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SAID: gänzlich verloren in dem wind

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SAID

gänzlich verloren in dem wind

 

nur ein musiker sitzt im zug, er hält seine tamburizza fest.
als der ice die ebene erreicht, setzt er sich zu mir.
- ich erzähle ihnen seine geschichte.
weiß er denn, wen ich besuche?
doch er schließt schon die augen und spielt.
dann steht der musiker auf, verneigt sich und steigt aus.
bis zur endstation sitze ich allein im großraum.
als ich aussteige, sehe ich nur pappeln; sie schützen den bahnhof vor dem bösen blick und vor dem wind.
der wind besteht aus bildern und gerüchten –
wäre das tier allein in diesem wind nicht gänzlich verloren?
hinter der baumreihe entdecke ich eine senke, in der sich ein haus abzeichnet.
ich gehe auf das gebäude zu, da ruft jemand.
dem haus gegenüber sitzt ein mann auf einer bank und winkt.
mit beiden händen hält er einen stock, das kinn auf die hände gestützt.
sein haar weiß wie auch der schnurrbart und dann die furchen um die nase –
sprechen sie für eine leidenschaft?
- ich bewache den wolf.
etwas in meinen augen verrät mich.
- er bricht schon nicht aus.
-warum sind sie so sicher.
- er ist nicht mehr resistent gegen menschen und ihre worte.
seine augen verunsichern mich, denn sie fordern nichts.
- ich belästige ihn ja nicht.
wir schauen uns an.
- übrigens, links im eingang hängt ein jugendfoto von ihm an der wand. seine augen sind erst mit dem alter blau geworden.
- was frißt er?
- ich teile mein essen mit ihm, manchmal bekommt er veilchen.
er zwinkert:
- sie wissen schon wegen seiner augen.
- hat er keine zähne mehr?
- doch, doch, aber er frißt kein fleisch mehr, seit die wölfin gestorben ist.
ich habe das gefühl, ich müßte etwas sagen und frage, ob ihm der wolf probleme macht.
- bei vollmond klettert er manchmal auf einen baum und betrachtet den mond.
er schmunzelt:
- wissen sie, es gibt kein verbot für alte wölfe, auf bäume zu klettern.
er blickt auf die erde, spielt mit dem stock und sagt:
- vielleicht ist er nachkomme jener tiere, die nicht entkommen sind.
ich frage, wie er zu dem beruf gekommen ist.
mit dem blick auf die erde antwortet er.
- es gibt einen gott, der mir nicht gehorcht; er hat mich in die nähe des wolfes gebracht.
jetzt betrachtet er die pappeln.
- gehen sie ruhig hinein und sehen sie ihn sich an. deswegen sind sie ja hier.
es klingt wie ein vorwurf. aber als er den kopf zu mir dreht, sehe ich nichts davon in seinen augen.
dann warnt er mich:
- er reagiert auf die sprache mit mißmut.
- aber wie soll ich mich verhalten?
- halten sie die zunge im mund, auf daß sie nichts berührt.
- sagten sie berühren?
er hält mit beiden händen den stock und schaut mich an.

juli 2015


 
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