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Sandra Burkhardt: wer A sagt

Rezensionen / Verlage


Michael Braun

Alphabet und Ornament

„wer A sagt“: Gedichte von Sandra Burkhardt


Es ist ein Merkmal radikal moderner Gedichte, dass sie alle vermeintlichen Selbst-verständlichkeiten und scheinbaren Gewissheiten einer mittels Sprache vollzogenen Welt-erfassung aufkündigen. Nicht nur das völlig prekäre und meist haltlose Wort „Ich“ steht hier mitsamt seinen grammatischen Implikationen auf dem Prüfstand, sondern bereits die vor den Formulierungsroutinen liegenden Subjekt-Objekt-Verhältnisse. So fangen auch die Gedichte der jungen Leipziger Dichterin Sandra Burkhardt (*1992) ganz von vorn an bei der Annäherung an die Formen, Muster und Gegenstände unserer Lebenswelt: „Man steht nachts auf und findet sich ohne Körper vor, nur noch die Augen übrig, die man selbst jedoch nicht sieht. Noch müssen sie sich an die Dunkelheit gewöhnen, die sich als Fläche auf alles legt….Wie ist das jetzt zu verstehen? Hat man am Ende gar nicht zwei Augen, zwei, sondern eines, sodass alles zugleich vor, auf und nebeneinander ist?“ Weder auf das Auge noch auf das Ohr oder die Zunge ist Verlass. Sandra Burkhardts Gedichte tasten erstmal die Umrisse der Dinge ab und die Voraussetzungen unserer Wahrnehmungsapparatur. Mit solchen akribischen Erkundungen im Blick auf die Konturen und Eigenschaften der Dinge und auf die Muster unserer Wahrnehmung entwirft Burkhardt in ihrem Debütbuch „wer A sagt“ ein Dutzend poetischer Zyklen, in denen unsere Gewohnheiten des Sehens, Fühlens, Tastens und Schmeckens geprüft werden. Einige dieser Zyklen, die zwischen Lyrik und Prosa changieren, sind streng konzeptuell angelegt und erfassen in kühl-präzisen Beschreibungen die „Konstruktionskoordinaten“ von Naturdingen oder Alltagsgegenständen.

An anderen zentralen Punkten geht es um die poetische Erfahrung des Ornaments und seiner Muster in Tapeten oder Teppichen, etwa im Zyklus „Begehbares Terrain“, der sich gewissermaßen der Textur von fünf Teppichen aus der islamischen Welt widmet. Das freie Ornament als eine Form ohne jede Zweckgebundenheit verkörperte schon in der Philosophie der Aufklärung das Ideal einer zweckfreien Schönheit. Auch bei Burkhardt ist nun das Ornament die Basis für eine Erfahrung des Kunstschönen. Und immer wieder wird dabei poetisch insistierend die Frage umkreist, auf welche Weise eine sprachliche Auseinandersetzung mit visuellen Phänomenen stattfinden kann. Das Gedicht wird dabei im besten Sinne zur „Schädelmagie“ (Thomas Kling).

Der titelgebende Zyklus „wer A sagt“ untersucht das Produzieren von Linien, Faltungen und Ornamenten auf verschiedenen Tüchern, wobei diese Motivik imaginär vermischt wird mit den diversen Operationen eines Kartenspiels. In „Ertragreiche Gebilde“ geht dann das mitunter spröde wirkende Konzeptuelle eine Verbindung ein mit dem Sinnlich-Musikalischen traditioneller Dichtkunst. So generiert das vom Reim getragene Nachdenken über einen Gebrauchsgegenstand wie den „Henkel“ einer Schale eine eigene poetische Musikalität:

Man tastet sich ans Fassen heran, denn etwas an den Schüsseln
sucht den Anschluss an Abgabe und Aufnahme, sucht die Schale,
die den Stoff nicht braucht, um sich selbst in Bewegung zu halten,
das Wasser und das Wissen, Generation um Generation, das Virale,
das man in sich trägt, verbreitet und von dem man sagt »sags weiter«,
das was alle Schüsseln und Krüge verbindet: das Ornamentale,
die Technik, das Becken zu erreichen, ohne zu kleckern, und das,
was immer wieder auftaucht und zum Wort wird als verbale Schale.

Ein weiterer faszinierender Zyklus, der nur auf den Innenseiten des reich mit Ornamentik ausgestatteten Bands zu finden ist, widmet sich den Mysterien der „Fischbahnen“, den Bewegungsformen des Zackenbarschs oder des Zitteraals und ihren Erscheinungen im Kraftfeld von Land und Meer. Das lyrische Ich wählt dabei die Perspektive der Wassertiere, aber die Ich-Figuration bleibt stets fluid, biologische Fakten verbinden sich mit erdgeschichtlichen Reflexionen und poetischen Resonanzen. „wer A sagt“: Sandra Burkhardt konfrontiert uns mit einem neuen poetischen Alphabet, damit wir zurückfinden zu dem, was in der digitalen Reizwelt verloren zu gehen droht: nämlich „Anschauung“.


Sandra Burkhardt: wer A sagt. Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2018. 80 Seiten, 22.00 Euro

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