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Nora Gomringer: 2015

Rezensionen



Mario Osterland


Das Jahr Nora



Am Vormittag des 2. Juli diesen Jahres setzte sich Nora Gomringer auf den heißen Stuhl der deutschsprachigen Literaturwelt. Es war der erste Lesetag beim Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sie tippte kurz an ihr Mikro, „Test, Test. Ist das Mikro an? OK, also ich hoffe so geht’s. Hallo. Hallo. Erster Tag. Mein Name ist Nora Bossong...“. Was dann folgte, gehört schon jetzt zu den bleibenden Erinnerungen, den bleibenden Erzählungen dieses Wettbewerbs, auch wenn sie sich in der Hitliste der Klagenfurt-Ereignisse, wie jede andere Lesung, hinter Goetzens blutiger Stirn einreihen muss. Dennoch, dass eine Lesung beim Bachmann-Preis auf derart große Zustimmung trifft, infolge derer „Bravo!“-Rufe zu hören sind, die dem Publikum fast den Status des „achten Jurors“ (Hubert Winkels) verleihen, ist selten.

Die in der Jurydiskussion vorgeschossenen und bei der Preisverleihung schließlich geernteten Lorbeeren haben sich Gomringer und ihre Recherche redlich verdient. Dabei ist es nicht in erster Linie die Geschichte um den 13-jährigen Tobias, der sich das Leben genommen hat, sondern vor allem der Modus der Erzählung, der den Zuhörer vollends gefangen nimmt. Obwohl es sich nicht eigentlich um eine Erzählung handelt, sondern eben um die Recherchen zu einem noch zu schreibenden, noch zu erzählenden Text. Verfassen möchte ihn Gomringers Protagonistin, die Schriftstellerkollegin Nora Bossong. Nach dem performativen Mikrofoncheck werden wir also auch auf eine Metaebende des Erzählens geführt, die sich im Verlauf des Textes noch potenziert. Denn um etwas über den „Fall Tobias“ (sic) erzählen zu können, ist Bossong darauf angewiesen, dass die Bewohner des Mehrfamilienhauses, in dem der Junge gelebt hat, ihr etwas erzählen.

Die Gespräche der Hausbewohner mit Nora Bossong werden von Nora Gomringer wie mit spotlights ausgeleuchtet. Sie treten nacheinander auf, wie Perlen an einer Schnur, jeder für sich und doch ergeben sie ein Gesamtbild, eine Kette von Zusammenhängen, schließlich die Erkenntnis einer moralischen Kollektivschuld an Tobias' Tod. Das schließt den Zuhörer mit ein, denn er fühlt sich unterhalten und an einem Spiel beteiligt, muss unweigerlich lachen über Gomringers Präsentation der Stimmen. Sie geben ihre Figuren tausendmal besser wieder als es gedruckte Worte je könnten. Diese Stimmmontage formt das Erzählen. Die Verkettung der spots leuchtet schließlich (fast) den gesamten plot aus, der jedoch, wie jeder gute Text, gewisse Geheimnisse behält.

Und mit einer real existierenden, bekannten Autorin als Protagonistin, gehen auch die Anspielungen auf den Literaturbetrieb einher. Und da darf der alljährliche „Germanisten-porno“ (O-Ton Gomringer) in Klagenfurt natürlich nicht fehlen, für den diese Recherche eigens durchgeführt, also konstruiert und niedergeschrieben wurde; für den das Experiment Prosamontage der eigentlichen Lyrikerin Nora Gomringer gewagt wurde, was weder sie noch der Text abstreiten wollen. „Es sind wieder diese Tage, in denen der Wettbewerb bei 3sat gezeigt wird.“

Die Skepsis, aufgrund des metaliterarischen Pokers, ist zu Beginn des Textes ebenso groß wie die Erleichterung darüber, dass er am Ende gelingt. Die Anerkennung des Publikums und der Jury waren die logische Folge, der Hauptpreis dennoch eine Überraschung.
¹  Denn die treffende Einschätzung des Jurors Klaus Kastberger gab seinen Kollegen und schließlich dem gesamten Publikum zu bedenken, dass es den Text eben nur wegen des Wettbewerbs gibt und implizierte damit die Fragen: Funktioniert der Text überhaupt losgelöst vom Bachmann-Preis? Und wenn nicht, was ist er dann wert?

