Nele Brönner & Monika Rinck: I Am The Zoo - Signaturen

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Nele Brönner & Monika Rinck: I Am The Zoo

Rezensionen
 



Meinolf Reul

Nele Brönner & Monika Rinck, I Am The Zoo



Im Dezember vergangenen Jahres verstarb der slowenische Dichter Tomaž Šalamun. 2012 hatte Monika Rinck gemeinsam mit Šalamuns Landsmann, dem Dichter und Germanisten Gregor Podlogar, eine zweisprachige Ausgabe seiner Gedichte vorgelegt, Rudert! Rudert! (Edition Korrespondenzen). Der Titel der jüngsten – in Zusammenarbeit mit der Illustratorin, Künstlerin und Comiczeichnerin Nele Brönner entstandenen – Veröffentlichung Rincks, I Am The Zoo, ist eine Hommage an Šalamun, von dem sein Verleger sagte, die Tatsache, dass nichts ihm heilig sei, schließe die Möglichkeit der Gegenwart des Göttlichen nicht aus („So nah kommt es heran, das Wunderbare / zu unseren dreckigen, zerfallnen Häusern …“ – Anna Achmatowa, deutsch von Barbara Honigmann).

Ich bin der Zoo: Es gab wohl viele Tiere in Šalamuns Gedichten, er selbst schien darüber am meisten überrascht, ja geradezu schockiert. „Seltsam“, gab er diesbezüglich in einem Interview Auskunft auf die Frage, ob er sich eher in der Rolle des Tierbändigers, des Zoos oder der Bestien sehe. „Ich bin eher das Biest als der Zoodirektor, würde ich sagen. Viele Biester nehmen mich auseinander, sie zerlegen mich.“

So ist es in der editorischen Notiz nachzulesen – „I’m alone with that grim dog of mine“ (Šalamun); sie enthält auch nähere Angaben zur Entstehung des Werks.

Am 1. Mai 2014 schickte Nele Brönner eine erste Zeichnung an Monika Rinck, die mit einem Text antwortete, auf den wiederum eine Zeichnung folgte. Auf diese spielerische und methodische Weise setzte sich die tägliche Arbeit über gut drei Wochen hinweg fort. 24 Texte zu ebensovielen (Tusch-)Zeichnungen – von Nele Brönner mit phänomenaler Akribie zu Papier gebracht – bildeten schließlich das Konvolut, aus dem Peter Engstler das schöne Buch gefertigt hat, das wir nun in Händen halten.

 
 
 
 
 


Chronologisch, nicht aber im Gestus, folgt I Am The Zoo der Hasenhass–Fibel von 2013. Darin tobten sich M. Rincks frische Unbekümmertheit und toller Übermut in einem eigensinnigen, an jedem Nonsensegräschen verweilenden Zickzacklauf aus.
Das war – gewürzt mit einer fetten Prise spekulativen Denkens - sehr besonders und schräg.
In Hasenhass (übrigens, dies zur Beruhigung der Tierliebenden, als Hass der Hasen zu verstehen, nicht als Hass auf Hasen) liefen Schrift und Zeichnung ineinander, wie auch zuletzt in Rincks lustigem Online-Adventskalender auf Urs Engelers roughblog, der ausgewählte Sätze aus dem eben so betitelten Dialog zwischen Franz Josef Czernin und Hans-Jost Frey zitierte und mit wildem Krakelstrich bebilderte.

Die strikte Trennung von Text und Illustration, die in I Am The Zoo vollzogen ist, macht den gegenüber dem Vorgänger veränderten Duktus auf den ersten Blick deutlich. Die vergleichsweise strengere Form ist vorderhand auch an der Ebenmäßigkeit der einzelnen Textpäckchen zu ersehen. Ihre Wortzahl bewegt sich zwischen 97 und 137, nur ein Text umfasst deutlich weniger Wörter, nämlich fünf.
Nele Brönners Zeichnung einer schwarzen, weiß gefleckten, Scheibe eröffnet das Spiel. – „Das hier ist die Scheybe, von deren Rand ich mich schubse, jeden Tag kurz nach dem Erwachen“, extemporiert Monika Rinck. Das archaisierende oder heideggernde Ypsilon schaut dem Leser fremd ins Auge.
„Die Erde ist eine Scheybe. Ihr Knistern ein Speicher.“

 
 
 


















© Nele Brönner & Monika Rinck:
I Am the Zoo

 
 


Das gezeichnete Rund erinnert an ein rotierendes Schneideblatt oder an eine Lochplatten-Spieldose. Doch passen „Knistern“ und „Kratzer“ besser zur (Vinyl-) Schallplatte; ein „Plattenteller“ kommt, an anderer Stelle, tatsächlich vor. Es scheint sich, so oder so, um ein Speichermedium zu handeln, in das „Nachrichten der allseitigen Verdunkelung“ aufgenommen sind.

In diesem ersten Text tritt auch die Hauptfigur von I Am The Zoo ins Geschehen, Candy, Gefährtin des lyrischen oder erzählenden Ichs. Sie nimmt ihm das Versprechen ab, sich „die Gräber der Berühmten genau anzusehen, noch genauer“. Es scheint ihr wichtig zu sein. – Der (irgendwie prollige) Candy-Name wird im folgenden hier und da dekliniert, „Candy, Staubzucker. Hagelzucker“, bis hin zur zauberischen „puderzuckerleichte[n] Hand“ im abschließenden Text – beinah so schön wie die kleine Regenhand bei E. E. Cummings.

