Phoebe Giannisi: Vier Gedichte - Signaturen

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Phoebe Giannisi: Vier Gedichte

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Phoebe Giannisi


4 Gedichte

übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen





GRAUER MÄRZHIMMEL

In jedem Frühling bestatte ich wieder mich selbst
bestatte ich die anderen die vorherigen Frühlinge
bestatte ich diesen Frühling der nicht wie die anderen ist
bestatte mich selbst im Frühling
damit ich in meinen Körper krieche im Sommer
damit ich mich halte an meinen vertrockneten Balg im Herbst
damit ich im Winter beharrlich mich kralle an das Gespenst
meines Zwanges.
Ja. Der Winter könnte völlige Freiheit haben
ein Sein im Unendlichen
den Galopp der mongolischen Steppe
die Worte der zottigen geschmückten Pferde
der Sänger Erzähler einer anderen Zeit.
Aber.
Da, am Ende des Winters in der Erschöpfung der Mühe
des vorgeschriebenen Alltags
kann ein Stern plötzlich scheinen am Himmel
des Bechers Wein den wir trinken
gemeinsam allein.
Und das Leuchten des Sterns kann abgleiten
in unsere alten Wege damit wir sie wieder öffnen.
Unsere Pflicht: sie zu öffnen denn die Wege sind fast völlig
verschlossen
von Zweigen und Farnen.
Ein Teil der Pflicht: das Verlassen.
Wieder und wieder jedes Jahr bestatten wir
was wir waren und lassen es hinter uns.
Eine Häutung in Form der einzigen Häutung
eine jede verschieden von den anderen vielfältig.
Wir begraben es feierlich im Gras lassen es am glatten
trockenen Halm den wir ausreißen zurück an dem es hängen
blieb.
Wir begraben es im Sand ins Meer werfen wir es.
Auf dem Weg begegnen wir Frauen die halten Sträuße
von Feldblumen in den Händen mit nachdenklichen Mienen.
Langsam und mühselig beginnen wir die Wege zu roden.
Sie liegen im Zwischenraum des halb Geöffneten.
Unter der Erde schläft in unzähligen Gestalten der Frühling.


(---)



SONNE UND NÄCHTLICHE STERNE

Es gibt einen Beobachter Erzähler.
Es gibt meine Brust nackt unter der Sonne.
Der Beobachter spricht im Präsens in der dritten Person von
anderen Wesen.
Die Sonne verbrennt mich erregt mich.
Der Beobachter spricht vom Mond dem Leuchten der Sterne
vom Wind Regen Blütenblättern von den Blumen der Grille
dem Käuzchen der Zikade der Fliege
dem Gras dem Kirschbaum der Mücke.
Manchmal wechselt der Beobachter in die erste Person
er tritt zwischen seine Worte um uns zu verwirren.
Aber ich habe es gesehen:
Im Garten die abgestreifte weiße Haut einer Grille
schwamm auf dem Wasser des Eimers
beleuchtet vom Meer und den Sternen jener Nacht.
Es war dein alter Mantel, Beobachter
es war dein Preis.
Du hast ihn fortgeworfen und aus dem Feigenbaum
neigst du dich über das Auge des Brunnens
dein Spiegelbild zu schauen.


(---)



TIEFER SOMMER TIEFER MITTAG

Ich hing im Olivenbaum wie ein Bogen gespannt.
Nach hinten gelehnt den Rücken am Baum den Bauch in der Luft.
Die Arme gestreckt um den Stamm zu umklammern.
Die Beine geöffnet und ausgestreckt vor aller Welt.
Die Beine geöffnet vor Eifer.
Dabei summte der Ort
von den bis ins Jenseits reichenden Chören der Zikaden.
Ich wütete vor Verlangen
allein
Stunden entfernt von den anderen
zerschnitt die Luft mit dem traurigen
herzzerreißenden an- und abschwellenden Blöken
meiner Begierde.
Ach, Meer aus Bäumen und Steinen des Mittags
über der Ziegenbucht wo die glänzende Ägäis
weit in die Ferne scheint
bis zum unsichtbaren Ende des Horizonts.


(---)



MITTAG

Von weitem hörten wir den rasenden Galopp
den Klang der Hufe auf dem Asphalt.
Mühsam wandten wir die Köpfe
um sie über den Bäumen zu sehen.
Als wir den festen Weg erreicht hatten überholten sie uns.
Die Gesichter erregt und rot von wilder Freude.
Ihre mächtigen Körper dampften noch vom schnellen Lauf.
Ihre Talismane waren purpurrot.
Sie hatten glatte erhobene Schwänze.
Sie hatten große geheimnisvolle Augen.
Ich erwischte für einen Moment einen Blick auf ihre Hinterbacken
wie sie glänzten und sich bewegten.
Tief in ihrem Inneren hatten sie die Sonne verborgen.
Am fünfzehnten August blühten zum dritten Mal
des Hauses rote Rosen mit dreißig Blütenblättern.
Manchmal ertrage ich es nicht zu denken an das
was mich erwartet.
Soll doch das Unerwartete kommen mich zu finden.
Ein Wind.
Niemand wird mit Worten sagen können
was ihm geschah.
Nur riechen kann er es.

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Phoebe Giannisi: fixpoetry, 2015.

 
 
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