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Reinhard Kiefer: Warum wir sterben müssen

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Versuchsanordnungen des Vergehens, voller Erinnerungen gemischt mit Geschichte(n)


„Mancher, der auf sein Leben zurückblickt, tut dies mit Behagen. Sei es, weil er es als eine Kette von Erfolgen oder zumindest als Abfolge wichtiger Ereignisse ansieht. Demjenigen, dem ein solches Verständnis verwehrt ist, geht es dagegen, als stehe er auf einer Brücke und blicke von dieser in einen unergründlichen Abgrund.“

„Warum wir sterben müssen“ ist der dritte Teil von Reinhard Kiefers Satzbau-Reihe, die ersten beiden Bände „Vor der Natur“ und „Die Wiedereinführung der Sprichwörter“ sind 2001 bzw. 2009 erschienen. Laut Klappentext ist die Bezeichnung „Satzbau“ verwandt mit Kurz Schwitters „Merzbau“, einer raumfüllenden Installation, die Schwitters im Jahr 1923 begann und die sich bis 1937 über mehrere Räume seiner Wohnung erstreckte.

Mit diesem Kunstwerk, so der Klappentext, hat Kiefers „Satzbau“ vor allem das Prinzip der Collage gemein. Und in der Tat besteht das Buch zu einem Großteil aus verschiedenen Textgenres (Aphorismus, Tagebuch, Notiz, Parabel, Autobiographischem, Essayistischem, Kommentaren, Feuilletonistischem) und jeder Menge Zitatmaterial.

Es fällt daher auch nicht schwer, literarisch Werke heranzuziehen, die zumindest in Teilen vergleichbar sind: von Valérys Cahiers und Jules Renards „Ideen, in Tinte getaucht“ über Ludwig Hohls „Notizen“ und Henning Ritters „Notizbücher“ bis zu Marc Aurels Selbstbetrachtungen und Kafkas Parabeln. Auch Emil Cioran, der mit „Vom Nachteil, geboren zu sein“ einen verwandten Buchtitel vorweisen kann, winkt in so mancher leicht-pointierten Bemerkung zumindest aus der Ferne.

„Die Aufständischen erschlagen zunächst ihre Gegner und dann sich gegenseitig.“

Geordnet ist dieser Text-Mix, dessen Elemente doch immer wieder auf Umwegen miteinander kommunizieren, durch eine alphabetische Abfolge der Überschriften, die von „Am Gardasee“ bis zu „Zitate“ reichen. Diese Überschriften haben fast so etwas wie Stichwortcharakter (und man könnte sich manchen Text auch als 5-Minuten-Notat zum jeweiligen Stichwort vorstellen).

Viele der Beiträge tragen ein Datum, viele verlaufen nach dem Muster: Aussage/Zitat/Schilderung und dann Kommentar – wobei der Kommentar oft lediglich in neutralem Ton etwas zu bedenken gibt, etwas ergänzt, auf etwas Zusätzliches verweist und nur manchmal auf eine Absurdität aufmerksam macht oder dem Inhalt widerspricht, das Thema anders aufgreift.

„Hundert Milliarden Menschen sind, so wird geschätzt, auf diesem Planeten schon gestorben, die Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent.“ (Peter Kümmel, Die ZEIT 26.08.2010)
[…]
(Vermutlich glaubt jeder, er könnte die Ausnahme sein und an ihm würde die Prognose scheitern).

Die Bezüge und Zitate erstrecken sich von antiken Schriften bis zu Ilse Aichinger und Zeitungsartikeln der Gegenwart, scharfsinnige Feinjustierungen stehen neben eher profanen Ausführungen. Zum Beispiel gibt es einen kurzen Text über Andersens „Kleine Meerjungfrau“, in dem auf die Doppelbödigkeit der Erzählung hingewiesen wird – eine Erkenntnis, die, meines Wissens, schon zur Allgemeinbildung gehört und in vielen Publikationen bereits Thema war.

Aber auch solche Qualitätsdifferenzen sind natürlich folgerichtig, denn die Collage schert sich nicht um Belang, alles kann ein Teil von ihr werden. So bemerkt man als Leser*in nach einer Weile, dass Kiefer auch auf nichts Bestimmtes hinauswill, zumindest nicht übergreifend.

Weder will er die Sterblichkeit vollendet bedauern, noch die Absurdität der Sterblichen hervorheben. Zwar geschieht beides mehr als einmal im Verlauf des Buches, aber es sind nicht die Botschaften des Buches. Das ist mehr wie ein Drucker, der einfach etwas zum nächsten Stichwort ausspuckt, ohne zu fragen, ob der jeweilige Punkt beim Stichwort vorher angekommen ist, vermittelt wurde, ob die Leser*innen die Zusammenhänge bemerkt haben.

„Er schlendert auf Seitenwegen.
Straßen, auf denen man rasch ans Ziel kommt, interessieren ihn nicht.“

Einen Satz kann man bauen, ohne sich zu fragen, in was für einem Text oder Zusammenhang er vorkommen soll. „Warum wir sterben müssen“ ist ein ganzes Buch voller Satzbauten, die sich auf verschiedenen Arten und Weisen fern von größeren Zusammenhängen bewegen (auch wenn sie sich manchmal doch mittendrin wiederfinden). Nicht, weil sie ihnen aus dem Weg gehen, ihre Abseitigkeit ist keine Maxime, es ist einfach ihre Erscheinungsform; sie sind etwas Vereinzeltes, das nicht wirklich exemplarisch ist.

„Im Traum hatte er es gesehen: Das mächtiges Gebäude, nein, ein Gewirr von Gebäuden. Ein Labyrinth, in dem sich nie jemand hat zurechtfinden können. Zimmer folgt auf Zimmer. Jeder Raum hat seine eigene Gestalt, seinen eigenen Stil. Jedes Zimmer, jeder Saal, so darf man wohl sagen, erzählt eine eigene Geschichte. Wer auch nur in einen der Räume hineingelassen wurde, der war kaum mehr dazu zu bringen, ihn wieder zu verlassen. Und wenn er ihn dann verlassen hatte, trauerte er ihm ein Leben lang nach.“

Die Unausweichlichkeit des Todes trieb/bewog Elias Canetti dazu, sein letztes Werk zu schreiben, mit dem sprechenden Titel: „Das Buch gegen den Tod“. „Warum wir sterben müssen“, dessen Texte sich – zwar nicht zwangsläufig, aber doch immer wieder – ebenfalls mit der Unausweich-lichkeit des Vergehens auseinandersetzen, fällt dagegen etwas ambivalenter aus, wenn auch nicht weniger unversöhnlich. Voller Versuchsanordnungen, mit denen sich das Vergehen nachweisen lässt, weiß man nicht, wonach der einzelne Satz auf der Suche ist: nach einem Ende oder nach einem Anfang …

„Als er den Jungen beim Lesen beobachtete und dessen kindlich-ernstes Gesicht betrachtete, da stellte sich plötzlich der Gedanke ein, dass auch dieser Junge kein Junge würde bleiben können. Auch er ist dem Gesetz der unablässigen Veränderung und Zerstörung ausgeliefert, um sich schließlich zu verlieren. Das Gefühl einer großen Ungerechtigkeit, die den Weltbau durchzog, machte sich in ihm breit und ein Zorn auf die Weltordnung erfüllte ihn.“


Reinhard Kiefer: Warum wir sterben müssen. Ein Satzbau III. Aachen (Rimbaud Verlag) 2019. 156 S. 20,00 Euro.
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