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Rainer Komers: Worte Fliege Agfa

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Eigensinnigste Aufzeichnungen


„Aus dünnem Schornstein zwischen Bäumen steigt Rauch auf.
Ziellos sehe ich zu, wie der Rauch sich mit den Wolken darüber vermischt.
Dann beendet der Wind das kurze Spiel,
und weiter suche ich nach der Regel.“      

Der Band „Worte Fliege Agfa“ (Agfa war, soweit ich herausfinden konnte, früher ein wichtiger Hersteller von fotographischen Filmen und fotographischem Zubehör und stellt bis heute spezielle Fotomaterialien her) versammelt Gedichte von Rainer Komers aus den Jahren 1998-2018. Es ist die erste umfangreiche Lyriksammlung des Autors.

Den Leser erwarten aber nicht einfach Gedichte aus 20 Jahren, sondern vielmehr Aufzeichnungen in Gedichtform, voller Stimmungsbilder und Kommentare zum (Welt)Geschehen. Jedes Gedicht hat unten einen Vermerk mit Ort und Datum, außerdem sind sie durchnummeriert. Die Nummerierung reicht bis zur Zahl 619, allerdings sind nicht alle Nummern enthalten, schon das erste Gedicht des Bandes trägt die Nummer 2.

„Das Geräusch
eines vorbei fliegenden Flugzeugs
über etwas stülpen & damit etwas bedecken
das war die ursprüngliche Idee –
nur was überstülpt werden
was mit dem Geräusch bedeckt werden sollte
habe ich vergessen.“

Eine Art Tagebuch also. Darin: Beobachtungen, vielfältige, kombiniert mit Form- und Sprachexperimenten in verschiedenen Intensitätsstufen. Es gibt einige fast schon beschauliche Gedichte, manchmal, gerade zu Anfang, mit an die japanische Haiku-Form erinnernder Kürze. Manchmal sind diese beschaulichen Verse philosophisch, manchmal liegt aber auch ein gewisser Schalk in ihnen. Da gibt es zum Beispiel das Gedicht „Mikrofonprobe“:

„eine rote Schnecke
über einen zerplatzen Joghurtbecher
kriechen lassen“    

Im weiteren Verlauf bleibt der Band aber nicht immer brav und beschaulich, sondern dreht auf, stürzt sich fröhlich, zornig und kühn in formale Experimente und lässt in seinen Versen Kritik, Koketterie und einen Funken Irrwitz aufblitzen. Beeindruckend sind dabei sowohl die Bandbreite von Komers‘ Duktus, als auch die Vielzahl an offensichtlichen und subtilen Referenzen, Verweisen und Anspielungen, die er in seine Gedichte einbaut.

Mitunter scheinen einige seiner Gedichte auf den ersten Blick bloß krude Lamenti mit dynamischer Sprachfinesse zu sein. Aber Komers betreibt nicht nur gerne Spiele mit literarischen und sonstigen künstlerischen Vorbildern, sondern legt vielschichtige Bezüge in seinen Texten an.

„wolkenfelsen schweben vorbei an magritte-fenstern
der traummeister (p)isst in der mittagspause
apfel-pfeife
windräder drehen sich/drehen sich nicht vor horizontalem kraftwerksdampf
maus-hell-grau
bevor verwischter blätterfutürismus hinter fahler sonnengardine zischt vorbei
streifen mittel grau“            

Bei all dem liegt aber auch eine durchaus leicht anarchische Lust in seinem Schreiben, ein Wunsch, die Worte mögen sich aufladen und bahnbrechen, neue Wege schlagen, neue Bedeutungen erreichen. Während man im Band voranschreitet kann man miterleben, wie Komers sich nicht mit seinem Repertoire zufriedengibt, immer wieder neue Nuancen und Ansätze ausprobiert.

„der halbe mond treibt/segelt/rast im sturmtief franz
das glas wein/später essig/rote milch auf der kaputten waschmaschine die ganze nacht“

„die 3,48 €-generation: versucht sich im labyrinth den überblick zu verschaffen
auf die mauer/schaufensterscheibe gesprüht: yuppies ab in die spree/jesus ist scheiße
ein mann mit mondgesicht: um den mund herum ausrasierter vollbart
ein bündel wasserrohre hinten im wald: ein russisches mg“

„der Traum – ein QR Code
der ohne Schwarzblende am Bildfenster vorbeirollt
Schnitt – das Bild verschwindet“                    

Surreal angehaucht, dann wieder schlicht, manchmal stürmend, drängend, dann wieder eine Fläche, die spiegelt, abbildet. Diese Gedichte, dieses Beschäftigungsverzeichnis in Versform, dieser eigensinnige Katalog der Lebensindizien beschert seinen Leser*innen mit Sicherheit einige intensive Lektürestunden. Eigensinnig ist der Band, durch und durch, darauf sollte man gefasst sein. Aber dieser Eigensinn hat halt auch Charme und weiß immer wieder zu überraschen und mündet auch, mit einem Mal, in sehr zarte Beobachtungen.

„Auf unstillbar gereizter Netzhaut in der Kühle der Nacht:
ein menschenleerer Bahnhof, beleuchtete Uhren.
Über allem liegt erwartungsvolle Stille.

Halt, doch ein Paar, das aus den Schatten der Säulen,
die das schwarze Dach tragen, so unendlich
langsam sich liebend heraustritt.“            

An dieser Stelle also eine klare Empfehlung für alle Leser*innen, die sich auch ein bisschen auf ein Abenteuer einlassen wollen. In „Worte Fliege Agfa“ ist ihnen ein solches gewiss: jedes Gedicht kann neue Muster und Verfahrensweisen bereithalten, neue Horizonte sprengen. Ein pittoreskes, vielstimmiges, verspieltes, zartes und heftiges Vergnügen.  

„belgische schokolade als wegzehrung
am strand ein schild
das (…) wasser lassen von hunden, pferden und anderen tieren ist verboten
für einen moment die augen schließen
am institut für binnenfischerei“        


Rainer Komers: Worte Fliege Agfa. Ausgewählte Gedichte  1998-2018. Dortmund (edition offenes feld) 2018. 124 Seiten. 18,99 Euro.
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