Raoul Schrott: Erste Erde Epos - Signaturen

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Raoul Schrott: Erste Erde Epos

Rezensionen
 



Mario Osterland

... dass sich mal wieder einer an den Faust wagt.



Man muss Raoul Schrott schon allein dafür einigen Respekt zollen, überhaupt ein solches Projekt wie Erste Erde Epos anzugehen. Von latent größenwahnsinnigen Vorhaben träumen vielleicht einige Dichter, sie tatsächlich umzusetzen, gelingt hingegen nur sehr wenigen. Wobei die Kategorien „gelungen“ oder „nicht gelungen“, auf das fertige Buch bezogen, fast schon obszön scheinen. Denn was Schrott mit seinem 850-seitigen Epos versucht, ist nichts weniger als das aktuelle Wissen über die Welt poetisch aufzuarbeiten. Ja, das gesamte Wissen, könnte man tatsächlich sagen, denn Schrotts Erkenntnisinteresse ist unmissverständlich: „ich will verstehen wo ich bin und was“, heißt es im Kapitel Erstes Licht II.
Und ich bin beeindruckt, dass sich mal wieder einer an den Faust wagt. Natürlich im übertragenen Sinne. Aber Schrotts Ansatz, auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Gesamtbildes von Weltall – Erde – Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Verknüpfungen zu denken und zu schaffen, nicht zuletzt, um sich selbst in diesem Gefüge zu verorten, kann man getrost als faustisch bezeichnen. Daran erinnert auch die Szene, in der der ca. sechsjährige Raoul Schrott mittels eines Chemiebaukastens seinen persönlichen Urknall erzeugte:


 
 
 
 
 
 

Doch auch wenn Schrott in bester essayistischer Manier manchmal ins Anekdotische abdriftet und somit einen überaus komplexen Text auflockert, verliert er doch nie das große Ganze aus den Augen. Schrott dichtet nach der Wissenschaft, nach der persönlichen Anschauung und Erfahrung, gesammelt auf zahlreichen Reisen. Ob Johann Natterer, Christian Gottfried Ehrenberg oder eben sich selbst – Schrott gibt seine Quellen vorbildlich an und übersetzt und montiert die zu Rate gezogenen Vorlagen zu einer Art Gesang. Mal als lyrische Prosa, mal in freien Versen, mal in Endreimen sucht und findet er so Wege durch die Erd- und Menschheitsgeschichte ohne dabei eine letztgültige Route definieren zu wollen. Es sind die Abzweigungen, Querverbindungen, das Innehalten und auch die Rückwege von der Entstehung des Universums vor ca. 13,82 Milliarden Jahren bis in unsere Gegenwart, ins Jetzt („es hiess bloss wir lebten jetzt im anthropozän“), die diese poetisch-wissenschaftliche Reise so reizvoll machen.

 
 
 

Man könnte das Ganze auch als einen flow bezeichnen, in dem sich Schrott ganz der poetischen Sprache überlässt. Er kann das, weil er mit Erste Erde Epos beweist, dass er eine Art Grundvertrauen in die Dichtung besitzt. Die Frage, was Dichtung kann oder vielmehr, wofür man sie verwenden kann, als Werkzeug oder Vehikel gewissermaßen, scheint sich Schrott nicht zu stellen. Nur so scheint er dieses große Wagnis, von allem – also wirklich allem – zu sprechen wie ein Dichter, nicht wie ein Wissenschaftler, überhaupt eingehen zu können. Und so erfüllt Schrott die implizite Forderung Richard Feynmans aus dem Jahr 1957:


Unsere Dichter schreiben nicht über diese besondere Art von religiöser Erfahrung, die Wissenschaftler machen; unsere Künstler versuchen nicht, deren staunen-erregende Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen. Ich frage mich, weshalb. Wird denn keiner von  unserem heutigen Bild des Universums inspiriert? Der Wert der Wissenschaft bleibt  unbesungen: Sie müssen sich jetzt also damit begnügen, nicht ein Lied oder ein Gedicht  darüber zu hören, sondern einen Abendvortrag. Dies ist noch keine wissenschaftliche Zeit.


Dieses Zitat leitet den Anhang von Schrott Epos ein, in dem die wissenschaftlichen Fakten, die seiner Dichtung zu Grunde liegen, noch einmal in kurzen, sachbuchartigen Texten erläutert werden. Traut der Autor seinem Epos also doch nicht alles an Wissensvermittlung zu? Das schon, aber mit Hilfe des Anhangs geht Schrott noch einen Schritt weiter und liefert so etwas wie den Kommentar zu seinem Werk, kontextualisiert es und entgeht damit vielleicht dem Hauptvorwurf, den man ihm entgegen bringen könnte: Elfenbeintürmerei.
Fragt man sich also, warum Schrotts poetischer Gesang durch Raum und Zeit ausgerechnet in Neuseeland, genauer, in dem sich dort befindenden Höhlensystem Waitomo beginnt, erfährt man hier:

Als Neuseeland 1830 unter britische Herrschaft geriet, begann eine umfassende christliche  Missionstätigkeit. Während die meisten Maori ihre Traditionen der Bibel anzupassen  versuchten, fing um 1850 eine Gruppe von Denkern und Erzählern in der südlichen Hälfte  der Nordinsel an, ihre Mythen zu erweitern, um sie konkurrenzfähig zu machen. So entstand   – nicht lange vor den modernen Theorien zur Entstehung des Universums – die wohl letzte  mündliche Welt-schöpfungsgeschichte.


Und so bewahrt sich der Autor selbst davor, innerhalb dieses allumspannenden Epos die Bodenhaftung zu verlieren. Vielmehr bewegt er sich ständig auf der Kante zwischen „bloßem“ Faktenwissen und den Möglichkeiten der poetischen Sprache, neue Perspektiven und Anschauungsweisen auf das Gefüge von Weltall, Erde und Mensch zu richten.


alles zu weit hergeholt meinst du - ein fachidiot wie ich macht
selbst aus paarungsverhalten sudoku · worüber sogar gott lacht
selbst wenn wir beide nicht an einen glauben   · deshalb aber ist
unser leben noch lange kein logikrätsel ·



Raoul Schrott: Erste Erde Epos. München (Carl Hanser Verlag) 2016. 848 Seiten. 68,00 Euro.

 
 
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