Ragnar Helgi Ólafsson: Drei Gedichte - Signaturen

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Ragnar Helgi Ólafsson: Drei Gedichte

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Ragnar Helgi Ólafsson

Drei Gedichte




NOCH EIN PAAR
WORTE ÜBER SPIEGEL


Es wird erzählt
dass Gott, bevor er auf die Idee kam,
die Welt zu erschaffen,
in den Spiegel geschaut habe.¹

Das Spiegelbild
ist zunächst
ein genaues Ebenbild dessen, was gespiegelt wird,
doch
dann bekommt es ein Eigenleben.
So hat ein Gedanke über einen Gedanken
                                           die Welt erschaffen.

In Böhmen wirst du im Schlafzimmer
keinen Spiegel finden.
Dort wird es als sehr gefährlich angesehen,
wenn ein schlafender Mensch
sein Spiegelbild sieht.

In Böhmen wissen die Menschen,
dass ihre Selbstbildnisse zerbrechlich sind.

Eins gibt es, worüber ich immer nachdenken muss:
Was passiert,
wenn ein Chamäleon
in den Spiegel schaut?


¹
Zum damaligen Zeitpunkt gibt es weder Raum noch Zeit, geschweige
denn irgendeine Materie, und daher ist es wahrscheinlich, dass Gott
eher über Gott nachgedacht hat, als buchstäblich in den Spiegel
geschaut zu haben. Aber ein Gedanke über einen Gedanken über sich
selbst ist ja in gewisser Weise ein Spiegel.


---

DIESES UNAUSWEICHLICHE
(Hierhin gehört ein dramatischer Untertitel für Yves Klein)

Ich fordere es zum Duell,
es ist besser, ihm zuvorzukommen,
die Wahl des richtigen Zeitpunkts ist
                               der Beweis meiner Freiheit.

Es bestimmt die Waffen

und wenn das Duell dann stattfindet,
schieße ich absichtlich
daneben,

um dem Unausweichlichen nicht
                               seine Arbeit zu erschweren.

(Und um gleich jedem Missverständnis
vorzubeugen, so ist „das Unausweichliche“ nicht
zwangsläufig der Tod. Auch nicht alle Getränke sind
Champagner.)


---

DER BRUNNEN

Es fühlt sich so ähnlich an wie Einschlafen. Man
nimmt den Moment nicht wahr, in dem es passiert.
Du stehst am Rand des Brunnens, und bevor du es
merkst, bist du schon unten am Seil angekommen.
Für einen Moment bist du oben, im nächsten unten
auf dem Grund; stehst dort bis zu den Knöcheln im
Wasser. Technisch ist es möglich, das Tau wieder
hochzuklettern, aber jetzt weißt du nicht mehr, wie
es geht. Es bleibt eine theoretische Möglichkeit, eine
philosophische Idee. Nicht viel mehr. Hier ist es
dunkel und feucht und kalt. Hier zu sein ist gut. Es
fühlt sich so ähnlich an wie Einschlafen. Du merkst
es nicht, bis du eingeschlafen bist.

---

In Ragnar Helgi Olafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können. Lieder und Texte. Isländisch / deutsch. Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Nettetal (Elif Verlag) 2017. 144 Seiten. 18,00 Euro.

 
 
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