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Pierre-Alain Tâche: Abschied nehmen

Rezensionen



Timo Brandt


Die Schatten der Jugend und der schönen Künste, der Abschied vom Vater – „gilt es doch, wie du weißt, eins zu sein“.



„Die Quelle aus der ich trinke, jetzt,
schläft am Grund des Augenblicks,
der sie manchmal mit einem Blitz erschüttert.“


Der Band des schweizerischen Lyrikers Pierre-Alain Tâche ist in fünf Teile unterteilt. Der erste und der zweite Teil korrespondieren mit den Gedichten Arthur Rimbauds bzw. den Gemälden von Lucas Cranach dem Älteren, eines deutschen Malers aus der Renaissance, der lange Zeit am Hof Friedrichs des Weisen lebte. Der vierte Teil beschäftigt sich mit Atmosphären der Musik und der fünfte korrespondiert ebenfalls wieder mit den Gedichten eines französischen Autors, des Zeitgenossen Joël Bastard.
    Im Zentrum steht der dritte Teil, dessen Gedichte sich um das Abschiednehmen vom Vater drehen; darin gleichzeitig auch mit dem Zurückgeworfensein auf die eigene Existenz. Was sich zunächst wie ein loses Zusammenbringen unterschiedlicher Thematiken anfühlt, wird durch diesen dritten Teil, der quasi einen metaphysischen Schwerpunkt legt, mit einer klaren Intonation versehen: während hier die Sterblichkeit unverhüllt auftritt, glimmt in allen anderen Teilen das Wissen um das eigene Alter, die Ferne der Jugend, die Nähe des eigenen Ausklangs, in dem aber noch die starken Melodien des Lebendigen mitschwingen; gerade, wenn man sich mit Kunstwerken beschäftigt, die einen ein Leben lang begleitet haben.

„Und ich glaubte mich dazu bestimmt,
auf dem Gipfel einen Stern aufzuspießen,
quer hinauf über die Spalten der Nacht.
[…]
Heute ist es zu spät den Brief des Sehers
zu unterzeichnen: Das wahre leben
gleitet langsam, sicher seinem Ende zu.
Also heule ich zu den Wölfen, nichts sei wahr,
nur dieses Beben, das bettelt an den Rändern.“


Besonders deutlich wird das in den Auseinandersetzungen mit der Lyrik Rimbauds, auch weil Tâche hier die beste Ver-schmelzung aus Korrespondenzobjekt und eigener Stimme gelingt.

Obwohl die Gedichte auf eine Anlehnung an Rimbaud aufgebaut sind, manifestiert sich schnell im Vordergrund die Idee der eigenen Jugend, die von den Rimbaud-Emblemen gut illustriert wird.
    Die Jugend als Sinnbild des wahren Lebens, des lebensnotwendigen Abenteuergeistes – mit diesem Symbol bewaffnet, spricht Tâche gleichsam von Rimbaud und von sich selbst, von den noch nicht beendeten Sehnsüchten. Und sein Bedauern über das Alter gewinnt durch das Heraufbeschwören des Frühverstorbenen, mit dem und durch den er spricht, und die Anlehnung an seine unerbittliche Sinnlichkeit, eine erstaunliche Tiefe, eine erstaunliche Klarheit.

„Ich habe wohl wertvolle Jahre verloren.
Ich tu‘ als hielt‘ ich das fantastische Übermaß
– auf ewig vertagt! – noch immer für möglich.“


Im zweiten Teil mit den Gemälden ist die Aufbereitung etwas dezenter, aber auch hier regiert der Moment der Einsicht, dass die Dinge nun im Alter zwar klarer hervortreten, nicht mehr umspült und umtost werden, aber sich dadurch auch schon ein Ende der Perspektiven zeigt. Diese Einsicht bezeichnet z.B. die Keckheit und Lebendigkeit, die sie auf einem Bild erblickt, als eine „Melancholie vor der Melancholie“.

„Das Erinnern, mir im Nacken,
sprengte schon das kalte Ufer lang.“


Der vierte Teil vertieft sich ganz in die Todesgewissheit, ist Musik doch die „traurigste Kunst, weil sie immer nah ist und doch unendlich fern“, wie William Somerset Maugham einmal schrieb. Die Ausformulierung der eigenen Verortung verschwimmt etwas, die Sprache dient sich der Schwere der Musik an, wird mitunter gestaltlos; die „weichen Wogen der Arme“ oder der „fiebrige Flug der Finger“ beschwören nicht nur die Musik herauf, sondern auch die Muszierenden, mit denen der Dichter quasi im Raum der Musik sitzt; ein Raum, nicht von dieser Welt und natürlich doch von dieser Welt, denn die Zeit, die hier stillzustehen scheint, eilt mit jedem Bogenzug über die Noten hinweg.

„Die Asche rieselt wie Wasser
in einen gierigen Mund,
darin die ewige Stille stäubt.“


Im Zentrum der Vatertext. Er ist der Schwerpunkt und doch ist er abseits von allen anderen Teilen. Auch hier spricht Tâche von sich selbst, und doch wirkt er wie aus all seinen Vorstellungen gerissen, in die Vorstellung des Vaters versenkt. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was mich an dem Text so irritierte: das hohe Maß an Versöhnlichkeit und Liebe. In der Welt der Literatur bin ich es gewohnt, dass der Vater nicht unbedingt ein positiv besetzter Topos ist; hier strahlt er geradezu und das nicht einmal auf kitschige oder überdimensionierte Weise.
    Es ist, als setze Tâche sich an die Sprache wie an ein Klavier und würde Moll-Melodien spielen, Etüden auf eine gewisse Weise, vielleicht einfachste Stücke, denn so sehr er auch betont, wie schwer es ist, dem Vater irgendwas mit Worten nachzusenden, so klar ist doch jede Zeile der Gedichte.

„Es stimmt, im Hinübergehen nahmst du
den Anteil des Vaters, der dir allein gehört,
und überließest mir den des Sohnes.

Es wird keine verwaisten Wörter geben:
Du hattest nichts faulen lassen
unter dem Gras unserer Tage.“


Tâche startet mit Rimbaud, einem Drängenden, einem Frühvollendeten, worauf ein Maler folgt, der am Hof von Friedrich dem Weisen den Reformator Martin Luther malte, um im Anschluss zum eigenen Vater zu kommen, schließlich dann zum eigenen Sterben, das wie die Musik und die Zeit am Geist abperlt und doch nachdrücklich ist, unbarmherzig. Und ganz zum Schluss folgt noch der Epilog mit Bastard, eine Art freie Meditation, ein freies Umtun im Elegischen.

„Und warum nicht geweint.
Die Tränen gefrieren im Innern
auf dem Moos des Herzens,
sprudelnder Quell.“


Ich hege Bewunderung für diese Dichtung, gar nicht aus einem Übermaß an Begeisterung, sondern eher, weil ich das Gefühl habe, sehr viel zu verstehen in diesen Gedichten, unbewusst. Sie verschließen sich nicht, aber sie öffnen sich auch nicht. Sie sind wie kleine, schöne Kästchen, die ein Geheimnis ausstrahlen, auch wenn sie vielleicht nur Erinnerungsstücke oder Schmuck oder Dinge des täglichen Gebrauchs bergen. Ja, ich mag diese Gedichte. Vielleicht ist es einfach das.


„Gibt es keinen anderen Ausweg mehr:
dann die alten Gebeine des Gedichts
der Lüge überlassen.“



Pierre-Alain Tâche: Dire adieu / Abschied nehmen. Gedichte (frz. / dt.) Zürich (Wolfbach) 2017. 112 Seiten. 18,00 Euro.

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