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Poeticon-Reihe

Rezensionen
 



Dirk Uwe Hansen


Vom Gehen und Dichten


Zur Edition Poeticon



Ich mag keinen Grießbrei. Das ist an sich nicht schlimm, hat aber meine Vorstellung vom Schlaraffenland in nicht wieder gut zu machender Weise geprägt. Wie sollte ein Genuss erstrebenswert sein, den man sich verdienen muss, indem man sich selbstverleugnerisch dem Überdruss in die Arme wirft? Als Kind schien mir das typisch zu sein für das mysteriöse Denken der Erwachsenen; und ich verstehe es bis heute nicht. Dies mag der Grund dafür sein, dass ich Dichtung („das Bleibende am Vergänglichen“ wie es Kuhlbrodt in seinem Essay Geschichte nennt) liebe, denn das „Gedicht macht sich. Selbst aus.“ (so formuliert Lichtenstein in ihrem Essay Geschlecht) und die Wege in dieses von nur wenigen bewohnte andere Schlaraffenland sind gangbar (vgl. Roths Essay Tradition) und nicht von Mauern aus Grießbrei versperrt.


Aber, mag hier ein fictus interlocutor einwerfen, Gedichte lesen ist anstrengend, der Genuss ist hier erst recht nicht ohne Mühe und Selbstverleugnung zu haben! Man könnte Reinecke für diesen interlocutor halten: „Wir müssen uns auf das Klein-Klein ihrer [der Sprache des Gedichtes] Verfahren und Stilzüge einlassen. Zeit mit ihr verbringen. Der Weg zu ihr lässt sich weder durch Weltklugheit oder allgemeine Instruktionen noch durch Mutterwitz oder Intuition entscheidend abkürzen,“ heißt es bei ihm in Gruppendynamik. Jedoch formuliert Reinecke dies eben nicht als Einwand gegen die Liebe zum Gedicht; im Gegenteil, wer wirklich „lesen lernt“, so zeigt er uns (hiervon später mehr), der erhöht den erotischen Genuss, und lesen lernt man auch ohne Selbstverleugnung.


Beweisen lässt sich das leicht, denn soeben sind im Verlagshaus J. Frank die ersten vier Bände einer neuen Essayreihe erschienen, die den programmatischen Titel Poeticon trägt:

Jan Kuhlbrodt, Geschichte. Kein Weg, nur Gehen
Tobias Roth, Tradition. Gänge um das Füllhorn
Bertram Reinecke, Gruppendynamik. Literaturprozesse am Beispiel von Lyrikwerkstätten
Swantje Lichtenstein, Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts

Alle vier Essays, um dies vorweg zu nehmen, machen Lust darauf, das Schlaraffenland den Grießbreifressern zu überlassen (die wahrscheinlich auch gebratene Tauben schlucken, ohne sie zu kauen – geschweige denn zu tranchieren) und sich dem Vergnügen hinzugeben, das im Lesen von Gedichten und über Gedichte liegt.


 
 

Jan Kuhlbrodt ist ein großer Leser. Und er ist groß darin, uns seine Lese- und Lebenserfahrung mitzuteilen. „Kein Weg, nur Gehen“ verspricht er uns bei seinen Überlegungen darüber, wie nach dem Verlust des roten Fadens, der Verstehen garantiert, noch nachgedacht werden kann über das Episodische, das Große und seine Konstruktion. Und tatsächlich wechselt Kuhlbrodt fröhlich die Pfade – oder schafft sie sich gleich selbst: Als Leser, Rezensent, Übersetzer (ganz nebenbei bekommen wir von ihm die feine Originalübersetzung eines Gedichtes von Tichon Tschurilin geschenkt), Dichter, Autobiograph (der auch einmal aus dem Gedächtnis zitiert, was in seinen Umzugskartons und im Bewusstsein der Zeitgenossen nicht mehr auffindbar ist) und Philosoph (allerdings einer, der frei ist von den beiden Kardinalfehlern, die Arno Schmidt seinen Philostratos den Philosophen zuschreiben lässt: er fasst „das Wesen der Zeit und des ichs“ eben nicht „viel zu einfach“).
So erweist sein Essay, was man nicht schöner als Kuhlbrodt selbst formulieren kann: „Geschichte ist kein Mantel, der sich über Trümmer legt. Geschichte sind die Trümmer selbst. Und das, was sichtbar wird in den Löchern dieses Mantels, der oft nichts ist als die Ideologie eines Erzählers, der behauptet sich zu wissen und zu wissen, was geschah, und der die offensichtlichen Lücken mit Sinn zuschüttet.