Zunächst war der Text ein stattliches Preisgeld wert, das Nora Gomringer natürlich zu gönnen ist. Von da an stieg der Kurs der Autorin rasant, was zur gefühlten Omnipräsenz in der kulturellen Öffentlichkeit führte, deren Höhepunkt sicher die Gast-Moderation der 3sat Kulturzeit war. Mit einer Bilanz von drei Auszeichnungen und vier(!) eigenständigen Publikationen kann man das Literaturjahr 2015 durchaus als „das Jahr Nora“ bezeichnen. Und das begann nicht erst in Klagenfurt.

2015 war auch das Jahr, in dem das Feuilleton die Lyrik aus heiterem Himmel wieder interessant fand. Im Zuge der Preisvergabe zur Leipziger Buchmesse bekam man teilweise den Eindruck, Berichte von Wiederauferstehungsfeiern zu lesen, obwohl deren Protagonist natürlich nie tot war.

Plötzlich richteten sich die Augen wieder vermehrt auf diese knappe Literatur, von der man zwischenzeitlich nicht viel mehr zu berichten wusste, als dass sie links bündig und rechts flatternd daherkommt.² Leider übertrug sich die Begeisterung nicht auf das Jahrbuch dieser Lyrik-Renaissance, dessen Mitherausgeberin Nora Gomringer diesmal war. Vielleicht lag es auch daran, dass sie die Anthologie mit einem Satz in die Welt entließ, den man kaum überlesen konnte. „Mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“ Die leise Enttäuschung Gomringers diente dementsprechend als Vorlage für öffentliche (ZEIT online, Fixpoetry) und halböffentliche (facebook, Twitter) Totalverrisse, die einen wohl wieder auf den Boden poetischer Tatsachen zurückholen sollten. Dabei ist natürlich nichts absurder, als den allgemeinen Zustand der Lyrik anhand einer Anthologie bestimmen zu wollen, da diese niemals etwas bündelt, sondern immer nur einen erweiterten Ausschnitt verstreuen kann, der seine Opfer verlangt.

Etwa zeitgleich veröffentliche Gomringer im Frühjahr mit Morbus den zweiten Teil ihrer Lyriktrilogie Monster – Morbus – Mode. Der schmale, von Reimar Limmer treffend illustrierte Band enthält 25 Gedichte über Krankheiten von Adipositas bis Wahnsinn (warum nicht Zirrhose?). Wobei mir einfach nicht in den Kopf will, wie für die Autorin Zwangssterilisation in einer Reihe mit der Spanischen Grippe und Syphilis stehen kann. Überhaupt stellt sich bei diesem Projekt die grundlegende Frage nach der Motivation, über Krankheiten zu dichten, die man mitunter nur aus Filmen kennt. So explizit zu lesen in dem Gedicht Unrein, dessen Reflexion der Lepra sich im Wesentlichen auf den Film Ben Hur stützt. Der Groschen fällt natürlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es durchaus eine Tradition des Krankheitsbildes gibt, das als kulturästhetisches Phänomen von allen Wissenschaften und Künsten durchdacht, beschrieben, gemalt, gefilmt, fotografiert und besungen wurde und noch immer wird.

Unter anderem mit einem Susan-Sontag-Zitat zu Beginn des Bandes gibt Gomringer zu verstehen, dass sie sich dieser Tradition bewusst ist. Dementsprechend hütet sie sich gerade hinsichtlich des Krebses vor einer Metaphorisierung (während in dem Gedicht Erzieher die Metaphorisierung von AIDS direkt zum Thema gemacht wird). Stattdessen, so scheint es, flüchtet die Autorin in ein Sprachspiel, das bei Gomringer zwar häufiger zu finden ist, in diesem Band jedoch eine auffällige Ausnahme bildet. Selbst wenn, auch durch die begleitende Illustration, verdeutlicht wird, dass es für den Krebs keinen anderen Grund als Mutationen im Genom gibt, kann der Text einer solchen Erkrankung einfach nicht gerecht werden.

