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Peter Brook: Das heilige Theater

Flügeltüren


Peter Brook


Das heilige Theater


(in: Der leere Raum)

(Ausschnitt)


Mehr und mehr streben wir nach einem Erlebnis, das die Routine hinter sich läßt. Manche suchen es im Jazz, in klassischer Musik, in Marihuana und LSD. Im Theater schrecken wir vorm Heiligen zurück, weil wir nicht wissen, was es sein könnte - wir wissen nur, daß das sogenannte Heilige uns enttäuscht hat, wir schrecken vorm sogenannten Poetischen zurück, weil das Poetische uns enttäuscht hat. Versuche, das poetische Drama zu häufig wiederzubeleben, haben zu etwas Verwaschenem oder Obskurem geführt. >Poetisch< ist ein sinnentleerter Begriff geworden, und seine Assoziation mit Wortmusik, mit süßen Lauten ist ein Nachgeschmack der Tradition Tennysons, die sich irgendwie um Shakespeare geschlungen hat, so daß wir in der Idee befangen sind, ein Versdrama stehe halbwegs zwischen Prosa und Oper, weder gesprochen noch gesungen und doch mit einer höheren Ladung als Prosa versehen - höher im Inhalt und höher auch irgendwie im sittlichen Wert.
    All die Formen der sakralen Kunst sind unzweifelhaft durch die bürgerlichen Werte zerstört worden, aber diese Art der Feststellung hilft bei unserem Problem nicht weiter. Es ist töricht, die Abneigung gegen bürgerliche Formen in eine Abneigung gegen Bedürfnisse zu kehren, die allen Menschen gemeinsam sind: Wenn das Bedürfnis nach echter Berührung mit einer sakralen Unsichtbarkeit durch das Theater noch vorhanden ist, dann müssen alle verfügbaren Mittel neu geprüft werden.


(1968)

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