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Pere Gimferrer: Fallen

Gedichte der Woche





Fallen


Poetry is the subject of the poem.
Wallace Stevens


I

Man sagt, dass Apollinaire schrieb,
indem er Gesprächsfetzen zusammenfügte,
die er in den Cafés am Montmartre hörte: kubistische Perspektiven,
wie die Zeitungsausschnitte von Juan Gris,
                                                                     Fallen,
wenn der Hintergrund deutlicher ist als die zentrale Figur
im Vordergrund, etwas verformt, fast ganz reduziert auf Winkel und
     Spiralen – die Farben sind lebendiger in den großen Fenstern
     des Abends: ein Klingeln
in der Hütte der Kindheit – davon sprach Hölderlin,
und es waren Salons: Hauslehrer, roter Damast, der venezianische
     Spiegel,
Wozu Dichter in dürftiger Zeit, und später würde Goethe an Schiller
     schreiben, dass jener mit ihm befreundete junge Mann,
wenn auch etwas schüchtern und mit dem ganz natürlichen Mangel
     an Erfahrung
(alles im Ton seines Schreibens lässt die wohlwollende Herablassung
     des Alten gegenüber der Dichtung eines Jüngeren erkennen:
     er selbst hatte ja schon einige Verse verfasst, und – wie ihm
     scheinen wollte – wesentlich nüchternere, oder bessere, oder
     zumindest von jenem klassischen Zuschnitt, der Unsterblichkeit
     garantiert),
denn die klassische Kunst wird immer Bestand haben: Hölderlin
     schrieb in den letzten Jahren an seine Mutter
in sehr respektvollem Ton, mit den als Kind gelernten Formulie-
    rungen,
und bat nur um Unterhosen, um ein Paar schlecht geflickter
     Socken, um kleine und offensichtliche Dinge
wie diejenigen Rimbauds in Abessinien oder im Krankenhaus
    – Que je suis doncs devenu malhereux!
und so enden die Dichter: verletzt, für nichtig erklärt, Lebend-
    Tote, und deshalb nennen wir sie Dichter.
Also? Die Kreuzigung einiger ist vielleicht nichts als ein Zeichen,
und die Ausgeglichenheit anderer ist die Größe und der Tod,
und Yeats’ Phosphoreszenz (Byzanz, wie ein Gong in der Abend-
    dämmerung) der Preis, den man zahlt
für jenen, dessen Name ins Wasser ward geschrieben.
Denn irgendeinen Preis muss man ja zahlen, dessen könnt ihr
     gewiss sein: Eurydike ist noch tot
auf den elektrischen Umschaltern und dem Blau eines Saals,
     lauwarm wie der Resonanzkasten eines Klaviers aus Mahagoni.
Orpheus’ Welt ist diejenige hinter den Spiegeln: Orpheus’ Fall,
ebenso wie die Rückkehr Eurydikes aus der Unterwelt, die Fahr-
    räder, die jungen Männer, die vom Tennisspielen kamen und
     chewing gum kauten,
leichtgebräunte Rücken, goldene Körper – zart –, die Mädchen
     mit roten Socken und adriablauen Augen, die Gin mit Orange
     tranken,
die nackt badeten in Paveses Romanen und die wir Topolino-
    Mädel nannten.
(ich weiß nicht, ob ihr den Topolino noch gekannt habt: Es war ein
     Modewagen, oder einfach sehr verbreitet, in den happy forties),
aber jetzt bin ich schon älter, wiewohl alt zu sagen ungenau ist,
     aber die Farbe des Gin mit Orange
où sont où sont the dreams that money can buy?


II

Dieses Gedicht ist
eine Folge von Fallen: für den
Leser und für den
Korrekturleser
und für
den Verleger von Lyrik.
                                      Das heißt,
dass man mir selbst auch nicht verraten hat,
was hinter den Fallen ist, denn
das käme dem gleich, mir das Muster
des Wandteppichs zu verraten, und das
hat uns Henry James ja schon beigebracht: dass das nicht
möglich ist.


Pere Gimferrer: Die Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. © 2007 Carl Hanser Verlag, München.



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