Robert Stripling: Vergiss die deinen Geheimnisse nicht - Signaturen

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Robert Stripling: Vergiss die deinen Geheimnisse nicht

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Robert Stripling




    »Vergiss die deinen Geheimnisse nicht. Vergiss nicht, woher du kommst«, spricht eine Stimme wie von Großmüttern oder Tanten ans Ohr geflüstert; weder grausam noch vertrauensvoll. Doch aus der Gewissheit vor, dass sie grausam sprechen könnte : eine Stimme, die besagt, wovon ich abstamme. Nachts, antworte ich (vielleicht im Traum), bin ich vom Keller aus, weiter abwärts, in ein tieferes Gewölbe gestiegen. Eine feuchte, schmale Treppe. Steinern. Durch ein Gartentor abgesperrt, das ganz zerschlissen ausschaut. Ein Scheren- oder Kreuzzaun, wie man’s von Gärten kennt. Diese Rauten mit Hasendraht, zugenagelt. Doch klapprig bereits & offen an einigen Stellen; diese Latten, die bereits morsch & nur noch von rostigen Nägeln gehalten werden.
    Dieses alte Tor vor der Stiege, in die Tiefe. Hinter dem Tor zwei Hunde, die die Möglichkeit suchen, zu entkommen. Diese Tiere, die von unterhalb; vom unterm Keller gelegenen Gewölbe kommen müssen. Von woher sonst? Winden sich durch die Lücken, mit den Köpfen zuerst; dann mit den Pfoten vorbei. Kommen mir entgegen, im Keller; schnüffeln mir zu. »Wartet«, sage ich & greife sie an den Halsbändern.

    Sie wollen fort, doch gehorchen. Abgerichtete Tiere. Diese Treue, die nicht hinterfragt oder bestraft wird, so sie bricht. Ich stoße das Tor mit dem Fuß auf. Ziehe die Hunde die Stiege runter, tiefer; wie in die Unterschicht. Stufe um Stufe, vorsichtig; denn da ich die Hunde halte, bleibt keine Hand, die an den Wänden Halt suchen könnte. Wie kam ich in dieses Gebäude? Wo liegt der Ausgang, oben? Ich weiß, dass diese Kellergewölbe einem Theater angehören : sie stehen im Dienst; sind Teil jener Werkstätten, die dem Betrieb zuarbeiten. Verkommen, vom Keller aus. Verworrene Flure. Habe ich einen Fahrstuhl gesehen? Links, neben dem Gartentor; an dieser Wand aus nackten, d.h., unverputzten Steinbrocken; zwischen den Ritzen, wo Fledermäuse vermutlich kriechen würden, so’s welche gäbe hier unten? War dort der Weg, von wo aus ich kam? Schimmerte nicht, diese Stahltür eines Fahrstuhls?
    Weiter abwärts. Diese steinerne Stiege runter, mit den Hunden. Eine Werkstatt, sage ich, die dem Betrieb zuarbeitet. Doch hier geschieht es am Rand; in der Grauzone. Ungewiss, wer das Licht erblickt. Neonröhren, Köter. Ich komme, in das tiefere, unter den Kellern gelegene Gewölbe. Diese hohe Decke, die sich öffnet; wie ein Thronsaal oder aber kathedralisch fast. Unten lungern ganze Scharen, geduckt & lauernd zugleich, wüst & müde; in die Käfige gesperrt zum Teil; andere angeleint oder freilaufend gar. Hunde jedweder Rasse. Ihre Riecher nach mir ausgerichtet; doch gleichzeitig gewöhnt bereits, an den fremden Eindringling. Nur beiläufig schnuppernd. Ich gehe, mit dem Gedanken, dass ich sie freilassen könnte. Schuldbewusst zugleich, vor dem Hintergrund eines Gewissens, dass nachsehen muss, wem diese Hunde gehören. Dienstbeflissen. Als trüge ich die Verantwortung, für den rechtmäßigen Besitzer.

