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Norbert Lange: Lieber Kappes

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Norbert Lange


»Du hast korrigiert, Herr Lehrer, empörte sich Poppes.«
                                      Paul Wühr, Das Falsche Buch


18.11.15            

Lieber Kappes,

lese ich Text, das kann mir geschehen. Es kann abgeschmackt vorkommen, zu glauben, ich, ich zu wissen, zu wissen den Schreibanlass, den Schreibanlass wiedererkennend, den ewig-selben Vorrat, aus dem gezogen wird, um zu schreiben, Amateure. Es ist gut, dass Du schreibst. Es ist gut, dass Du schreibst, dass wir schreiben, dass Du schreibst. Aus dieser, meine ich: platten oder nachvollziehbaren Anlage heraus, gewinnt das Gedicht, was es soll, saubere, ehrliche Arbeit oder Freiheit? Ich meine: Freizeit. Ich meine nicht viel. Ich meine: ich wiederhole mich zu sehr. Wer bin ich, dass ich meine, Schlüsse ziehen zu können, darauf? Ich denke vielleicht. Mit. Und ohne Doppelpunkt: die Autorenden haben sich. Des Schreibgefühls, erst einmal bemächtigt worden, als Echtenden gefühlt, seelig süß von der Schreibsemotion und dem sich daraus ergebenden Karamellgeschmack. Jetzt fange ich schon an, dem Produzenten mehr als ein Motiv zu unterstellen, schiebe ihm Selbsteinschätzungen zur Unterschrift vor: er wolle was (oder wolle sie) als Autorix erstgeboren werden. Mein: mit dem Text in den Besitz einer ersten Wahrheit, einer vorrangigen, gelangen, sich meist selbst zuschustern. Eine Evidenz, nicht nur zum Auffassen nah, sondern zum Geifern schön, hinzustellen vor sich. Sie auch vor meiner Nase: Schauschau, ich hab gemacht. Wie wahr, ah, ah, wirr wahrscheinlich, jetzt abputzen. Findest Du auch genug Papier? Solche Fälle nehme ich gern weniger ernst als andere, finde es aber auch nicht schlecht für’s Cholesterin, selbst wenn mir Tante Kunsttatze dafür den Kopf waschen wird. Vermutlich ermutige ich gar. Schreib doch mehr solche Texte, wie wär’s mit noch einem Versuch? Es gibt auch den umgedrehten Armleuchter, der aus der Begeisterung erster Schreiberfahrungen in den Ernst reingreift, hinlangt, die obszöne Publizität zu finden sucht, sich gestellt ins Rampenlicht sehen zu wollen. Auerhenne und Auerhahn. Dabei ist Gestuss manchmal verstauchter Genuss. Ich verwechsle das dann und wann, mal das Geschlecht, mal den Tusch. Kotzntanten will ich ein paar Minuten Blödheit und Hochnäsiges unterstellen, den alten wie den jungen Hasen, Vorwurf von Indifferenz einer olfaktorischen Wahrnehmung. Was fällt wem ein, unreflektiert Text zu machen?

