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Oleg Jurjew: Von Zeiten

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Zu Oleg Jurjew: Von Zeiten. Ein Poem


Er sei glücklich, zitiert Volker Sielaff in einem Artikel für SPRITZ den Dichter Oleg Jurjew, wenn er auf seiner Terrasse sitzen darf, Gedichte zwitschern kann und keinen Roman schreiben müsse, um die Welt zu verstehen.
Jurjew zieht hier einen Spalt auf, zwischen Gedicht und Roman (nicht zwischen Lyrik und Prosa), der eine Eigentümlichkeit schürt, welcher nachzusinnen nicht ganz falsch wäre.
Während ein Roman also eine Welt oder die Welt, die ja auch nur eine ist, nachbaut, um sie zu verstehen, liegt im Gedicht der Gesang auf dem Balkon, in die Welt, die ist, geblasen, einerseits ihr angehörend, aber sie auch erweiternd. Das Gedicht vergrößert die Welt, indem es ihr zusetzt. Und es setzt ihr sein Gezwitscher zu. Der Roman stellt der Welt eine Alternative entgegen, um sie zu begreifen.

Die Frankfurter Olga Martynova und Oleg Jurjew bilden nun schon seit 1991 einen Brückenkopf Petersburger/Leningrader Dichtung im deutschsprachigen Raum. Und seit ich 1997 bei meinen Auszug aus Frankfurt am Main einen Band Jurjewscher Prosa von einer befreundeten Buchhändlerin geschenkt bekommen habe, verfolge ich Oleg Jurjews Tun und Schreiben, seien es Gedichte, seien es Romane. Ich versuche also mit der Lektüre die Welt gleichzeitig zu verstehen und auch zu erweitern.

Im Frankfurter Gutleut Verlag sind in der Reihe staben gerade zwei Poeme erschienen, die die Ausdehnung des Universums seit dem Urknall im Namen tragen: Von Orten und Von Zeiten.

Der erste Band Von Orten* ist vor einigen Jahren schon einmal in anderer Ausstattung erschienen und enthält Texte von 2006 bis 2009, und kreist um Orte wie Edenkoben, Frankfurt, Petersburg und New York. Dem schließt sich Von Zeiten an, in dem er der Dimension der Räumlichkeit, die der Zeitlichkeit hinzufügt.

Zeitlichkeit heißt Vergänglichkeit, denn Zeit ist Frist. Und damit sind wir am Anfang und zugleich mittendrin. Wenn Jurjew sagt, wie oben erwähnt, er möge lieber Gedichte zwitschern, als Romane  schreiben, dann meint er mit dem Zwitschern sicher auch das Pfeifen im Walde, den wir Raumzeitkontinuum nennen, und der neben schönsten Begegnungen eben auch unsere Vergänglichkeit birgt.
Das ist die Crux an der Zeit, beschert uns aber, aufgrund Jurjewschen Zwitscherns eines der schönsten Liebesgedichte aller Zeiten und Orte. Es heißt Nachdem ich gestorben bin und beschreibt die Rückkehr des Liebenden als französische Bulldogge.

Aber es ist nicht nur die eigene Vergänglichkeit, die Jurjew betrachtet, sondern auch die von lyrischen Vorgängern und Gefährten. Wirt treffen auf Brodsky, auf Aaronson, und auf Jelena Schwarz, und wenn schon von Zwitschern die Rede ist, wir hören als Nachhall das Zwitschern der Oberiuten Alexander Wwedensky und Daniil Charms.

Jurjews Gedicht öffnen die Welt aber nicht nur Richtung Osten, er schreibt:

Der Autor dieser Vorschläge muss als Belohnung zwischen Joseph Brodsky und Ezra Pound begraben werden ...


Gern würde ich an dieser Stelle auch das Gedicht Es gibt eine Stadt und zwar vollständig zitieren, aber ich muss mich mit der letzten Strophe begnügen, in der Hoffnung, dass der Leser dieser Rezension zum Leser des Buches wird:

Und wohin denn sollte er fliegen? Und wozu? – von hier kannst du
ganze zwei Tage fliegen, fliegen und fliegen und kommst doch nirgends an,
sogar den halben Weg bis nach nirgends schaffst du nicht mal …


Diese Ansprache gilt einem Vogel, der Stadt geworden ist, doch sind seine Flügel in Ost und West eingeklemmt

Vielleicht gilt dieses Dilemma für viele, wenn wir einen Schritt zurücktreten und diesen jämmerlichen deutschen Ostwestkonflikt vergessen haben, und aus Orten wieder Orte werden, zu Zeiten.


Oleg Jurjew: Von Zeiten. Ein Poem. Frankfurt a.M. (gutleut verlag. reihe staben # 04) 2015. 60 S. 15,00 Euro.

* Oleg Jurjew: Von Orten. Ein Poem. Frankfurt a.M. (gutleut verlag) 2010 (2015)

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