Oleg Jurjew: Unbekannte Briefe - Signaturen

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Oleg Jurjew: Unbekannte Briefe

Rezensionen
 



Jan Kuhlbrodt

Zu Oleg Jurjews Roman Unbekannte Briefe



Das Lesejahr begann für mich mit einem Paukenschlag, auf den ein zweiter folgte, nach Ann Cottens Japanbuch nun Oleg Jurjews Unbekannte Briefe. Wenn in diesem Jahr nur diese beiden Bücher veröffentlicht würden, es wäre ein gutes und überreiches Jahr. Man muss sich den Leser als glücklichen Menschen vorstellen.

Jurjew zählt seit langem zu meinen Lieblingsautoren. Bislang wurden seine Texte aus dem Russischen übersetzt, vor allem und auf kongeniale Weise von Elke Erb. Das vorliegende Buch nun hat Jurjew auf Deutsch geschrieben, und sein souveräner Umgang mit der deutschen Sprache grenzt an ein Wunder. Vielleicht aber liegt dieses Wunder eben darin begründet, dass es sich beim Deutschen für Jurjew bislang um eine Fremdsprache handelte, dass die Eigenheiten der Sprache, die dem Muttersprachler in gewisser Weise gar nicht mehr auffallen, hier zum Spielmaterial werden, bewusst eingesetzt und souverän genutzt, so dass es mir als einem, der von Geburt an im Deutschen steckt, eben als Wunder erscheinen muss.  
Natürlich spielt Jurjew mit dem Umstand der Übersetzung. Denn der Autor tritt im Roman als Herausgeber und Übersetzer auf. Literatur entsteht aus Literatur. Als wäre es eine Gegenwelt.
Jurjew stellt sich als Herausgeber vor und steht damit in einer Reihe großer Romanautoren, deren erster wohl Cervantes war, der vorgibt, den Text seines Don Quichotte von einem Unbekannten auf einem Basar erworben zu haben. Einerseits entledigt er sich damit dem Vorwurf der Autorschaft, und andererseits unterstellt er dem präsentierten Text einen Wahrheitsgehalt, der den der sonst üblichen belletristischen Beschreibungen übersteigt.
Was hier also berichtet wird, berichte nicht er, sondern er sei nur der Überbringer, der Bote einer Kunde, die von einem anderen stammt, also wahr sein muss.


 
 

Der Roman besteht aus drei Briefen, denen Jurjew jeweils eine Legende voranstellt. Darin wird berichtet, wie der Herausgeber an die jeweiligen Briefe gekommen ist, drei Geschichten, die auf ihre Weise selbst schon romanhafte Züge tragen.
Zum Beispiel wird der erste Brief dem Autor auf einer Lesung von einem Opelingenieur übergeben, der vorgibt das Konvolut in einem Wohnheim gefunden zu haben, in dem er lebte, als er in der Nähe von St. Petersburg beim Aufbau einer Montage-einheit beschäftigt war. Es handelt sich dabei um einen Brief des russischen Schriftstellers Dobytschin an den Kritiker und Kinderbuchautor Tschukowski.
Der Witz ist, dass Dobytschin in den Dreißigerjahren nach einem Schriftstellerkongress spurlos verschwand und sein Schicksal bis heute ungeklärt ist. Man kann recht sicher davon ausgehen, dass er den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel.


 
 

In diesem Brief nun lässt Jurjew ihn fortschreiben und den Adressaten des Briefes überleben. Dobytschin setzt den Brief, der nie abgeschickt wird, trotz Tschukowskis Tod im Jahre 1969 fort. Der vorgestellte Verfasser beginnt mit der Niederschrift 1954, und der Text bricht nach unzähligen PS 1993 mitten im Wort ab. Erzählt wird darin eine mit unzähligen Episoden gespickte wahnwitzige alternative Geschichte der Sowjetunion und der Sowjetischen Literatur.

Der zweite Brief ist von Pryschow in der sibirischen Verbannung verfasst und an Dostojewski gerichtet. Pryschow meint sich in einer Figur aus Dostojewskis Dämonen zu erkennen und versucht, das eine oder andere geradezurücken. Dieser Brief changiert furios zwischen Anbetung und Anklage.

Jurjew geht in seinem Roman die Geschichte rückwärts durch. Denn der dritte Brief gibt vor, ein Dokument zu sein, das Jakob Reinhold Michael Lenz in den Stunden seines Sterbens 1792 verfasst hat. Der Brief ist im Grunde an Karamsin gerichtet und auf Russisch verfasst. Jurjew fungiert hier als Übersetzer. Im Verlauf des Briefes changieren die Adressaten. Manchmal spricht Lenz seinen Vater an und manchmal Johann Wolfgang Goethe. Auch hier wieder eine alternative Darstellung der Literatur, diesmal des ausgehenden 18. Jahrhunderts, eine Darstellung aus der russischen Situation in Moskau im Kontext von Freimaurertum und französischer Revolution, gespickt von Kurzessays zum Beispiel über die Fliege oder über das Ausschütten von Wassereimern. Lenz befindet sich bei der Niederschrift übrigens in Gesellschaft einer Ratte (oder eines chinesischen Zwerghundes, so genau weiß er das nicht) mit der er sich eine Pirogge teilt.
Großartig.



Oleg Jurjew: Unbekannte Briefe. Roman. Berlin (Verbrecher Verlag) 2017. 250 Seiten. 22,00 Euro.

 
 
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