Was fange ich an, damit. Ich werfe es immer durcheinander. Denn ich verlange Qual, ich spreche davon, halte doch nicht umsonst diese Drecksfahne hoch. Und das allein ist der Grund, auf dem ich Rücksicht nicht walten lasse unterwegs zum guten Stoff, im Keim, betreibe, oder Kleinen, ersticke, – oder: Wenn Sie jämmerlich behaupten, etwas anstellen zu wollen, was ist es denn? Versuche, sich rauszureden mit dem eigenen Schreiten. Soviel ist klar. Text auf Text und eins ums andere gestellt, jeder Fehlanspruch ­stapelt auf sich, diese Weise auf, zu einer schön gesetzten Hütte (Hämetonne). Jetzt fehlt nur noch ein Streichholz. Oder auch, man treibts mit den seinen und streichelt stattdessen. Ja, zurück zur ersten Variante. Man streichelt also sich, weil sich lohnen muss, was Müh macht, während das Muh darin besteht, es klingen zu lassen, als bette man sich notgedrungen im eigenen Dung. Ich rede nun nicht länger von einzelnen Gedichten, denn es geht ja längst nicht mehr um. Amateure, die sich am Dichtenden halten. Weniger. Mehr um Dichtende und Dichtenden, die sich für Amateure halten, Büchlinge machen und besprochen bekommen von anderen Armleuchternden und Vettesvetternden. Hier muss ich mich lesend nur bedingt bemühen, denn es geht um Nestbauwärme, für die, ach für, ach wie, nicht den Ast, ach. Um ästhetische Klitschen von Poetologien, es geht um Üetologüen, formuliert von einer Zahl junger und weniger junger (die Zeit rennt!) Dichtenden. Die darstellen, wofür sie nicht die geringste Denkleiste angeschraubt haben wollen, immerhin gewiss: sich ihres Gelumpes sicher, was wollen, bestimmt und verdrecken will es keiner, aber nicht die Implikationen, die dieses oder jenes Wollen mit sich bringt. Wer will es ihr oder ihm verdanken in allem Halbkönnen und Wissen von Nichts bis auf den Jammer, Schimpf und Schuss dann: Bitten um Klagen. Eine Üetollogüe sieht aber anders aus, sie sieht aus. Als versuchte sie nicht mal, anders zu sein, weil sie im Gewissen an das Denken eingeschriebener Kotzertanten angeleint ist, wie der, dass es immer dafür einen Gimpel (siehe Gerundums runden Grund) gibt, der Spitzenhund zu sein, diesende denken zu lassen, sei’s auf Auf- oder Abtritt oder zu Beginn. Dann will man was erklären, z.B. Deiner Farbe Skleren erinnern mich an Deiner Skleren Farbe. Und mir ist schon aufgefallen, dass Du in Deinem Blick etwas Sickes hast. Oder man will es, wills rausfinden, welcher Zusammenhang zwischen der Farbe und den Skleren besteht, was ist nämlich mit den leeren Fläschchen in der Küche? Ist es Chique? Oder versa, das kommt von Versager, nicht, was in der Küche ich mit den leeren Flaschen anstelle, sondern, ein leichter Dreher von Skleren zu Farbe, dann kannst Du nicht sagen, dass ich falsch gelegen habe, ich liege nämlich falsch, und manchmal will man dann vielleicht auch einfach nur sagen können, woran man ist, als Zwischensatz, wieso verdrehst Du eigentlich die Augen. Ich will bloß die Orientierung wiedergewinnen, die kurz zuvor mit meinem Flaschenfaden verloren war, wie immer auch. Eine andere ist die Kotautante des Denkens, ihr deckweißes Wissen besser als anderes wider, das Decken: Auch eine Praxis, was man muss, es regelmäßig schmieren oder ölen, wie einen Muskel beanspruchen (Bewispern gegen Kater!), um sich zu trainieren, um Schlüsse nicht nur Türen endfülltig zu finden, oder das Runde ins Eckige zu bugsieren, denn Fehler machen jedende, bloß weil man niemand versteht oder ins Leere zu bolzen, weil keiner einen versteht, doch glaubt es müssen zu müssen, damit es in der Schlüsseschüssel platscht. Das kommt mir nicht in die Tür. Immerhin sind es Amateure auf der sicheren Seite, keine Abenteurer mit vollen Taschen, die einem Theoriegrab entstiegen. Sie reisen auf ihren weißen Blättern und haben zum Ende nichts anderes gewollt, als zu schreiben, wie man ihnen gesagt hat, dass Schreiben geht. Nun denn! Wenn schon nicht bescheiden, so doch beschreiben, die anderen sehen es so, Autoinnende und Autoaußende, sich als solche bezeichnend und also nach den Gesetzen von Autorenden drum und dran, drin und drum dann eingeordnet werden müssen. Sie sind ein anderer Fall. An ihnen kann man gleich ablesen. Wie das Denken funktioniert oder Denken nicht geht. Man lernt mit ihrem Besteck essen, muss nach einer Weile aber einsehen, suchen muss man ja nicht lange, weil die Guten drunter kein Besteck gebrauchen, sondern nach den Regeln des Denkens oder Gegen-Denkens agieren, nachvollziehbar, wenn man auf der hellen Tischseite sitzt, und sonst wäre ja jede Hoffnung auch vergebens, dass. Die halbgaren Danker, die hellstarken Halbargen, Primitivenden, wie man sie nennt, sind aber ganz andere Kategorien und meistens die anderenden. Das wollte ich eigentlich nur gesagt haben, um mich im Anschluss auszuklinken und ein anderes Mal auf mich hin zu verlassen. Das Recht auf Indifferenz, die ganze Freiheit von poetologischer Scheiße, ich meine Feigheit, hat zuviele Gleichzeichen. Ich glaube, dass ich mich ja schon verlassen habe, dass Du nach den Eselnden im Rauch suchst und sie korrekt findest? Im Raum meine ich, kann man Schneidende sein.