 

Auch Tobias Roth interessiert sich nicht für die zum Kanon erstarrte Oberfläche der „Tradition“ („Tradition als organisierte Form des Vergessens ist weit verbreitet, steht aber hier nicht in Rede“ heißt es bei ihm). Ihn interessiert Dichtung als „Tagebruch der Sprache“ (was für eine schöne Formulierung!) und die „praktische Wissenschaft von der Wiederholung.“ Er begibt sich in die Renaissance, führt uns dort die Debatte der Ciceronianer und Eklektiker lebendig vor Augen, und wieder in die Gegenwart zurück und zeigt, dass nicht die Frage ob, sondern wie ein_e Dichter_in mit der Tradition umgeht (selbst wenn er oder sie sich in die Tradition der Traditionsleugner stellt), interessant ist. Wie auch Kuhlbrodt zeigt sich Roth dabei als Feind von Eifertum und Rechthaberei (auch wenn ihm eine ganz herrliche Spitze gelingt gegen den Deutschlehrer als „kordsamtenes Männchen, dem Amaltheia selbst das Füllhorn darbietet, und der nichts als Wer den Pfennig nicht ehrt etc. über die Lippen bringt“). So ist dann auch sein Schluss ebenso versöhnlich wie lakonisch: „Der Garten hat keine Begrenzung, die Wollust kein Ende, wenn wir es nicht selbstquälerisch abschnüren... Begegnung und Gespräch. Was sonst.

 

Um Begegnung und Gespräch geht es auch in Bertram Reineckes Essay „Gruppendynamik“. Literaturprozesse will er am Beispiel von Lyrikwerkstätten darstellen und bietet ein Vademecum für alle, die an einer solchen Gruppe teilnehmen wollen (und es werden sicher viele, die seinen Text gelesen haben, diesen Wunsch verspüren). Zugleich aber ist sein Text auch eine Auseinandersetzung mit der alten Frage nach dem Handwerk der Dichtung und der „Kunstreligion von der persönlichen Stimme“, die er in schöner Weise entlarvt: „Man kann es als monströs empfinden: Wer auch nur in einer Hinterhof-Punkband spielt, hat vielleicht zwei Jahre sein Instrument gelernt, hat sich manches von Vorbildern abgeschaut. Bei der Lyrik scheint all das nicht nötig. Nur dort gibt es die spezifische Verrücktheit, dass man nach einem Vierteljahr mehr oder weniger regelmäßiger Schreiberfahrung daran geht, ein Buch zusammenzustellen.“ Das ist trefflich formuliert, wie überhaupt alle vier Essays voller trefflicher Formulierungen sind. Auch die schulische und universitäre Literaturvermittlung kommt bei Reinecke nicht gerade gut weg (noch ein Zitat, weil es so schön erschreckend ist: „Christoph Hönigs Neue Versschule, ein Universitätstaschenbuch von 2008, bietet metrische Kenntnisse, die ungefähr dem entsprechen, was sich in Zur Literatur für das Vorschulkind aus dem Jahr 1968 findet, einem Werk, das sich fortbildend an Kindergärtnerinnen wandte.“) Aber es geht natürlich nicht darum, einen traurigen Zustand nur zu beklagen. Reinecke zeigt, wie zum Schreiben das Lesen und zum Lesen und Schreiben das Sprechen über Dichtung gehört; sein Essay ist ein Plädoyer dafür, den traurigen Zustand zu ändern, sich der eigenen Dichtung, der Dichtung der „Großen“ und der Dichtung der anderen ohne Scheu, aber mit Sachverstand zu nähern. „Beim Sex verzichten wir gern auf ein Stück Romantik, um besseren zu haben. Sein Bedürfnisse zu äußern, gilt als heikel, aber auch als Zeichen der Reife – wo dagegen die Literatur heiliggesprochen wird, ist man genötigt, im Stand ewiger Unschuld zu verharren.“ Das ist wieder so ein trefflicher Satz ...