MUTABOR

Der Fehler im Gen
Der Fehler im eGn
Der Fehler im enG
Der Fehler im Gne
Der Fehler im neG
Der Fehler im im Gen
Der Fehler im im eGn im
Der Fehler im im enG imm
Der Fehler im im enG Gimm
Der Fehler im im enG Ggimmm
Mutavi


Gerade im Vergleich zu den anderen Gedichten des Bandes fehlt es hier an einer Emotionalität, die deswegen notwendig erscheint, weil Gomringer sie für ihr Schreiben als zwingend definiert. „Ich möchte, dass eine gewisse Rührung entsteht. Es wäre schön, den Leser anrühren zu können“, sagte sie in einem Interview.³ Gegen diesen ehrlichen wie ambitionierten Selbstauftrag gibt es per se nichts einzuwenden. Die Frage ist nur: Wie soll eine Sensibilisierung des Lesers anhand eines solchen Textes gelingen?

Wesentlich besser funktioniert das „Ausbreiten von Befindlichkeit“ (O-Ton Gomringer) naturgemäß dann, wenn der Leser das Vorgeführte mit seinen eigenen Erfahrungen abgleichen kann. Dazu ist ein „temporäres Organversagen“ nicht zwingend erforderlich, oder wird Krankheit hier doch zur Metapher?

DIE HERZ-LUNGEN-MASCHINE ANTWORTET

Seitdem ich denken kann
ist Liebe mein Motor.
Natürlich kenn ich ein Aus,
dem das Vorbei dann folgt,
doch wenn sie mich dann so fragen,

dann bin ich Liebe ohne Ansehen der Person.

Ich bin so echt, dass keine Zweifel
über mich erhaben.
Wenn dein Herz nicht mehr liebt,
so liebt dich mein Motor.
Und haucht kein Kuss mehr,
so küss ich unterbrechungslos.

Ich bin die Liebe weißer halber Götter.

Doch ich schweife ab. Sie fragten,
ob ich sterben lassen könnte. Und ich sage:

Ich bin die große automatisierte Liebeszwangsmaschinerie.
Und ich lächle, und ich dopple hier wie Brecht,
der so lakonisch wie gerecht.
Und ich lächle nie.


Man bekommt den Eindruck, dass Gomringers Texte in der Vergangenheit stärker an dieser gewollten Emotionalität ausgerichtet waren als im aktuellen Band Morbus. Überzeugen kann man sich davon in ihrer zweiten Publikation diesen Jahres. Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded versammelt die vier früheren und mittlerweile vergriffenen Bände Silbentrennung (2002), Sag doch mal was zur Nacht (2006), Klimaforschung (2008) und Nachrichten aus der Luft (2010). Es ist ein schöner Zufall, dass der Verlag Voland & Quist genau in dem Jahr, in dem sich Gomringers Publikum noch einmal entschieden vergrößert haben dürfte, ein Buch (neu-)editiert, das einen Großteil ihrer Gedichte bündelt. Anhand dessen bestätigt sich auch der oben erwähnte Eindruck. Wobei Gomringers Spektrum, auch über die Jahre gewachsen, natürlich viel größer ist. So traten neben unsicheren Umkreisungen im Stile eines reduzierten Impressionismus (Berge gesammelt/ In Flechtkörben/ Das Strickzeug// Übergebreitet/ Landkartengleich/ Am Arm seitlich/ Schwingend)
schon bald kühne Experimente mit geradezu provokanter Verknappung (Narzisse// Das wächst/ Was// Schön).

Deutlich erkennbar ist jedoch vor allem das immer wiederkehrende Herz-Thema, das sich in gelungenen Gedichten wie etwa Kardiogrammatik (Silbentrennung, 2002), Liebesrost (Klimaforschung, 2008) oder Ich habe dir wehgetan (Nachrichten aus der Luft, 2010) präsentiert und sich als rote Ader in Gomringers lyrischem Werk verzweigt. Das gibt vielen Gedichten eine bisweilen anatomische Qualität, die letztlich einen Anschluss an Morbus herstellt. Das Bild dieser „emotionalen Poetik“ schließt sich, wenn man zudem im dritten, in diesem Jahr bei Voland & Quist erschienenen Band Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren liest. Das Buch versammelt neben dem Text Recherche Essays und Reden, von denen der aufschlussreichste Text den Titel Beständiges Soundchecken – Wann singt das Sprechen? trägt.