Was fällt wem ein, unreflektierten Text hinzumachen? Und nur das ist der Grund, dass wir uns richtig versehen, weswegen ich kein Rücksichteln walten lasse, ersticke, geradezu versucke, im Keim – oder: Wenn Du behauptest, etwas richtig zu machen, verrutschen dabei deine Socken? Welche. Versuche, sich auszureden. Heraus mit der eigenen Sache, Schreiten. Text auf Test und eins ums andere Mal jeden Falschanspruch stapeln zu einem schön gemachten Haufen. Also: Namen nennen und durchstreichen, wenn Streichhölzer gerade nicht greifbar sind. Ja, und nichtmal, weil es die Mühe nicht lohnte. Jetzt könnte man doch den eigenen Namen hinsetzen wie immer man möchte. Ich spreche ja gar nicht mehr über Gedichte, höchstens von hier und da, weil darüber zu sprechen, dass andere Bücher hinmachen und sich bespeicheln lassen, von Armleiternden und Vettelsvetternden, sich schon zuweit oben befindet, als noch nach Luft zu schnappen wäre. Formuleiern wird die Jugend in ein Färbemittel um! (Das sagt vielleicht Guillaume Apollinaire) Sprechen wir von Dichter-Innen und Dichter-Außen, die wir aus sich machen, für das sie sagen, sie wollten nicht die kleinste Dehnkleistung armbringen. Aber: um dumm zu sein, muss man anscheinend sehr kluge Dinge geliked haben. Immerhin gewiss: ist sich ihrer Geltung bewusst, will was, bestimmt, aber will die ganzen Imps und Umplikationen nicht, die dieses oder jenes Bedeuten mit sich bringt, in allem Halbgaga und Kökönnen von Nüchtz mitten im Schimpfeln und dem Glattbürsten der eigenen Krawallkrawatte. Eine Üotologüe sieht aber anders aus, sie sieht erstmal nur aus. Als versuchte sie es kaum noch, anders zu sein, weil sie an Gewissen dem Denken eingeschriebenen Kostanzen blühte, dem Verein verbunden, wie der von den Fischersmannenden: dass es immer einen Grund gibt, auf dem dieses oder jenes zu decken entweder am Anfang steht oder zum Schuss doch wieder zurückgenommen werden muss, denn es seicht sich ein, wenn man merkt, dass etwas eckte oder weils bloß der eigene Act war. Wieso verdrehst Du schon wieder die Augen und überliest trotzdem hier weiter, will wiedergewinnen die Orientierung, die kurz mit dem Weihwasser ausgeschüttet war, wie immer auch. Eine andere ist die Kunztante des Meinens, die hält Dein Haar so, dass beim Ankotzen nichts hinkommt, wo nichts hingehört, das Denken. Auch eine Praxis, etwas, das man regelmäßig befeuchten muss wie einen Molusken, um nicht hinter Türen zu schleißen, sondern zu schließen. Ins Blaue schleiern, ins Bodenlose. Fallen oder Füllen? Scheißen? Das kommt mir, gelinde gesagt, noch immer nicht in die Tröte. Immerhin sind die echten Amateure mit sicherem Geschmack bewaffnet, auch wenn sie’s an der Wallfahrt haben. Sie wollten schließlich nichts anderes, als schreiben und wie Amateure gesagt bekommen, auf welche Weise ihre Texte funktionieren dürfen, auch wenn wir wissen: wir leben teils auch vom Unheil, das wir anderen fällen, nicht wahr?. Sie, nicht wir Autorinnende und Autorautende, sind’s, die sich als solche, wenn schon nicht bescheiden, doch so beschreiben, und also nach den Gesetzen von Autoscheuchen und Autolotto, eingeordnet werden müssen, ein anderer Ball. An ihnen kann man gleich lesen, wie das Denken fuchtelt oder klappert. Man liest ihr Besteck auf, muss nach einer Weile aber begreifen, dass sich weniger gewürfelt auszudrücken schonmal die bessere Variante sein könnte, denn die besten verwenden kein Besteck sondern aus den Regalen des Teufels oder der Engel ihre Hände, nachvollziehbar, wenn man auf der anderen Seite des Tisches sitzt, und sonst wäre jede Hoffnung ja vergebens. Und ausserdem sind Locken out! Die halbgaren Decken, die Teilsarken, Primeln, sie sind anderer Hafer, der meist wo andere schleimt. Und darauf verlasse ich mich, mir zwei Finger in den Mund steckend, ein anderes Mal. Und das soll jetzt plorzidiv sein? Du kannst da kneten soviel du willst. Oder geht es um? Dann kommt bisweilen auch ein Methaffer vor. Alle bis auf einige zu entqualifizieren? Waes Wunde. Sind alel blädig bist Du so schlau. Oder lieber scheu? Und willst keine Beine neben Dir stehen lassen, um nur auf ein paar guten Freunden zu laufen? Viele kommen an Zoten gar nicht vor, das ist dann denkbar? Was es gibt, wenn es was gibt, lehrt der Polemikpuschel, dann vielleicht der nächste Button.

Viele liebe Grüße,

Dein Rainer Mehr Lürke


PS: Zu Poppes bin ich jetzt gar nicht gekommen. Er war letzte Nacht wieder sehr unruhig und trat im Schlaf um sich. Ich glaube, wir müssen ihn noch öfter loben. Das schreibe ich Dir und sofort weiß ich, was Du sagen wirst, dass wir ihn nämlich schon zu sehr loben. Aber da wir nun damit angefangen haben, können wir ihm das Lob schlecht abziehen. Er würde elend. Ich dachte mir, dass Du ihm vielleicht schreibst?  Oder ruf ihn doch mal an, dass er von seinen Sachen erzählen kann. Du würdest ihm und mir damit sehr dienen. Immerhin ist er auch Deines Geistes Kind!

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