Renate Rasp: Bildnis - Signaturen

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Renate Rasp: Bildnis

Münchner Anthologie
 
 
 
 
 

Renate Rasp

BILDNIS



Ich rasiere
mir den Kopf.
Ohne Zähne
sehe ich dich
aus zwei dicken
Warzen an.
Mein Mund
wenn ich lache!
Ich bin fleckig.
Ich antworte
mit Gestank.
Meine Fingerspitzen
sind scharf und
ich säge Holz
mit den Händen.
Ich fühle mich
kalt an. Wenn
ich aufstehe
bleibt auf
dem Stuhl eine
Haut zurück.
Ich fresse
meinen eigenen Dreck.
Ich bin Dreck
in einem Haufen
schmutziger Wäsche.
Sage bloß
daß du mich nicht liebst, jetzt!


(1968 - in: „Eine Rennstrecke“, Kiepenheuer & Witsch, 1969)

 
 

Michael Braun

Notiz zu Renate Rasp



Es ist ein alptraumartiger Vorgang der Entleibung, der kontrollierten Selbstzerstörung, ein Gang durch den Abgrund aus Autoaggression und Destruktivität. Die Dichterin Renate Rasp, 1935 in Berlin geboren, verbündete sich mit der Hässlichkeit und der emotionalen Kälte, um zu einer verzweifelten Liebeserklärung zu gelangen. Das Gedicht, das dann in den Band „Eine Rennstrecke“ (Kiepenheuer & Witsch 1969) aufgenommen wurde, entstand in jenen turbulenten Tagen des Jahres 1968, als Rasp auf der Frankfurter Buchmesse eine Lesung mit entblößten Brüsten absolvierte. In diesem schockierenden Anti-Liebesgedicht tritt das lyrische Ich in einem masochistischen Akt der Selbstverletzung und Selbsterniedrigung seinem hass-geliebten „Du“ gegenüber. Alle romantischen Emotionen werden durch die brutale Demonstration des Ekels vernichtet. Die traditionellen Ingredienzen der Liebe – absolute Hingabe, wechselseitige Anerkennung, Schönheit und Ausschließlichkeit der affektiven Verbindung - werden in Rasps Gedicht mit kaltem Hohn bedacht. Vom ästhetischen Extremismus ihrer Gedichte und Romane irritiert, wandten sich die Matadoren des Literaturbetriebs seit den späten 1970er Jahren von Renate Rasp ab. Anfang 2011 erschienen in der „Neuen Rundschau“ ihre letzten Gedichte, von deren „elliptischer Rapportsyntax“ sich Michael Lentz fasziniert zeigte. Die radikale Dichterin, die seit vielen Jahren zurückgezogen in München-Gräfelfing lebte, ist am 21. Juli gestorben.

 
 
 
 
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