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Padraig Rooney: Landing Craft / Angelandet

Rezensionen / Verlage



Timo Brandt


Ausgangspunkte



„In den Geishahäusern des alten Japan
drücken sie die duftenden Zeitmesser aus.
Die Brenndauer bestimmt den Preis.

Ein Japaner, beim Höhepunkt,
schreit: iku! iku! – ich gehe,
ich gehe! – das ist knapp –

der poetische Moment ein Versprecher.
Von den Frauen wissen wir nichts: Sie werden
sprachlos und ruhig gehalten, den Blick auf der Uhr.“


Die Ausgangspunkte der Gedichte von Padraig Rooney, einem irisch-stämmigen Dichter, der heute in der Schweiz lebt, sind ein schillerndes Kabinett, in dem eigene Erlebnisse, Wissen, Phantasmen und Reiseerfahrungen Seite an Seite stehen und in rascher Folge einige unerwartete Perspektiven öffnen. Mal geht es um in ein Bad steigende Nonnen, dann um eine bis oben hin mit Sand zugewehte Schule, dann um eine Liebeserklärung an ein Fahrrad, dann plötzlich um gute und weniger gute Päpste.

Vielen Gedichten von Rooney ist gemein, dass sie, ganz gleich, ob sie eher imaginative oder realere Szenarien zum Thema haben, von einem diffusen Licht durchdrungen sind – als könnte man dem Gedicht nicht ganz trauen, seiner doch sehr scheinbaren Referenz; als wäre es eine Lichtgestalt, die auch nur ein Reflex auf dem Auge gewesen sein könnte. Wie sicher kann man sich denn sein, dass ein Moment etwas bedeutet, dass ein Ereignis etwas bedeutet?


„Die Erstausgabe von Ted Hughes Crow
fand ich in einem Armeeausverkauf in Bangkok

mit Stempeln von überall wo sie war: Camp Samae San,
The International Social and Recreation Club Library,

Eigentum der US-Armee. Sie ist schon lange fällig
– 1. November 1974, Kriegsende,

und die Namen der Ausleiher in müder Highschoolschrift
verlieren sich in jenem lang vergangenen Jahrzehnt.“


Gleich darauf fällt dem lyrischen Ich ein bisschen Asche auf, die auf der Seite 14/15 einen Abdruck hinterlassen hat. Woher stammt sie? Ist es die Asche einer Zigarette, eines Joints? Im Feld geraucht, im Krankenlager oder gewiss auf dem Stützpunkt? Auf dieser Seite steht Crows Bericht von der Schlacht. Suggestiv heißt es dort am Ende:

„what was left look around at what was left?”


Ist eine solche Beobachtung epiphanisch oder profan? Man spürt den Zweifel gegen den eigenen Ton, gegen die eigene Inszenierung, gegen das eigene Geschäft. Und doch klingen die Gedichte dann und wann sehr bestimmt, haben geradezu etwas Feierliches. Gleichzeitig können sie auch spielerisch und lustvoll sein.


Überhaupt: die formale Bandbreite ist bemerkenswert: es gibt Prosagedichte, Sonette, Liedhaftes, Elegisches, freie Verse und Dialogisches. Den sogenannten Auszug der Grafen, eine historische Begebenheit, die das Ende der gälischen Aristokratie in Irland bedeutete, präsentiert Rooney in hoheitsvoll-bedächtigen Versen, die mit Einrückungen ein pendelndes Muster ergeben, während er mit einem Lied – in der Tradition des Skiffle Song – die neoliberale Weltstruktur aufs Korn nimmt.


„My old man’s a banker               Mein Alter ist ein Banker
he wears a banker’s hat,               Er stinkt von weit nach Geld,
he creams off the top                    Er sahnt schön ab
all over the shop                           Börse auf oder ab
and earns his bonus like that        Kriegt den größten Bonus der Welt.
[…]
Oh, we’re all carpetbaggers,        Oh, wir sind alle Schwindler
we live to fleece the poor.            Und zocken die Armen ab.
We’re pushy as hell                      Handelns sie runter
to make a hard sell                        Geiz macht uns munter
and always come back for more.  Von der Wiege bis zum Grab.“


Diese Figur, die immer wieder erscheint, ist der Vater; der Vater, der etwas Monströses hat und den man doch zu ergründen versucht, wie ein Geheimnis, wie ein Phänomen. In einem der längsten Gedichte geht es darum, dass der Vater einen Bunker baut, weil er der festen Überzeugung ist, dass der dritte Weltkrieg bevorsteht und die russische Flotte bald angreifen wird.


Die Angst über den schlummernden und doch brodelnden Irrsinn, den die Atomarsenale der Supermächte im kalten Krieg darstellten, ist in diesem, eigentlich sehr aberwitzigen Gedicht, das den Vater und seine Ideen wie eine große Farce anmuten lässt, perfekt aufbereitet. Der Vater fungiert dabei als verkörperndes und zugleich fremdes Element.

Ein anderes Gedicht umkreist den gemeinsamen Besuch von Vater und Sohn im Museum für Naturgeschichte. Schön ist hierbei die unterschiedliche Zuordnung von „lie of the land“ und auch die Doppelbedeutung und -bödigkeit des Wortes chain/Kette wird thematisiert.


„I came here with my father years ago,
                                     Ich kam mit meinem Vater vor Jahren hierher,
to see the lie of the land, its broad spectrum
                                     zu sehen, woher der Wind weht, das breite Spektrum
from fossil to mammal, our chain of being.
                                     vom Fossil zum Säugetier, der Kette unseres Seins.
[…]
Noon sunlight comes through in blinding shafts
                                     Das Mittagslicht strömt in blendenden Bündeln herein
from the state buildings, the lie of the land.
                                     von den Verwaltungsgebäuden, von wo der Wind weht.
We turnstile slowly back the way we came,
                                     Wir gehen langsam durchs Drehkreuz zurück,
unhook the chain and vanish into light.
                                     lösen die Kette und verschwinden ins Licht.“


Ob es um das Ertränken von Katzen geht, das Ehren der Toten oder vieles andere: Rooneys Gedichte entziehen sich dem gemeinsamen Nenner, tun sich frei um – und ihnen gelingt dabei allerhand Eindrückliches. Hier und da wirken sie wegen der großen Variationsdichte etwas unzugänglich, schwer festzumachen und einzuschätzen, aber gerade deswegen kann ich mir vorstellen, dass man das Büchlein öfter in die Hand nimmt. Der Reiz des Diversen strahlt den Lesenden von jeder Seite entgegen. Der Reiz des Gedichtes, das auf eigene Art und Weise wahrgenommen werden will.



Padraig Rooney: Landing Craft / Angelandet. Engl. / dt. Übersetzt von André Ehrhard. Zürich (Wolfbach Verlag - Die Reihe Bd. 45) 2017. 88 Seiten. 18,00 Euro.

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