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Orsolya Kalász: Verneinung ohne Beine

Gedichte










Foto: privat

Orsolya Kalász


Verneinung ohne Beine
                                              I want passion.
                                                       Kathy Acker

Bevor es dunkel wird,
noch schnell ein Selfie mit deiner Phobie,
der kalte Entzug beginnt kurz nach Mitternacht.
Der würzige Duft alter Rosen an den Stellen,
die einer Reparatur bedürfen.
Das Kreischen eines Hundes im Park
wie aus der weichen, wunschlosen Kehle
eines Buchhändlers beim Schlaganfall.
Auch ein Tag, an dem unsichtbar die Geschwüre
wachsen. Der hat die Schreckenskrone auf,
sagen die Männer vor dem Kiosk,
und die Alten murmeln:
Niemandem steht es frei, ein angebotenes
Geschenk abzulehnen.
Der kalte Entzug beginnt schon vor Mitternacht.
Auf den Straßen unter wechselnder Herrschaft
rollen mobile Altäre vorbei.
Der Hintergrund sendet ein altes Bild
mit dampfenden Wäldern am Hang,
damals, als das Zuhause
im Sommerregen davon schwamm.
Was nun?
Wir folgen dem Duft von Sweet Juliet.
Wer kommt noch?
Niemand.
Weltlos beginnt erst.


In: Orsolya Kalász: Das Eine. Gedichte. Berlin (Brueterich Press) 2016. 88 Seiten. 20,00 Euro.

In Ungarn geboren und aufgewachsen, lebt seit vielen Jahren in Berlin. Sie ist Autorin und Übersetzerin, gemeinsam mit Monika Rinck und Peter Holland übersetzt sie ungarische Gegenwartsliteratur. Ihre Gedichte schreibt sie sowohl auf Ungarisch als auch auf Deutsch.

Veröffentlichungen:
Babymonster und die Gärtner. Babarém és a kertészek. Gedichte. Connewitzer Verl.-Buchh, Leipzig 1997. Budapester Szenen. Junge ungarische Lyrik. DuMont Verlag, Köln 1999. Ich habe keine andere Wahl als einen Garten zu finden. Más választásom nem marad mint találni egy kertet. Gedichte. Zeichnungen von Jutta Obenhuber. Gutleut Verlag, Frankfurt, M. 2006.
alles was wird, will seinen strauch. Ami volt, még bokor akar lenni. Gedichte. Gutleut-Verlag, Frankfurt, M. 2007.
Peter-Huchel Preisträgerin 2017
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