Direkt zum Seiteninhalt

Rosa Luxemburg: Über den politischen Kampf der deutschen Sozialdemokratie

Diskurs / Poetik > Glossen
Rosa Luxemburg
Über den politischen Kampf der deutschen Sozialdemokratie


Die Reden von Heine und anderen haben bewiesen, daß sich in  unserer Partei ein äußerst wichtiger Punkt verdunkelt hat, nämlich das  Verständnis von der Beziehung zwischen unserem Endziel und dem  alltäglichen Kampfe. Da wird gesagt: Das vom Endziel ist eine hübsche  Stelle in unserem Programm, die gewiß nicht vergessen werden darf, aber  in keiner unmittelbaren Beziehung zu unserem praktischen Kampfe steht. Vielleicht findet sich eine Anzahl Genossen, die so denkt: eine  Spekulation über das Endziel sei eigentlich eine Doktorfrage. Ich  behaupte demgegenüber, daß für uns als revolutionäre, als proletarische  Partei keine praktischere Frage existiert als die vom Endziel. Denn  bedenken Sie: Worin besteht eigentlich der sozialistische Charakter  unserer ganzen Bewegung? Der eigentliche praktische Kampf zerfällt in  drei Punkte: den gewerkschaftlichen Kampf, den Kampf um die Sozialreform  und den Kampf um die Demokratisierung des kapitalistischen Staates. Sind diese drei Formen unseres Kampfes eigentlicher Sozialismus?  Durchaus nicht. Zunächst die gewerkschaftliche Bewegung! Schauen Sie  nach England, dort ist sie nicht nur nicht sozialistisch, sondern zum  Teil ein Hindernis für den Sozialismus. Die Sozialreform wird vom  Kathedersozialismus, den Nationalsozialen und ähnlichen Leuten ebenfalls betont. Demokratisierung ist aber etwas  spezifisch Bürgerliches. Die Demokratie hatte die Bourgeoisie schon vor  uns auf ihre Fahne geschrieben. Was macht uns dann in unserem  alltäglichen Kampfe zur sozialistischen Partei? Es ist nur die Beziehung  dieser drei Formen des praktischen Kampfes zum Endziel. Nur das Endziel  ist es, welches den Geist und den Inhalt unseres sozialistischen Kampfes ausmacht, ihn zum Klassenkampf macht. Und zwar müssen wir unter  Endziel nicht verstehen, wie Heine gesagt hat, diese oder jene  Vorstellung vom Zukunftsstaat, sondern das, was einer  Zukunftsgesellschaft vorangehen muß, nämlich die Eroberung der  politischen Macht. (Zuruf: »Dann sind wir ja einig!«) Diese Auffassung  unserer Aufgabe steht im engsten Zusammenhang mit unserer Auffassung von  der kapitalistischen Gesellschaft, dem festen Boden unserer  Anschauung,  daß die kapitalistische Gesellschaft sich in unlösbare Widersprüche  verwickelt, die im Schlußresultat eine Explosion notwendig machen, einen Zusammenbruch, bei dem wir den Syndikus spielen werden, der die verkrachte Gesellschaft liquidieren wird. Aber wenn wir auf dem Standpunkt stehen, daß wir die Interessen des Proletariats zur vollen  Geltung bringen können, dann wären solche Äußerungen unmöglich, wie sie  in der letzten Zeit gefallen sind von Heine, daß wir auch Konzessionen  auf dem Gebiete des Militarismus machen können; dann die Äußerung von  Konrad Schmidt im Zentralorgan von der sozialistischen Majorität im bürgerlichen Parlament und namentlich Äußerungen wie von Bernstein, daß, wenn wir einmal ans Ruder  kommen, wir auch dann nicht imstande sind, den Kapitalismus zu  entbehren. Als ich das las, sagte ich mir: Welches Glück, daß 1871 die  sozialistischen Arbeiter Frankreichs nicht so weise waren, denn dann  hätten sie gesagt: Kinder, legen wir uns ins Bett, unsere Stunde hat  noch nicht geschlagen, die Produktion ist nicht konzentriert genug,  damit wir uns am Ruder erhalten können. Aber dann hätten wir statt des  großartigen Schauspiels, des heroischen Kampfes, ein anderes Schauspiel  erlebt, dann wären die Arbeiter nicht Heroen gewesen, sondern einfach alte Weiber. Ich glaube, daß die Erörterung darüber, ob wir, wenn wir zur Macht kommen, imstande sind, die Produktion zu einer  gesellschaftlichen zu gestalten, ob sie schon dazu reif ist, daß das eine Doktorfrage ist. Für uns darf nie ein Zweifel  sein, daß wir nach der Eroberung der politischen Macht streben müssen.  Eine sozialistische Partei muß sich immer der Lage gewachsen zeigen, sie  darf nie vor ihren eigenen Aufgaben zurückschrecken. Dann müssen unsere  Ansichten über das, was unser Endziel ist, vollständig geklärt sein,  wir werden es verwirklichen, trotz Sturm und Wind und Wetter.

(Beifall.)

(Rede auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschland, 3. - 8. Oktober 1898 in Stuttgart)
Zurück zum Seiteninhalt