 

Beim Lesen von Swantje Lichtensteins Essay „Geschlecht“ bekommt man den Eindruck, sich nicht so sehr auf ein Gespräch über Dichtung einzulassen, wie vielmehr mit der Dichtung selbst. „Das Gedicht schlägt aus dem Geschlecht. Aus der Reihe. Vereint die Familienähnlichkeiten aller Künste. Klingt an und ab und hört nicht auf zu tönen“, so beginnt ihr Text und nimmt den Leser mit auf einen Gang, bei dem ihm hier und da der Kopf schwirren mag; wer eine Erörterung über Fragen geschlechtsspezifischer Lyrikproduktion und -rezeption erwartet hat, muss umdenken: „In der Zeitgenossenschaft des Gedichts steckt die Übertretung des Geschlechts.“ Mit Lust ergreift Lichtenstein die Möglichkeiten, die Geschlecht – Gender – Genre – Genus bietet und zieht nach Belieben Grenzen und löst sie wieder auf. „Aber das Gedicht steht allein im Raum.“ ... „Ich bin die Figur, die spricht, ich bin das Publikum, das mitspricht, ich bin ich, wie ich mich spreche und das Gedicht.“ ... „Es geht nicht weiter. Das Gedicht schon!, schreit das Gedicht aus dem Hintergrund und verwehrt sich gegen die Gleichmacherei seines Geschlechts und der anderen. Sanft ist anders. Laut ist anders. Das Gedicht macht sich. Selbst aus.“ Jeder Absatz in diesem Text stellt uns vor die Wahl, wohin wir weiter denken wollen, ob wir Lichtensteins Parenthesen folgen, oder das auf später verschieben. Und wäre ich ein Germanist, ich würde gleich im nächsten Semester ein Seminar veranstalten wollen zu Lichtensteins „sechs steilen Thesen zum Gedicht“.

 

Die vier Essays mögen so unterschiedlich daherkommen, wie die vier Autor_innen sind und sprechen – und das ist gut so – sie haben doch einiges (erfreuliches) gemeinsam: Sie sind eine (und machen) Lust zu lesen; sie sind voll von schönen Sätzen, in denen der Leser schwelgen mag; und sie sind lehrreich (Warnhinweis: Sie sollten sich bei/nach der Lektüre in der Nähe einer guten Bibliothek aufhalten), aber nicht belehrend (denn sie sind Gesprächsangebote) ; sie machen nicht satt (wie Grießbrei), sie machen Hunger auf Poesie.

Viele Leser wünsche ich dieser Reihe, den Lesern wünsche ich noch viele weitere solche ποιητικά („Verstehen“ wäre ein Thema, „Übersetzen“ allemal, Stadt – Land – Fluß, ach, man möchte mit dem Wünschen gar nicht aufhören).


Greifswald, September 2013

Edition Poeticon:
- Jan Kuhlbrodt: Geschichte
- Swantje Lichtenstein: Geschlecht
- Bertram Reinecke: Gruppendynamik
- Tobias Roth: Tradition
Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013, je 48 S., je 7,90 Euro.

 
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