Peter Orlovsky: Gedicht (mit Einführung von Gregory Corso) - Signaturen

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Peter Orlovsky: Gedicht (mit Einführung von Gregory Corso)

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Peter Orlovsky


Frist Poem


mit einer Einführung von Gregory Corso,
beides übersetzt von Marcus Roloff


Esrtes Gedicht

Ein Regenbogen kippt in mein Fenster, das flasht mich.
Aus meiner Brust tönen Schlager und mein Geheul hört auf, Rätseldunst steht in der Luft.
Ich such unterm Bett nach meinen Schuhchens.
Eine dicke Farbige wird zu meiner Mama.
Ich hab noch keine Dritten. Plötzlich hocken zehn Kinder auf meinem Schoß.
Ich lass mir einen Bart stehen, in nur einem Tag.
Ich trinke eine Weinflasche, ganz mit geschlossenen Augen.
Ich male auf Papier und merke, ich bin wieder Zwei. Ich will, dass alle Welt zu mir spricht.
Ich leere den Müll auf dem Tysch aus.
Ich lade tausende von Flaschen in mein Zimmer ein, ich nenne sie Junikäfer.
Ich benutze die Schrreibmaschine als Kopfkissen.
Ein Löffel wird vor meinen Augen zur Gabel.
Penner geben mir all ihr Geld.
Alles was ich brauche für den Rest meines Lebens ist ein Spiegel.
Meine erssten fünf Jahre verbrachte ich in Hühnerställen mit zu wenig Speck.
Meine Mutter zeigte nachts ihr Hexengesicht und erzählte mir Blaubartgeschichten.
Meine Träume hoben mich aus dem Bett.
Ich träumte, ich sprang in den Lauf einer Knarre, um es mit einer Kugel auszufechten.
Ich traf Kafka, er sprang über ein Gebäude, um von mir loszukommen.
Mein Körper verwandelte sich in Zucker, in Tee geschüttet fand ich den Sinn des Lebens.
Alles was ich brauchte, um ein Negerbengel zu sein, war Tinte.
Ich geh die Straße lang und suche nach Augen, die mein Gesicht liebkosen.
Ich sang in den Lifts und glaubte in den Himmel aufzufahren.
Im 86. Stock stieg ich aus, ging den Flur runter und suchte nach frischen Ärschchen.
Mein Saft verwandelt sich auf dem Bett in einen Silberdollar.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe niemanden, ich gehe auf die Straße runter,
         schaue rauf zu meinem Fenster und sehe niemanden.
Also red ich mit dem Feuerlöscher, frag ihn Hast du etwa die dickeren Tränen?
Keiner da, irgendwo piss ich hin.
Meine Endzeittrompeten, meine Endzeittrompeten: Packt die guude Laune aus,
         mein schwules Gegröle.


Paris, 24.11.1957

(aus: Peter Orlovsky, Clean Asshole Poems & Smiling Vegetable Songs, Poems 1957-1977, City Lights Books, San Francisco 1978)




Einführung in Peter Orlovskys Gedichte


Orlovsky war diese Art von natürlicher Stimme, von der William Carlos Williams glaubte, dass eines Tages ganz Amerika so klingen würde. Ich weiß noch, wie er Peters erstes Gedicht rühmte: „Nichts davon englisch – rein amerikanisch.“ Das ist zwanzig Jahre her. Jetzt, nach zwanzig Jahren, hat Peter in seiner Sammlung einen Gedichtton angestimmt – reine Americana, und doch so anders als der amerikanische Sound. Bukolisch und sexuell, spiegeln diese Gedichte seinen bäuerischen Erzeugersinn (organisch und natürlich), seine Liebe zu Mann und Frau und seine Herzenswünsche wider.

Er jubelt dem menschlichen Arschloch wie etwas Göttlichem zu. Er bietet der Menschheit das anatomische Mitleid dafür, dass der Körper so lange verleumdet wurde, schamverwüstet und von Dichterseite vernachlässigt.
Halt es sauber in der Hauber – ist eine einmalige Definition von Selbstachtung. Der Engel ohne Flügel, aber mit Arschloch ist eine Realität. Der Engel mit Flügeln ist eine aufgemalte Sache, eine Attrappe. Das doppelte Arschloch: bukolisch und sexuell. Er glaubt daran, dass das, was dort herauskommt weniger den Ozeanen etwas nützt, sondern den Äckern, indem es sie düngt, und nicht etwa besudelt.
Was da hineinwächst, lobt er als eine Spielart des Sex, nicht nur des schwulen.
Die Liebhaber des Vergnügens an schönen Ärschen sind universal.

Peter ist ein Original, ein raffinierter Kopf … man bedenke, unter seinem dichterischen Verdeck macht sich nichts Primitives breit. Ein ackerbautreibender Romantiker, ein Shelleyscher Bauer, rittlings auf seinem Pegasus-Trecker bedichtet er die Erde mit Beerenbäumen und Honigwurzeln; seine dreckigen Hände ritzen die Sojaverse, die Ernte-Oden; seine Hymnen werden zu stinkenden Gülleschaufeln, die die Felder nähren und damit uns, sowohl als fleischliche Speise wie auch zur Reinigung der Seele.

Gregory Corso
San Francisco, 19.10.1977


Übersetzungen: Marcus Roloff, 2015


 
 
 
 
 
 
 
 

Allen Ginsberg mit Peter Orlovsky, 1978

 
 
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