„Der dem Menschen im wahrsten Sinne angeborene Rhythmus ist der Herzschlag.“ Sätze wie diese untermauern nicht nur die oben erwähnten Eindrücke, sondern werden zur Basis von Gomringers Poesieverständnis. Auffällig ist in diesem Zusammenhang die generelle Häufung von Liebesgedichten in ihrem Werk, die immer ein gewisses Risiko für den Autor bzw. die Autorin darstellen. In diesem Fall ist das nicht anders. Verse wie „Um 16 Uhr fahren sie die Schütte fort, dein Herz darin. Ganz blass, noch aufgebläht von Liebe/ Und Verblüffung, wie ich so grausam, du so herzlos/ Leben kannst“ erzeugen zwar stimmige, gut funktionierende Bilder, müssen sich unter Umständen jedoch einen gewissen Kitschfaktor attestieren lassen.

Wesentlich angreifbarer scheint sie sich jedoch zu machen, wenn sie in ihren Texten die Lyrik bzw. die Sprache selbst zum Thema macht und damit inhaltliche Defizite in Kauf zu nehmen scheint. Natürlich ist Gomringer als Vortragende ihrer eigenen Texte vom Poetry Slam geprägt und geschult, bei dem eben das Sprechen der eigentliche Clou ist. Diesen Modus des Vortrages hat die Autorin zu einer gewissen Perfektion gebracht und konnte damit auch in Klagenfurt überzeugen. Was aber etwa ein zweiseitiger Text über eine am Boden liegende Schnecke vom Leser will, bleibt völlig unklar. „Da liegt eine Schnecke auf dem Weg./ Da liegt eine dicke Schnecke auf dem Weg./ Ja, wo kommt die denn her?/ Hat es geregnet?/ Ist die vom Regen gekommen? Oder mit ihm oder hinter ihm her?/ Kommt die aus der Erde?/ Was machen wir denn jetzt?“ An dieser Stelle könnte man antworten: Lieber die beigelegte CD einlegen und sich den Text von der Autorin vorlesen lassen. So wird man als Hörer Zeuge von einem kräftig-aufsässigen Ausloten verschiedener sprachlich-akustischer Reaktionen auf dieses unerhörte Ereignis.

Leider scheint die vom Verlag Voland & Quist beigefügte CD manchmal den eigentlichen Mehrwert der Gomringer-Texte auszumachen. Dieser Eindruck erweitert die Bedenken, die Klaus Kastberger in Bezug auf Recherche geäußert hat, sodass man sich manchmal zwangsläufig fragt: Funktionieren Gomringers Texte losgelöst von ihrem Vortrag? Zugespitzter: Funktionieren Gomringers Texte ohne Anwesenheit der Autorin? Denn nicht selten ist es gerade das Spiel mit der Stimme, das die Stimmungen im Text lebendig werden und den Text als solchen zum Ereignis werden lässt. Nicht nur in einer Vielzahl ihrer Gedichte, sondern gerade auch in Recherche wird das überdeutlich. Paul-Henri Campbell definiert in seinem Nachwort zu dem Band achduje, die Stimme gar als „prima causa ihrer (Gomringers – M. O.) Ästhetik“.

Bedauerlicherweise fehlt dem vierten Gomringer-Buch in diesem Jahr eine CD. achduje ist die Nummer 16 der edition spoken script im Schweizer Verlag Der gesunde Menschenversand. Er versammelt neben Hörspieltexten und einem Libretto vor allem Sprech- und Slam-Texte, die sich fast immer nur im Vortag voll entfalten können. Das fällt beim Lesen sofort auf und auch die Texte scheinen darum zu wissen, wenn sie den Leser zum LAUT! Lesen! auffordern. Folgt man dieser Aufforderung, wird klar, dass man als Leser schon eine gewisse Poetry-Slam-Attitude braucht, um die Texte mit dem eigenen Vortrag von der Autorinnenstimme zu befreien. Wie zum Beispiel im Text Berliner Liegewiesen-mädchen beschreibt die Umstände. „Die Nachtigallen – alle Romeo-bitches, allesamt –/ schlugen/ auf mich ein/ verteilten ihre Süßlichkeit auf meine Trommeln,/ fehlte nur, dass ich schwach wurde/ in diesem siffigen Park unter diesem läppischen Mann.“

