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Niklas L. Niskate: Entwicklung der Knoten

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

(K)not working


„welt. das eigene eng
umkränzte system
fädelt sich wahr“    

Es gibt in Erich Kästners Epigramm-Band „Kurz und bündig“ ein Gedicht, das „Über den Nachruhm“ heißt:

„Den unlösbaren Knoten zu zersäbeln,
gehörte zu dem Pensum Alexanders.
Und wie hieß jener, der den Knoten knüpfte?
Den kennt kein Mensch.

Doch sicher war es jemand anders.“          

Abgesehen davon, dass dieses Gedicht in meinen Augen tatsächlich ein wunderbares Gleichnis über den Nachruhm ist, wirft es eine weitere Frage auf: Wie ist das mit den Knoten, ist das Knüpfen die große Kunst oder das Lösen? Der Knoten ist kein schlechtes Beispiel dafür, dass jede noch so grundlegende Erfindung janusköpfig ist und es vor allem darauf ankommt, wie sie eingesetzt wird. Ein fester und guter Knoten kann ein Schiff vor dem Abtreiben bewahren und andere unterstützende Funktionen einnehmen, Sicherheit gewährleisten; aber man kann auch Lebewesen damit festbinden, ihrer (Handlungs-)Freiheit berauben (wiederum auch zur Sicherheit anderer. Sicherheit vs. Freiheit, ein sehr altes Motiv).

All diese Aspekte sind bereits im Titel von Niklas L. Niskates zweitem Gedichtband angelegt oder zumindest angedeutet: „Entwicklung der Knoten“. Der Knoten als sich entwickelnde Kulturform und der Knoten als Knäul, als zu entwirrende, zu lösende Aufgabe.
    Es gibt einige Bereiche, in denen Knoten eine Rolle spielen (Zauberkunst, Schifffahrt, Angeln, etc.), und es gibt natürlich noch den Knoten als Metapher, wenn man z.B. von Verkehrsknotenpunkten oder Internet-Knoten redet oder von Knoten und Knötchen in der Medizin.

„dass wir
annehmen könnten der konjunktiv breite sich aus
sog. variationen im verständnisbereich einfallende
knoten. lösen ein zeitalter ab knoten ein
                         zeitalter auf
lösen ein            zeitalter aus“

Ich bitte diese etwas längere Einführung zu entschuldigen, sie soll nur zeigen, wie vielfältig die Motive sind, an die man anknüpfen kann, wenn man wie Niskate einen Gedichtband mit diesem Titel macht und alle einzelnen Gedichte nach Knotenvarianten benennt; außerdem deutet sie vielleicht auch an, welche Erwartungen ich hatte, als ich das Buch zu lesen begann.

Ich muss zugeben, ich habe mich sehr, sehr schwer getan. Und ich glaube, das hat u.a. mit dem Konzept zu tun. Der Titel des Bandes ist cool, keine Frage, und schon allein durch diesen Titel sind Knoten, meiner Ansicht nach, als wichtiges, sogar entscheidendes Motiv ausreichend eingeführt. Aber die einzelnen Gedichte nach Knoten zu benennen, das ist dann nicht mehr die bloße Variation eines Motives, das schmeckt schon sehr nach Konzept. Aber ähnlich wie bei Steffen Popps „118 Gedichte“ (so viele Elemente hat das Periodensystem, Stand 2019) kommt bei mir schnell der Verdacht auf, dass dieses Konzept kein echtes ist, sondern streckenweise schlicht als Vorwand dient.

„bis es, in den frühen morgenstunden, nach endlo-
sem warten, endlich heißt, ein seil sei gefunden, ver-
knotet, bis in den letzten strang, heißt, das durchei-
nander voneinander zu lösen, es wie einen gürtel zu
tragen“

Knoten sind in ihrer Vielfalt wunderbare Figuren und Metaphern für Daseinszustände, Ideen, Problematiken – Überlegungen lassen sich durchaus daran aufhängen. Und es gibt in diesem Band durchaus Gedichte (man nehme nur das Eingangszitat dieses Textes, das zum Höhlenknoten gehört), denen die Verbindung von Knotenform und Textgestalt und -inhalt gelingt.

Bei anderen Texten habe ich aber das Gefühl, dass sie die Haptik des Knotens (und Knoten sind meiner Meinung nach etwas sehr Haptisches, Handfestes, diese Komponente ist schwer auszublenden) nicht wirklich oder nur lose berücksichtigen, sich lieber in komplexeren Überlegungen und Auslotungen sprachlicher Horizonte und Grenzen umtun, vor dem vermeintlichen Hintergrund des Knotens, der Pate steht. Ich als Leser suche aber den Knoten, versuche Haptik und Lyrik zusammenzubringen. Und scheitere. Und weil ich glaube, die Gedichte seien aber so anzugehen, versperrt mir das ein ums andere Mal, so mein Gefühl, den Zugang zu den Gedanken- und Sprachwelten der Gedichte, die auf anderem Wege möglicherweise besser zu erreichen wären.