   Tiefer im Keller dann, sehe ich Damen, die fuhrwerken. An den Käfigen & Werkbänken. Eine Alte kommt mir entgegen. »Entschuldigung«, sage ich; ängstlich, in dieses Refugium eingedrungen zu sein. »Das Tor stand offen.« Man winkt mir ab; es sei schon in Ordnung. Doch bleibt eine eigentümliche Strenge; nur kurz weicht die Geschäftigkeit. Dann dieser misstrauische Blick derjenigen, die mir entgegengekommen ist : aufwärts, gen Treppe gerichtet. Als sei irgendetwas merkwürdig & wissentlich, dass nicht ich der Grund dafür sei. Denn da jemand ungefragt abwärts kommt, deutet es darauf hin, dass der Eingang unverschlossen liegt.
    Eine andere Dame nimmt die beiden Hunde ab. Bindet sie an. Leint sie an einen Pfahl. Die Alte bittet mich mit einer Geste hoch, zur Treppe wieder – ich folge. Aufwärts, in den ersten Keller zurück, von wo die Stiege ausging. Die nassen, steinigen Stufen hoch. Dann Gewissheit, als die Alte das zerschlissene Tor erblickt & zwei weitere Hunde bereits, zu entkommen versuchen. Sind durch das Tor geschlüpft & schnüffeln schon in den Ecken des Oberflächenkellers, nach einem Weg gen Freiluft. »Sehen Sie«, sagt die Dame »da stehen um die 800 Euro«, sagt sie wie beiläufig & weist auf die Hunde. Befiehlt sie zu sich & greift sie an ihren Halsbändern; sagt dann zu mir : »Sie kennen den Weg ja.« Ich nicke. Ich kenne den Weg also? Kein Fahrstuhl neben dem Gartentor, nur eine Eisenplatte, an die Wand gelehnt. Doch in der Düsternis, weiter hinten, ein Flur? Ein Treppenaufgang?

    Die Hunde sind ihr Geschäft. Sie bittet mich fort & schließt hinter mir das Gartentor; richtet die Latten, sodass kein weiterer Hund entkommen kann. Provisorisch. Doch mit dem Gedanken bereits, dass sie nun einige weitere Bretter & Nägel vielleicht, aus dem Gewölbe holen muss, um den Eingang ordnungsgemäß zu verschließen.
    Es ist ein Geschäft, denke ich, verboten & toleriert. Ein Geschäft mit den Viechern. Ich habe nie vergessen, woher ich stamme. Ich kenne den Weg nicht. Ich gehöre der Düsternis an & dieser gegenüber gestellten Helligkeit; aus einer unbekannten Lichtquelle. Ich blende. Kurzum : mich weisen die Extreme einer Haltung zu, die streunt. Photonenweise; wellige Schächte. Diese Keller merzen mich aus. Ich schwärze verwechselte Schatten. Wolken formierten Gewölbe; gestrige Türme füllten den Himmel mit Helle auf. Sie setzen mir zu. Die Düsternis eines betrunkenen Despoten. Ein Vater aus gläserner Nacht : die Welt bezieht sich. Die Tage rieten mir ab. Auf Schirme rieseln Blüten; der Sturm holt die Kommenden. Sitzkissen eines Cafés werden eingeholt; geschäftige Passanten. Als wollten sie vorm Regen unter ein Dach entkommen, noch bevor alle Besorgungen erledigt sind. Es ist nicht kalt, ich friere nur. Gibt es ein Zollamt, an der Grenze zum Sein? Eine Einkaufsstraße. Unterlassungen; Schwerverbrecher. In den Kneipen diese irr orakelnden Gesichter; Verwechslungen, die mich woben, in den Umstand wachsender Klarheit : ich bin das Kind mit den Schlägen; gefasst in Sicherheit & Verhängnis gleichermaßen.
    »An diesem letzten Abend«, schreibt Unica Zürn »den ich im Haus der Krankheiten verbrachte, war der Himmel in großen Farben : violett, grau & rot.« Oder von gewaltigen Watten durchzogen, denke ich; regnerisch bissig; aufgebauscht. Mit den schweren Wetten vors Nest. So sehe ich aufwärts, diese Straße entlang. Boutiquen, ohne Zusammenhang. Wie wechselnde Wetter. Stechend gewichtig, denke ich, derart von Verheißung durchzogen; mit der stetig sicherer werdenden Überzeugung, dass die Zustände wechselhaft bleiben. Ziehende Fächer; Rache; die ganze animalische Wut. Bald lachhaft weise. Hoch oben aber, ein Stern vielleicht oder Verständnisse. Diesem Schmerze, diesem Witz. Sie begreifen sich beide ohne Ankunft; sie rascheln vorbei. Ich bin es nicht, wo sie bleiben. Sie tragen mich weiter, zeitlos; von wechselnder Gestalt. Mögen die Widersprüche sich einig sein, in der Anmaßung, dass der Fehler bei mir liege – ich werde kämpfen um mein Wort, leise, wie Wind. Meine Geheimnisse, sage ich, wie Geschwister. Ich bin Einzelkind. Ich setze die Insel in mich aus : mein Mangel umschließt mich. Groß war meine Angst schon immer; sodass sie bald belanglos klang. Von Gewöhnung ersetzt – sie wartet mich ab. Wissentlich, noch immer. Die Angst als mein einziger Wams. Die Gestade wachsen; ich falle, klaffe. Ich kläffe.  

 
 
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