Die ersten sieben Doppelseiten bilden eine Art Exposition, in der Motive angespielt und – in der Interaktion von Wort und Bild – Erwartungen geweckt und sanft unterlaufen werden. Noch ist unklar, wohin die Reise geht. „Mensch Candy!“ heißt es da zum Beispiel in kolloquialem Stil, dann plötzlich, grübelnd: „Dass ich ein Mensch bin, ist das gegeben?“ - Der bekiffte Hit „From Disco to Disco“ der Kölner Whirlpool Productions wird zitiert, in karnevalistischer Verkleidung: “Von Iglu zu Iglu”. Der „Disko-Pinguin“, der solcherweise jubelt, muss ein Cousin des vorbeistreunenden „Diskofox“ aus Hasenhass sein. – Biblisches klingt an („Katze, wo ist dein Spachtel?“, „Doch Candy, die sah, dass es nicht gut war“), auch Psychologisches („die Umdeutung von Angst in Lust“) und, einmal mehr,  Philosophisches („Erkennen bedeutet sich dem Leben der Gegenstände zu übergeben, so Hegel“), es gibt regionale („gefleckert“) und altmodische poetische Ausdrücke („Ob es auch taute“) – alles dies einer fein gearbeiteten, wunderbar modulierten lyrischen Prosa anverwandelt, die erzählerische Qualitäten hat, zugleich aber auch das Tastende vermittelt, das sich aus der Erstbegegnung mit den überraschenden Bildfindungen Nele Brönners ergibt, die oft witzig, und immer gewitzt sind.
„O, Du kalte Wirrsal arktischer Korridore: Wieder nicht gewonnen.“
Ein metatextueller Stoßseufzer? Doch eine Niete gezogen zu haben – davon kann auch für den Leser keine Rede sein, im Gegenteil.

Es schließt sich dann eine regelrechte Abenteuergeschichte an, ein conte philosophique im Miniaturformat, in der ein tintenschwarzer „vielköpferte[r] Dschinn“ eine tragende Rolle spielt.
Candy hat bei dem Flaschengeist einen Wunsch frei, aber dieser soll ihn „lange und mühsam an einem anderen Ort beschäftigen“, und so wünscht sie sich, „dass weltweit die Gewalt aufhört!“ – „Mit einem Mal war es totenstill“, heißt es lapidar. Man mag an Immanuel Kant denken, der eingangs seiner Schrift Zum ewigen Frieden das gleichlautende Schild eines holländischen Gastwirts erwähnt, „worauf ein Kirchhof gemalt war“(I. K.).
Im weiteren Verlauf der Dschinn-Episode finden sich Candy und das Ich in ein Äffchen verwandelt wieder – „in einen einzigen Affen“. Das Thema der Gewalt bleibt ihnen auch unter dieser Maske nicht erspart, von den „verbliebenen Gewaltpartikel[n], die in allen Verhältnissen aufstauben“ bis zur erstaunten Frage: „Ooh! Herrscht denn noch Gewalt?“

Diese fällt aber erst im Schlussteil: Das zusammen mit Candy im Affen eingeschlossene Ich wird zum Zerreißen gedehnt, und eine verblüffende kosmische oder eschatologische Wende à la „2001: A Space Odyssey“ nimmt ihren Lauf. Bild und Text sind von äußerster Dynamik und Spannung, beruhigen sich dann in einer quasi-statischen Organisation, in der rasende Geschwindigkeit und Stillstand in eins fallen. Die Fragen, die I Am The Zoo ganz beiläufig stellt, werden auf dieser letzten Strecke zugespitzt: Wer oder was ist das Ich? Wo verläuft die Grenze zum, beispielsweise, Tiersein, oder Totsein? Noch etwas aufsagen können, in der Lage sein, Beobachtungen zu machen – was bedeutet das im Licht der Ewigkeit? „Gewisse Ich-Energie noch vorhanden“, „Restbewusstsein“ – ja. Andererseits die Überlegung: „Auch die Treue könnte dein tierischer Anteil sein.“ Im großen Nichts ist nichts mehr gewiss. „Bin ich noch am Leben? Hm.“

Die Scheibe vom Beginn bildet auch das Schlussbild. Aber ist es dieselbe, nach allem, was dazwischen lag?

„Ganz leichter Schwindel, als sei der Boden ein wenig gesunken. Auf meinem inneren Teller drehte sich eine Scheybe und setzte Erinnerungen frei, die wie von außen an mich herantraten. Candy legte mir ihre puderzuckerleichte Hand auf die Schulter, summte eine Folge von Tönen, die in das Knistern der Scheybe hinabstiegen. Ihre Kappe war staubig, mehrere Kabel lose und ihr blondes Fell gegen den Strich gefegt.“



Nele Brönner & Monika Rinck: I Am The Zoo. Candy – Geschichten vom inneren Biest. Ostheim (Verlag Peter Engstler) 2014. 52 Seiten. 14,00 Euro.

 
 
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