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Norbert Lange: [Der Hohenfriedberger]

Gedichte

Norbert Lange


[Der Hohenfriedberger]
 
the soul is / proprioceptive

                                  Charles Olson
     
             Auf, Ansbach-Bayreuther!
Ging von Geßler aus, auf mit den Dragonern,
vom Alten Dessauer über den Hohenfriedberger,
obwohl nicht gut zu Fuß, zur Stelle
stieß vor zur Kolonnenstraße,
                                                 im Trott
der Schuljungens, denen die braune Scheiße
in den Schuhen stand. Wie-andere-Kinder
hielten an der Robert-Blum-Schule,

waren lustig. Deutsche Freiheit. Meine Quelle
ist unzuverlässig, als führte sie
(gerüstet zum Streit)
Gedenktafel,

Hjtler mit kleinen                      blind und blau geschlagen,
Fäusten, hielten                         das eigene Mißverständnis
die Panzerfäuste                        könnte erzählt haben,
geschultert, ganz der Alte         an der Haltestelle Kolonnenstraße

etwas im Schilde. Mut,
Wut später, wenn
die Vorzeichen sich drehten,
amerikanischer Sektor,

Noch unbehauster Tourist, fragte
wo der Riegel gesetzt worden, den Roten
abzuschneiden die Straße,
                                          von Süden,
unklar, wie mit 400 Fünfzehn-
jährigen umzugehen war, die
sich an ihre schwarzen,
kurzen Jacken klammerten
 
von der Truppenverjüngung, vor
oder nach der Brücke?

ihnen entgegengingen.
                          Die einen von
Mariendorf, Tempelhof, der
Richtung. Und von Tiergarten,
den Sturmgruppen die Stirn
zu präsentieren, Halb Mensch-halb Vieh.
             »Wie sollen wir uns verhalten?«
                         »Nicht schießen, entwaffnen.«
 
                                     Gelbe Leuchtzeichen,
aufsteigend von Westen, ohne dass wer stehen-
blieb von den Germanen mit
kleinem Latinum, die
 
aufsteigen, ohne dass die Jungens stehen-
bleiben, die Geschütze, Fuhrwerke erblickend,
sich wie Wahnsinnige stürzen auf,
sie schossen ihre Panzerbrecher ab,
Menschen und Pferde tötend.
Die Russen mussten sich wehren,
als die ersten fielen, erst dann
 
wandten sich andere zur Flucht,                                              26.04.45
noch von der Rachegöttin mit dem Klumpfuss
vorgepeitscht. Es ist ein Frevel, vorauseilend,
die Unschuldigen mit den Zerbrechlichen
zu verraten, heilige Geheimnisse vortäuschend,
als duldeten Götter solchen Lohn in
Verschwiegenheit und Treue,
             Horaz 3.2 als mein Weg vom Schluss durchlaufen
 
es findet sich. Heroisches Ringen der Weltstadt,
ein Comic unterm Hakenkreuz (Panzerbär),
aus einem Tank stechen Flammen auf,
Gartopf der Besatzung                          Rattenfleisch
vom Knochen, das im Kessel,
wo der Druck anstieg
 
schwenkte,
                         Auf!
der Kolonnenstraße
links ein
 
wie sie der König rief,
»kein Feind weit und breit«
auf Kreuzbergs Höhen
etwas weiter schon, auf der Brücke,
 
in einen Text, keinen Gottes-
dienst hineinzugehen, wie
mir Spaziergänger der Horaz
oder die Liedverse vom
 
Hohenfriedberger, die dem
König zugeschrieben werden,
dem Führer, allen anderen
Idioten mit Ehrgeiz
 
Warf Flaschen in die drei Altglasglocken
am Weingeschäft, neulich, gleich nach
der Wilhelm-Kabus-Straße,
gegenüber dem Autohändler. Und weiter
über die Brücke, wo die Sperre
vielleicht gewesen, wenn damals
die Brücke noch stand und man nicht
über die Böschung ab
und wieder auf-
steigen musste, kurz            
nach der General-Pape-Straße, die mich
woanders hingeführt hätte,
                                           statt über den Loewenhardtdamm
schon ins Fliegerviertel einzutreten, Neu-Tempelhof,
zwischen Nachkriegsbauten und Schwer-
belastungskörper Germania.
                         Auf, Ansbach-Dragoner!
                         Auf, Ansbach-Bayreuth!
 
 
                                                                                    April 2017
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