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Peter Waterhouse: Equus. Wie Kleist nicht heißt

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Zu Peter Waterhouse
Equus. Wie Kleist nicht heißt.


„Thusnelda, Ventidius, Scapio, Wolf und Thuiskomar sprechen mitenander darüber, was im Wald vorgefallen ist und in welcher Gefahr Tusnelda gewesen ist. Sie stehen in einer Gegend im Wald. Ein Auerochs geht auf die Wipfel der Pinien und Eichen nicht.“

Ist jedes Wort ernst zu nehmen; ist jede Regieanweisung eines Dramas Bestandteil für seine Bedeutung? Indem sie die gedachte Bedeutung unterstreicht? Indem sie Bedeutung setzt? Oder davon ablenkt. Waterhouse begibt sich in ein Fragengeflecht, ausgelöst durch genaue und fortwährende Kleistlektüre.
    Was heißt Lesen? Was heißt Verstehen? Woher kommt die Freude, die mich zuweilen ergreift, wenn ich mich einem Text zuwende, in einen Text hineinbegebe. Woher kommt die Freude, die mich immer ergreift, wenn ich Kleist lese? Woher kommt der Genuss? Klar, man kann ihn einfach so hinnehmen. Komischerweise baut er sich nicht ab, wird nicht kleiner. Aber kleiner wird er auch nicht, zumindest nicht bei der Lektüre Kleists, wenn ich einige der Finten des Autors durchschaue, als ich zum Beispiel erkannte, wie in der Beschreibung des Einsturzes einer Kirche, und im Moment der Verzögerung, zwei Streben stützen sich vorübergehend, der erste Satz in „Das Erdbeben von Chili“ die ganze Struktur der Novelle vorwegnimmt. Das Moment von Freiheit blitzt auf in einer kurzen Unterbrechung des Unausweichlichen. Das zu erkennen erhöhte mir den Genuss der Lektüre, eröffnete mir Bedeutungsebenen. Und Kleists Finte ist überragend. Aber angesichts des Reichtums, der sich hinter solch formalen Feststellungen verbirgt, war diese Erkenntnis fast noch banal. Wir befinden uns bei diesem interpretatorischen Zugang noch im Strukturalismus, der vielleicht Grundlagen legt, aber dessen Gedanken immer noch straight an den Text, an dessen wörtliche Bedeutung gefesselt ist. Und in dieser Betrachtung noch ordnet sich das einzelne Wort einem Sinnzusammenhang unter, wird zurechtgeschnitten, auf Linie gebracht.
Aber:
 
"Wenn die Vorstellung von der Bedeutung 'verblaßt', wird das Wort, das die Vorstellung ausdrückt, zum Ausdruck einer Verbindung, einer Beziehung, wird es zum Hilfswort. Mit anderen Worten, seine Funktion ändert sich. Ebenso verhält es sich mit der Automatisierung, mit dem Verblassen eines beliebigen literarischen Elements: es verschwindet nicht, nur seine Funktion ändert sich, sie wird zu einer Hilfsfunktion."

Das schreibt Jurij Tynjanow in seinem Aufsatz: Über literarische Evolution. Er schreibt das schon in den zwanziger Jahren und als Vertreter der Russischen Formalen Schule, jener Gruppe, die als Spielform des Strukturalismus mit dessen Aufnahme sich gleichsam anschickte, ihn zu überwinden.

Wie eine solche Überwindung aussehen könnte, erfahren wir ansatzweise in den theoretischen Überlegungen des französischen Theoretikers Derrida, der in seiner Ausformulierung der Dekonstruktion eine Art Feld eröffnet, auf dem das Wort seine engsinnige, nationalsprachliche Einbindung abstreifen kann. Mit der Lektüre wird so ein endloser Diskurs ermöglicht. Die Spuren, die das Wort legt und die in ihm liegen, werden nicht von einem zentralen Sinnzusammenhang übertüncht, sondern offengelegt, bis hin zu den Spuren, die die Spur selbst hinterlässt. Myzel.

„Nicht mehr so deutsch: Dergestalt, dass da die Leute einander lachend zuflüsterten. Ist die Ballung zu dicht, um etwas zu sagen? Dergestalt, daß da?Dicht genug, um Poesie möglich zu machen? Ist es nicht viel leichter zu fragen: Wie spricht das? Als zu fragen: Was sagt das? ...“

Waterhouse jedenfalls begibt sich in die Texte Kleists auf der Suche nach Konnotationen, Einsprengseln, Implikationen, Zusammenhängen, die die Worte in die Texte tragen, wenn ihre Vieldeutigkeit nicht auf einen Generalzusammenhang reduziert wird. Worte werden ihrer soldatischen Strenge entzogen und ihr Potenzial wird eben jenseits dieser Zusammenhänge erst sichtbar. Deshalb werden aber die Texte noch lang nicht beliebig, sondern sie werden reich. Und es ist eine Freude, Waterhouse zu folgen, wenn er Spuren folgt, die in Kleists Texten eingeschrieben sind.


Peter Waterhouse: Equus. Wie Kleist nicht heißt. Berlin (Matthes & Seitz) 2018. 152 S. 22,00 Euro.
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