Direkt zum Seiteninhalt

Poesie und Begriff, Teil 3

Rezensionen



Martina Hefter,
Jan Kuhlbrodt


Poesie und Begriff - Selbstversuch, Teil 3




Lieber Jan,

ich habe noch vergessen, bei Oswald Eggers Text zu schreiben, dass das ganze Falten, Falzen und Schneiden ja auch als Sinnbild fürs Gedichteschreiben stehen kann. Es ist ja gegen Schluß hin auch die Rede z. B. von “Silbenschnittschnipseln auf der Streifenfläche eines geschlossenen Verses”. Und das Gebastel wird immer pompöser und schwieriger.

Die nächste harte Nuss, eine wirklich große Schwelle, über die ich nicht drüberkam, aus Gründen, die ich weiter unten noch aufschreiben werde, ist der Aufsatz von Daniel Falb. Auch hier wieder, wie bei Monika Rincks Text (und es wird wohl bei allen weiteren Aufsätzen ähnlich sein), verstehe ich wieder einiges bzw. fast alles, so lange ich im Lesen bin, obwohl ich vom Thema des Aufsatzes nur ganz wenig weiß und von Pounds Cantos nur ca. zehn Seiten gelesen und von den Shakespeare-Sonetten nur einige überflogen habe (das wird sich in den nächsten Monaten ändern, ich versprechs). Daniel Falb hat aber seinen Text so umsichtig geschrieben, dass es mir leicht fällt, zu folgen. Er legt alles genau dar, gibt Beispiele, indem er Texte zitiert und analysiert, das ist sehr klar, auch völlig uneitel.

Insofern mag ich auch diesen Text sehr gern, oder vielleicht eher: Ich mag die Haltung des Textes. Ohne Vorsatz, so wirken zu wollen, wie ichs beschrieben habe, und nicht aus pädagogischen Impulsen heraus, was ja beim Autor die Vorstellung zweier unterschiedlicher Ebenen voraussetzen würde, Oben und Unten, bedenkt diese Haltung von vornherein Lesesituationen von Leuten mit, die sich mit dem Thema noch nie befasst haben. Das finde ich erstaunlich, und mehr als sympathisch. Es geht um Geld, Wucher, Pounds Cantos, um einige Shakespeare-Sonette. Wie und ob Wucher und Gedicht zusammenhängen, so in etwa? Das einzige, aber doch große Problem ist hier für mich, dass es mir schwer fällt, zu dem ganzen Themenkomplex Nähe herzustellen. Sollte ich aber! Es ist doch ein wichtiges Thema, Geld, Wirtschaftsdinge. Aber ich blockiere, wie im Turnen manche Leute vorm Kasten blockieren. Ich weiß nicht, was das genau ist, mir kommt es - zwar definitv nicht in Daniel Falbs Text!, sondern allgemein - auch gerade ein bisschen wie ein Modethema vor. Nicht bei Daniel Falb, wie gesagt, er spricht überhaupt nicht mutwillig darüber, ich spüre, ihn befeuert das alles wirklich. Aber ich schaffs nicht, über diese Kante zu hangeln. Schon allein deswegen, und natürlich auch, weil mir das Wissen dazu fehlt, werde ich es auch im dritten Teil nicht in ein echtes Gespräch mit dir über diesen Aufsatz schaffen, lieber Jan. Du bist dran.


Liebe Martina,

verzeih, verzeih, verzeih, wenn ich hier nicht unmittelbar auf dich antworte, sondern etwas ins Dozieren komme. Es ist mir nämlich ein Rätsel, warum Wirtschaft und Wirtschaftstheorie in der Schule so wenig Raum einnehmen. Kaum einer weiß, was Aktien, Derivate, Anleihen, Obligationen eigentlich wirklich sind, aber jeden Abend werden die Aktienkurse im Fernsehen verkündet und der Kurs des Euro.
Bei diesem Text von Daniel Falb jedenfalls dachte ich in folgender Reihenfolge: Salon! Tagung!! Kongress !!!
Falbs Text führt nämlich unmittelbar ins Herz der Finsternis. Pathetisch wäre zu sagen: finster ist ein Wissen, das nicht leuchtet, nicht ausstrahlt, sondern das Licht eines anderen Wissens schluckt. Dieses Herz ist natürlich nicht Falbs Text sondern die Ökonomie. Ein schwarzes Loch, als das wir die Ökonomie zu betrachten gewohnt sind. Eine Ahnung ist ihre Nähe, vor der wir erschrecken, weil wir in der Wirtschaft etwas Niederes, Brutales oder Böses sehen. (Als ob es ohne sie ginge. Ist sie es doch, die uns mit Treibstoff versorgt, das Künsteln uns ermöglicht.)
Das Verteufeln von wirtschaftlichem Denken ist die Abwehr unserer eigenen Lebensgrundlage. Und ist Dichten nicht auch ein Spiel mit der Ökonomie der Sprache?)
Wir wollen nicht wissen, dass die Bedingungen unseres Daseins durch Andere produziert und uns zur Verfügung gestellt werden. (Marx macht aus diesem Umstand ein sehr lustiges Kapitel in: Das Kapital.) Aber die Anderen sind wir. Und ein Gedicht, ein Lied, ein Bild ist dem Auto, dem Brot, der Aktie ein Anderes. Das heißt: wir alle sind allen anderen die ANDEREN.  
Hier ordnet er sich ein, Falbs Text, in Texte wie Warenform und Denkform von Alfred Sohn-Rethel, der die soziologische Begründung für die Möglichkeit solchen Denkens liefert, unser Denken, das letztlich in der ökonomischen Struktur unserer Gesellschaft liegt. (Zumindest behauptet das Sohn-Rethel, an Marx anknüpfend; das Buch steht hier im Regal, ich leih es dir gern in Vorbereitung des internationalen Falb-Kongresses, den wir vorbereiten werden, nicht weil es Mode ist, sondern weil das, was uns Mode scheint, eben das immer Wiederkehrende ist, weil es uns bestimmt, seine Wiederkehr ist keine ins Dasein, denn da war es immer, sondern ins Bewusstsein.)
Fest zurrt sich Falbs Text an der Verwendung moralinsaurer Begriffe wie Wucher, Begriffe, die in ihrer Bestimmung so offen sind wie Schönheit, und vielleicht liegt hier der Grund für ihren Eingang in die Dichtung. Mit diesem Kongress würden wir noch weitere Nägel treffen. So Pound, die Übersetzung, oder den Niederschlag des Antisemitismus in bestimmte ökonomischen Theorien, und die Analogien von Wirtschaft und Dichtung in spezifischen Rhythmen. Ich erkläre mich gern bereit, einen Vortrag über das auf den ersten Blick unerwartete Erscheinen des Namens Ezra Pound in den Tagebüchern Bertolt Brechts zu halten.


Weiter zu Teil 4

(Armen Avanessian, Anke Hennig, Steffen Popp:) Poesie und Begriff. Positionen zeitgenössischer Dichtung. Mit Beiträgen von Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Elke Erb, Daniel Falb, Steffen Popp, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht. Zürich (diaphanes Verlag) 2014. 198 Seiten. 24,95 Euro.

Zurück zum Seiteninhalt