„reibung. wichtige details entfallen
spannt. spannt spannte ebenen wechselweise
realität ein vorkonsensueller zustand ist
möglich ist ist war was war war ist möglich ist“

Problematiken festmachen und auflösen, Gesichertes festmachen und auflösen. Wenn ich dann doch ein Stück in die Gedanken- und Sprachwelten vorstoßen konnte, stieß ich immer wieder auf eine Menge relativ strammer Behauptungssätze, ein Geflecht aus nach Registrierungen und Einordnungen klingendem Sprachmaterial. Ich habe ehrlich versucht, mich in diese Sprachwelt hineinzubegeben und ihre deduktiv wirkende Verfahrensweise nachzuvollziehen. Und scheiterte auch hier.

Anders als oben kann ich das nicht dem Konzept ankreiden. Hier betreten wir auch die Schein/Sein-Welten des Geschmacks. Aber ich werde trotzdem versuchen, meine Kritik auch hier greifbar zu machen.

Was sich in meinen Augen beißt, ist der meditative Charakter der Texte und ein immer wieder sich einschaltender agitatorischer Ton. Ich habe nichts gegen Texte, die kryptisch oder eigensinnig sind. Aber bei einigen Texten aus „Entwicklung der Knoten“ habe ich manchmal das fast schon widersinnige Gefühl gehabt, dass diese Gedichte sich einfach gerne reden hören, sich in ihre sprachlichen Eskapaden verpuppen. Diese Sprache ist teilweise sehr elaboriert, voller verfänglicher Wendungen, Formulierungen, Fallstricke, man sieht das sich verschlingende, zuziehende Element darin praktisch vor sich, (also: grundsätzlich es auf den jeweiligen Knoten zurück- oder hinzuführen, ist in meinen Augen eben meist nicht möglich), aber all das zieht nicht wirklich, weil die Gedichte gleichsam auf etwas hinaus zu wollen scheinen, das aber nicht ersichtlich oder sinnlich erfahrbar wird. Wird da einfach etwas verknotet und dann aufgelöst?

„was wir erwarten
stillt sich nicht ein
drehen fast durch beim gedanken an
den gedanken bei dem wir fast durchdrehen

was uns blind über die planke schiebt
ist das meer selbst das meer
wie du meinst“

Das sind natürlich gewagte Behauptungen meinerseits, und bei einigen Texten bin ich beim Lesen darauf gekommen, dass ich ihre Behauptungsstrukturen vielleicht zu ernst nehme und die Texte, das Konzept und die Sprache auch als spielerisches/in ihrem spielerischen Element sehen sollte.

Dennoch: sie kommen mir immer wieder zu straff vor und manchmal geradezu entkernt, diese Gedichte, wie ein Netz mit zu großen Löchern, das durch ganze Schwärme von Fischen ohne Fang hindurchgezogen wird. In anderen Momenten wirkt es so, als fehlte den guten, spannenden Sätzen (die es ja durchaus zuhauf gibt) ein Dreh- und Angelpunkt, eine Dynamik, die einfach nicht aufkommen will. Anfangs will ich den Knoten noch entwirren, schließlich, wie Alexander, auch nur noch durchschlagen.

Vielleicht habe ich mich zu sehr ins Konzept verbissen, und vielleicht haben für mich die Texte deswegen von Anfang an „nicht funktioniert“, vielleicht greifen viele meiner Kritikpunkte nur von diesem Standort aus, ergeben nur vor diesem Hintergrund Sinn. Ich habe meine Bedenken in Bezug auf den Band und mich selbst wohl ausreichend dargelegt. Ich möchte in diesem Fall allerdings dringend anraten, sich ein eigenes Bild zu machen. Denn bei allem, was ich kritisch vorgebracht habe, habe ich doch den Eindruck gehabt (wenn er sich auch nicht verfestigen ließ), dass ich einige Räume in diesem Band nicht ausgelotet, vielleicht noch nicht einmal betreten habe. Es gibt also möglicherweise noch viel zu entdecken und zu widerlegen. (Wenn Sie sich den Band nicht zulegen, machen Sie sich zumindest einen Knoten ins Taschentuch!)

„anker zu werfen. wissen
auf entschuldigungskurs“


Niklas L. Niskate: Entwicklung der Knoten. Salzburg (edition mosaik) 2018. 80 Seiten. 8,00 Euro.
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