsere Formen sind nicht unsere Formen.


Unter dem Titel Der Übersetzerhelm wird darüber hinaus ein Text von Inger Christensen in der Übersetzung von Hans Grössel vorgestellt. Es ist eine der letzten Arbeiten des im vergangenen Jahr verstorbenen Übersetzers, und heißt Äther. Grössel ist nicht mehr dazu gekommen, den Text zu überarbeiten, dennoch gibt er einen interessanten Blick sowohl auf einen Aspekt von Christensens Arbeit, als auch den von Grössel frei. Mich überraschte vor allem der epische Charakter des Textes. Ein Fundstück erster Klasse.


Schreibheft 82. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Norbert Wehr. Essen (Rigodon-Verlag) 2014. 176 Seiten. Einzelpreis: 13,00 Euro.

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