Lässt man Bewertung der Texte in Abhängigkeit von ihrem Vortrag einmal außer Acht, vermittelt der Band achduje vor allem die angenehme Erkenntnis, dass der Prosatext Recherche offenbar doch nicht aus heiteren Himmel gefallen ist, sondern Ergebnis vorangegangener formaler, erzählerischer kraft des „Bachmann-Textes“ entwickeln konnten, darf vor allem der Text Vorbei bin ich nicht unerwähnt bleiben. In Form eines persönlichen Livetickers werden hier eindringlich und hoch sensibel die bangen Stunden einer Messenger-Kommunikation in einer Dreiecksbeziehung geschildert. Der verzweifelte Sound einer Verlassenen ist hier derart authentisch gesteigert, dass man fast schon wieder versucht ist, die Autorin, die echte Nora Gomringer, mit hinein zu denken. Aber auf reiner Textebene kann das nicht wirklich entscheidend sein.

Im Allgemeinen bleibt jedoch der Zwiespalt, zu dem die Beurteilung von Gomringers Texten fast zwangsläufig führt. Liest man sie, muss man die Autorin fast immer mitdenken, immer mitbetrachten. Wie könnte man auch nicht? Nora Gomringer ist keine Schriftstellerin, die sich versteckt. „Man verdient mit der Literatur nichts, wenn man zu Hause sitzen bleibt.“, gab sie einmal zu verstehen.
Da ist natürlich etwas dran. Ihre bereits erwähnte Omnipräsenz führt jedoch zwangsläufig zu einem Spiel mit Koketterie, Selbstdarstellung und -inszenierung, das sich auch in ihren Texten niederschlägt. All dem ist sie sich natürlich vollends bewusst. Und warum auch nicht? Sie beherrscht dieses Spiel sehr gut. In Oh Jugend, du! - Rede zur Verleihung des Weilheimer Literaturpreises 2015 (Band Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren) betont Gomringer: im Vergleich zu ihrem Vater sei sie „viel barocker, ausholender im dichterischen Gestus. Ich bin dazu recht laut.“ Einer Autorin, die derart selbst von sich und ihrem Schreiben überzeugt zu sein scheint, kann man wohl nie ohne einen Funken Skepsis begegnen. Allzu oft stellt sich für den Leser und Zuhörer dieses „Klassensprechergefühl“ ein, das Gomringer in ihrer Rede zu 10 Jahren Voland & Quist erwähnt und ihr nicht vollends unangenehm zu sein scheint.

Gegen Ende heißt es in Recherchewer ständig sagt, das leben/ ist ein trauerspiel, dunkelkammer/ der darf sich nicht wundern“. Aus ihrem Zusammenhang gerissen scheinen diese Verse fast so etwas wie ein Motto zu sein. Wer über das nötige Temperament verfügt, kann es auch nutzen, um in diesem merkwürdigen Literaturbetrieb dazwischen zu hauen. Nur zu. Nora Gomringer weckt Skepsis und Begeisterung. Man kann sagen, sie polarisiert das Publikum. Etwas Besseres kann einem Künstler kaum passieren.

¹ Sie ist zum Teil auch dem Abstimmungsverfahren zu verdanken, für das sich wohl nur der Justiziar und „Tycoon der Unbestechlichkeit“, Mag. Wilfried Kammerer, verbürgen kann.

² Ich entschuldige mich ausdrücklich für diesen Ausflug in Gernhardtsche Niederungen.
³
https://www.youtube.com/watch?v=bG2G1u0BxAk
Anfang des Gedichts Titan in Silbentrennung (2002).
Narzisse in Silbentrennung (2002).
Ein Ärgernis in Sag doch mal was zur Nacht (2006).
https://www.youtube.com/watch?v=CqTMpvYKV8M



Nora Gomringer: Recherche. Kindle Edition (Voland & Quist) 2015. 18 Seiten. 0,99 Euro.

Nora Gomringer: Morbus. Mit Illustrationen von Reimar Limmer. Buch mit Audio-CD. Dresden / Leipzig (Voland & Quist) 2015. 64 Seiten. 17,90 Euro.

Nora Gomringer: Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded. Buch mit Audio-CD. Dresden / Leipzig (Voland & Quist)  2015. 320 Seiten. 24,90 Euro.

Nora Gomringer: Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren. Dresden / Leipzig (Voland & Quist) 2015.  144 Seiten. 15,90 Euro.

Nora Gomringer: achduje. Sprechtexte. Luzern (edition spoken script 16. Der gesunde Menschenversand) 2015. 152 Seiten. 17,90 Euro.


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