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Pietro De Marchi: Das Orangenpapier

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Warum nicht malen, schwarz oder bunt?


„Der Bademeister war nicht mehr der Jüngste
und sicherlich hatte
er nicht viele Fortbildungskurse besucht.

Seine – empirische – Methode
bestand darin, immer mehr Luft
aus dem Schwimmring zu lassen.“

Pittoresk. Ich habe mich immer gefragt, ob das eher ein abfälliges Adjektiv ist (ähnlich wie manieriert) oder doch eher ein positives (wenn auch ein sehr abgehobenes, allzu bildungssprachliches). Wenn ich Pietro de Marchis Gedichte als pittoresk bezeichne, dann will ich sie damit eigentlich weder besonders rühmen, noch will ich ein abschätzig Urteil über sie fällen.

Das Wort fängt, meinem Empfinden nach, schlicht ein, wie diese Gedichte gemacht sind, wie sie an die Lesenden herantreten (in den deutschen Übersetzungen, auf die ich mich in diesem Fall einzig berufen kann). In diesen Gedichten ist kein großer Wortschöpfer, kein großer Verdichter am Werk und auch nicht unbedingt ein großer Erzähler, sondern jemand, der mit jeder Zeile Details hinzufügt, ähnlich einem Maler, der Stück für Stück ein Bild malt, einzelne Aspekte davon mit Pinselstrichen herausarbeitet.

„Alles geschah so in Eile, und der zunehmende
Mond, der auf dem rötlichen,
senkrechten Fels uns in einer
Silhouette vereinte, geht nun unweigerlich
unter, macht sich klein, wird Lichtpunkt,
Murmel der Finsternis,
welche birst.“

De Marchi ist durchaus ein begabter „Maler“ – vor meinem geistigen Auge entstehen schöne und eindringliche Szenen. Selbstverständlich sind diese Szenen nicht nur Bilder – da ist immer ein lyrisches Ich, dem das Dargestellte, auf sehr unterschiedliche Art und Weise, etwas bedeutet. Eine meist zu Anfang verdeckte, von den Worten im Verlauf aufgeschlagene Innenseite liegt im Text, die seinen Inhalt zu einer wertvollen Erinnerung, einem eindrücklichen Aufruf, einer kleinen Geschichte wandelt.

„Wie waren wir auch große
Kinder, mit unseren zwanzig
Jahren! Wie viele Wörter,
wie viele Schnörkel,
für die wenigen, die gereicht hätten:
ich liebe dich, liebst du mich auch?“

Vielleicht sollte ich teilweise zurücknehmen, was ich vorher gesagt habe. De Marchi ist natürlich ein Erzähler. Aber einer, der nicht den direkten Weg geht. Der nicht dort ansetzt, wo die Geschichte ihren Anfang hat, sondern bei ihrem klarsten Bild; einem Bild, welches für die ganze Geschichte stehen kann.

Viele Schnörkel auf einem Papier – ein Mann, der sich zum ersten Mal rasieren muss, an dem Tag, an dem der Weltkrieg ausbricht – Kinder, die auf einem Friedhof um ein Denkmal tanzen.  
    Solche Bilder.

Manchmal destilliert er aus diesen Bildern Geschichten, manchmal werden sie zu einem persönlichen Dokument, oder sie wenden sich zuletzt einer größeren Idee zu, wie es etwa in einem Gedicht über Graffitis in Lissabon passiert, bei denen er sich fragt, von wem sie stammen. Ihm fallen zunächst Banausen ein, Touristen, Schulkinder.

„Oder vielleicht auch nur Menschen, Menschen
ohne Adjektive,
doch alles Menschen, denen es plötzlich
wirr wird im Kopf und die meinen,
sie können nicht weggehen
ohne ein Zeichen zu lassen,
dass sie auch wirklich
dagewesen sind.
 
„Das Orangenpapier“ ist ein Gedichtband, der viele Momente bereithält, die erstaunlich offen sind, in denen man weit sehen, in denen man sich sehr frei bewegen kann, die etwas Ersichtliches, Zugängliches haben. Mir gefällt am meisten, dass der Band leichthändig ist, aber dennoch zwischendurch einige düstere, komplexere Überlegungen hinab geht. Dieser letzte Aspekt ist nicht der hervorstechendste, er ist eine Art kleines Feature.

Es gibt einige Gedichte in dem Band, die etwas Unheilvolles, Tragisches haben, das man aber nicht auf einen Nenner bringen kann; sie haben viele Gestaltungen. Wie Kapseln, die etwas verschließen, verbergen, aber gleichsam auch schützen, bewahren, sind diese Gedichte. Sie lassen sich schwer zitieren, da sie ihre Wirkung meist ihrem ganzen Aufgebot, ihrer ganzen Struktur verdanken.
    Ich zitiere zum Ende aus einem Gedicht, das etwas von beiden Richtungen, vom Düsteren und vom Leichthändigen, hat.

„und ich denk an den Sommer zurück,

als mich mein Vater am Telefon
gefragt hat, ob Post gekommen sei,
doch nicht für ihn unwichtige Sachen
wie Stromrechnungen oder Bankauszüge.

«Tut mir leid», sagte ich, «leider nichts.»
Und dann hat er diesen Satz ausgesprochen,

der mir jetzt andauernd in den Sinn kommt
(«Ich sehe, man glaubt, ich sei schon gestorben»)“
                       

Pietro De Marchi: Das Orangenpapier / La carta delle arance. Gedichte. Italienisch / deutsch. Übersetzt von Christoph Ferber. Zürich (Limmat Verlag) 2018. 160 Seiten. 38,00 Euro.
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