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Sappho: Scherben - Skizzen

Rezensionen



Jörg Neugebauer


Verhaltene Ekstase
Zu: Sappho, Scherben - Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen


Sappho wurde von Platon die zehnte Muse genannt. Die übrigen neun müssen nicht gut auf sie aufgepasst haben, sonst hätten sie nämlich verhindert, dass nur etwa sieben Prozent ihres lyrischen Werkes erhalten blieb - und auch das fast nur in Form kleiner Fragmente. Diese aber sind durch ihren unvergleichlichen Ton einzigartig in der Lyrik bis heute, und so werden immer wieder zweisprachige Ausgaben ihrer Texte veröffentlicht.

Dirk Uwe Hansen, klassischer Philologe und selbst Lyriker, hat mehr als 30 Fragmente ausgewählt und seine Übersetzungen durch je eine eigene Nachdichtung ergänzt. Dabei ist er meist bestrebt, "ganze" Gedichte zu schaffen, in denen das Fragmentarische der Vorlage allenfalls gerade noch durchscheint:


Frg. 103 Voigt: (Die Punkte sind Textlücken)

...nenne...
...das Mädchen mit den schönen Füßen...
...Tochter des Zeus mit den Veilchen im Schoß...
...Zorn legt ab die Veilchenschößige...
...schöne Grazien, pierische Musen
...wenn das Singen...
...den hellen Gesang...
den Bräutigam, unangenehme…
...den Haaren, die Lyra abgelegt...
...mit goldenen Sandalen Eos.
..


Nachdichtung:

Denk dir eine
runde Schale
leuchtet oben Eos hervor in
goldnen Sandalen

Veilchen im Schoß in der Mitte die Tochter des
Kronos Grazien pierische
Musen/ warten auf
ringsum den Tanz zu beginnen die
schönen Füße der Mädchen.


Nun ist es einerseits ja unendlich bedauerlich, dass Sapphos Verse so unvollständig überliefert sind, und die Lust, daraus im Nachhinein doch etwas Ganzes zu machen, nur zu verständlich. Andererseits ist das so entstandene Ganze nur noch motivisch ("Schale", "Eos", "Sandalen" usw.) mit dem Original und der Welt, auf die es Bezug nimmt, verbunden. An die Stelle der bruchstückhaften, die Phantasie des Lesers beflügelnden einzelnen Verse tritt ein ganzheitlicher Zugriff, der, fast gar cartesianisch, im Denken seinen Ausgang nimmt und demgemäß allen Dingen ihren Platz zuweist ("oben", "ringsum" usw.), wodurch beim Leser das Offene der Verse Sapphos schwindet zugunsten einer vom vorstellenden Denken getroffenen Anordnung. Das, man könnte sagen, Anarchische, Chaotische, Impulsive, wie aus einem bebenden Inneren nach außen Drängende der sapphischen Verse wird in ein modernes Kalkül transformiert.


Aus einem das Wesen der Leidenschaft trefflich beschwörenden Zweizeiler

Frg. 48 Voigt

Du kamst, ich war verrückt nach dir,
der du mir den Sinn gekühlt hast, der vor Verlangen brannte.


wird in der Nachdichtung etwas geradezu buchhalterisch Nüchternes:


Du bist gekommen, schön, dann habe
ich mein Herz nicht umsonst für dich
brennen lassen/ es zu löschen.


Ein weiteres Verfahren von Dirk Uwe Hansen ist es, sehr kurze, einzeilig abgedruckte Fragmente, die gemäß der von Eva-Maria Voigt 1971 vorgenommenen Nummerierung der Fragmente aufeinanderfolgen, zu einem einzigen Text zu verbinden:


Frg. 51 Voigt
Ich weiß nicht, was ich tu. Zweifach sind meine Überlegungen.
Frg. 52 Voigt
Ich glaube nicht den Himmel zu berühren.
Frg. 53 Voigt
Den, der vom Himmel kam und einen purpurnen Mantel anzog
.



Nachdichtung:

Was weiß denn ich wo
hin und welche ich bin
so schnell

so weit der Himmel/ ist
nicht zu berühren und

wenn einer kommt von dort
der hüllt sich in Purpur.


Das Ergebnis ist gewiss den Versuch wert, hier bleibt das Ganze offen und ein spielerischer Charakter gewahrt.


Die antike, speziell Sapphos Dichtung "herüberzunehmen" ins Heute, ohne dabei ihre Wurzeln abzuschneiden, ist jedenfalls ein Unterfangen, das Versuche wie diesen von Dirk Uwe Hansen lohnt. Vielleicht gelingt es einmal, für das, in der vorliegenden fragmentarischen Form, oftmals geradezu zenhaft Schwebende von Sapphos Versen eine heutige Sprache zu finden. Hansens Nachdichtungen gehen diesen Weg schon ein Stück weit, sie sind gewiss nicht als letztgültige Lösung gemeint. Die poetische Arbeit am Sapphischen ist damit als Aufgabe gestellt, wobei Kenntnis, gar Beherrschung des Griechischen sicher nützlich wäre. Welcher heutige Lyriker aber beherrscht diese Sprache? Hansen tut es, doch wohlweislich verzichtet er darauf, die griechischen Originaltexte mit abzudrucken. Anstelle des Rückgriffs auf den Originaltext (der mangels Sprachkenntnis flachfällt), könnte mal ein eher meditatives Verfahren versucht werden, das von den vorliegenden mehrfach übersetzten Fragmenten ausgeht, jedoch kein abgeschlossenes Ganzes zu schaffen im Sinn hat, sondern sich im Schreiben offen hält für das, was sich zeigt, sowohl in den überlieferten Bruchstücken als auch im daran anknüpfenden Schreibvorgang. So könnte erneut Bruchstückhaftes oder auch etwas entstehen, woran man als Schreibender anfangs noch gar nicht gedacht hat, etwas, das scheinbar mit der "antiken Welt" gar nichts mehr zu tun hat, aber jener verhaltenen Ekstase Raum gibt, die Sapphos Verse bis heute so einzigartig machen.



Sappho: Scherben - Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam (Udo Degener Verlag) 2012. 64 Seiten. 6, 90 Euro.

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