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Nicolás Gómez Dávila: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift

Rezensionen



Timo Brandt

Der streitbare Ästhet der Existenz



„Die Unmöglichkeit, Lösungen zu finden, lehrt uns, dass wir uns der Aufgabe widmen müssen, die Probleme zu veredeln.“


Als ich mit 15-16 Jahren begann, mich mit der Literatur auseinanderzusetzen, faszinierten mich in besonderem Maße Werke, die ein gewisses Alleinstellungsmerkmal versprachen; das hat sich bis heute nicht geändert, wiewohl sich meine Definition von Alleinstellungsmerkmal etwas verschoben hat. Damals waren es vor allem die kruden, schwer zu fassenden, in obskuren Zusammenhängen erwähnten Werke, die mir verheißungsvoll erschienen. Einige dieser Werke waren auf Deutsch gar nicht oder kaum zu bekommen, u.a. die Schriften des kolumbianischen Aphoristikers und Philosophen Nicolás Gómez Dávila.

Meine Recherchen konnten lediglich einen komplett vergriffenen Band bei Matthes & Seitz und einen so gut wie vergriffenen Band aus der Anderen Bibliothek – mit dem reizvollen Titel „Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten“ – zutage fördern. Lange Zeit blieb dieser Band für mich ein Sehnsuchtsort, den ich nie erreichte. Erst vor kurzem stieß ich nun auf diese wiederaufgelegte Sammlung bei Reclam.

„Der intelligente Bericht von der Niederlage ist der subtile Sieg des Besiegten.“


In der spanischsprachigen Welt scheint Dávila mit seinen Schriften nicht viel Furore gemacht zu haben – in Deutschland dagegen wurde er wohl etwas breiter rezipiert. Trotz der umständlich-honorigen Bezeichnung „Scholien zu einem inbegriffenen Text“, handelt es sich bei den Texten konkret um Aphorismen; um Kommentare zu einem Weltgeschehen, das Dávila in seinen Sentenzen einfängt, beschießt, beleuchtet und auf den Punkt bringen will.

Der „inbegriffene Text“ ergibt sich aus dem sinnbildhaften Charakter der Aphorismen und der darin ausgestellten Position, die sich auch auf die weitläufigeren Kontexte erstrecken lässt. Die Sentenzen sind also nicht nur ein Reflex, eine knappe Stichhaltigkeit, sondern wie eine Formel mit Variablen, die sich auf einen bestimmten Bereich von Situationen anwenden lässt, wenn man die Platzhalter darin mit konkreten Personen, Situationen, Ideen etc. zusammen-bringt.


„Die Avantgarde bietet ein köstliches Schauspiel der Entrüstung, wenn sie sich nach einigen Jahren in eine Nachhut verwandelt hat.“


Bei Reclam hat man sich entschieden, den Band thematisch aufzuteilen, und so sind die Notate in Kapiteln wie „Vom Geist“, „Zivilisation“ oder „Allzumenschliches“ versammelt.

Bissigkeit und Verständnis können sich von Spruch zu Spruch unerwartet abwechseln und ergänzen. Im Prinzip war Dávila ein Ästhet der Existenz, dem sämtlicher Fortschrittsglaube, sei es nun das Politische oder das Künstlerische oder das Technische, wenig bedeutete und dem es um die bleibenden Ideen hinter den Realien ging, nicht um die Transformation der Realien; er verstand seine Schriften offenkundig als breitangelegte Kritik an irrigen und widersinnigen Vorstellungen und ebensolchen Handlungen. Oft sind die Aphorismen auch weniger auf einen Aha-Effekt angelegt (auch wenn er natürlich oft eine Rolle spielt) und setzen mehr auf einen beschwörenden Ton.

„Verteidige deinen Stolz, damit deine Demut in sauberen Quartieren absteigt.“


Trotzdem funkelt in diesen Texten immer wieder eine Brillanz durch, wie man sie von den großen Aphoristikern der Moderne kennt, beispielsweise von Paul Valéry oder dem genialen Stanislaw Jerzy Lec. Gleich einem Kind von La Rochefoucault und Lichtenberg illuminiert und präzisiert Dávila immer wieder Umstände und Gedanken, und ihm gelingen dabei fabelhafte Evidenzen & Bosheiten, Nachdenkliches & Prägnantes.

„Nur wir selbst können die Wunden vergiften, die uns zugefügt wurden.“


Im Gegensatz zu Lecs „Unfrisierten Gedanken“, bei denen im Bissigen und Lachhaften auch immer Melancholie und Tragik mitschwingen, haben Dávilas Sprüche bei aller Subtilität eine Direktheit, die selten die Frage nach der Haltung des Autors aufkommen lässt oder freischwebende Ambivalenz-Räume bedingt. Ob ein Satz jetzt nur sarkastisch gemeint ist oder sich darin auch eine Unsicherheit verbirgt, das war bei Lec nie ganz klar – Dávila aber lässt meist keine Zweifel aufkommen.


„Das Alte oder Moderne schätzen ist leicht; aber das Obsolete zu schätzen wissen, ist der Triumph des echten Geschmacks.“


Es ist eigentlich überflüssig, dies herauszustreichen, aber einige Gedanken in diesem Buch haben auch eine unverbrüchliche Schönheit, manchmal in Form eines Trost-Faktors; oder eine Beglückung tritt ein, obgleich selten gekonnter Esprit aufkommt – dafür sind die Gedanken zu gesetzt, zu verankert. Diese Schönheit kann in einer fast fröhlichen Häme liegen (was ungewöhnlich, aber möglich ist) oder in der plötzlichen, fast pathetischen Einfachheit, mit der sich Dávila für Phänomene und Kunstwerke vorbehaltlos einsetzt.

„Die Vollkommenheit dessen, den wir lieben, ist keine Fiktion der Liebe.
Lieben ist, im Gegenteil, das Privileg, eine Vollkommenheit zu bemerken, die anderen Augen unsichtbar bleibt.“


Entlarvend, manchmal der Kampfansage nah, dann wieder schwärmerisch und zynisch – dies Büchlein enthält vielerlei Richtungen. Wie bei anderen Aphorismus-Sammlungen fühlt man sich am Ende geradezu von Wahrheiten umstellt.

Aber auch ein bisschen Klarheit für sich selbst hat man gewonnen. Mehr kann man nicht erwarten, denn der nächste Aphorismus kann schon die Guillotine der ältesten Wahrheit sein. Das Wenige, das sich bewahren lässt: manchmal blitz es auf, nimmt literarische Gestalt an in einem Satz, in dem der ganze Kontext des Lebens sich bricht, aufgetrennt wird und doch zusammenwächst.

„Die Weisheit besteht nur darin, weder das Nichts, das der Mensch ist, noch die Schönheit, die manchmal in seinen Händen entsteht, jemals zu vergessen.“




Nicolás Gómez Dávila: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift. Aphorismen. Ditzingen (Reclam Taschenbuch) 2017. 168 Seiten. 9,95 Euro.

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