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Sabina Lorenz: Zeit. Zeugen. Akten.

Gedichte



Zeit. Zeugen. Akten.

für Y.

Wenn wir wachen, wissen wir vom Schlaf. Wenn wir
schlafen, wissen wir nichts von unserm Wachen. Wie
sollten die Toten etwas ahnen, von uns, den Lebenden?
Zu Lebzeiten sprachen sie mit ihren Geistern, mit uns
sprachen sie nicht.

Wir schreiben immer dasselbe Gedicht. Damit
die Geschichte beginnen kann, irgendwann.
Wir sammeln Schriften in der Wand, Warschau,
Dachau, Namen für die Väter. Die wurden ganz
beiläufig verrückt.

All dieser Staub. Amtlich beglaubigte Rechenschaften,
Beweise, Unterschriften, wochenlange Schlagwort-
suche. Es war April, erinnerst du dich? Wir fuhren
nach Osten. So suchten wir, uns durch die Aneignung
des Fremden vertraut zu werden.

Eine schwierige Übung. Wir froren, als der Wind
in unsere Nacken biss, und wann immer wir fragten,
ernteten wir gefrorene Lächeln. Sie erwarteten
uns. Sie waren freundlich. Sie erzählten uns nichts,
was nicht schon die Akten wussten. Die Akten
erzählten nichts.

Zeit. Zeugen. Akten. Verbunkerte Jahre. Am Himmel
Nebenmonde, Lichtbeugung, und wir sehen brütende
Engel, gelangweilt, schon bevor wir kamen. Katzen-
sprung zu den Hungerhäusern, Transporten nach Cholm,
Post Lublin, nie vergessene Kostenrechnungen, hier:
getippte Namen, Heimatort unbek.

Es war April. Wir sprachen nicht. Das Schweigen
ergriff unsere Körper und nistete sich dort ein, wir
fragten nicht danach. Hinter der Holzverschalung
der Mansarde wüteten kleine Tiere. Dies ist ein
Bericht.


Sabina Lorenz: poet # 20, Literaturmagazin. Leipzig (poetenladen -
der Verlag) 2016.

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