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Roberto Calasso: Über Karl Kraus

Zeitzünder


Roberto Calasso

Über Karl Kraus


(in "Die neunundvierzig Stufen", Kap. "Eine chinesische Mauer")


Der schon von den ersten Kritikern von Kraus erhobene und anschließend viele Male wiederholte Vorwurf, seine Essays seien "Mosaiken aus Aphorismen", trifft daher gewiß zu, ist aber kein Zeichen ihrer Schwäche, sondern ihrer formalen Neuartigkeit. Tatsächlich erscheinen viele der von Kraus in seinen drei Sammelbänden zusammengestellten Aphorismen zum erstenmal innerhalb seiner Essaytexte - und dennoch befinden sie sich am rechten Platz, einerlei, ob sie allein oder in ihrem Zusammenhang stehen. Allerdings wechselt dabei ihre Perspektive - und zwar selbst dann, wenn Kraus die Sätze übernommen hat, ohne sie seiner häufig geübten Verän-derungsarbeit zu unterziehen. Jetzt, vom Schweigen eingeleitet und gefolgt, ohne Voraussetzungen und Konsequenzen, nimmt das Wort dieses Schriftstellers, der jede Einzelheit auf der Waage absoluter Gerechtigkeit abwog, ausdrücklich jenen über die Wahrheit hinausgehenden Überschuß in sich auf: "Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit, er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb."* És ist dieser Überschuß, der das Gesamtwerk Kraus' vom Zwang des Gesetzes ebenso befreit wie von dessen Wehr: dem Beweis.


* Karl Kraus: Sprüche und Widersprüche, S. 161.


(1991)


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