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Natan Zach: Verlorener Kontinent

Rezensionen



Jörg Neugebauer

Poetische Präzision



Gleich das erste Gedicht weckt bestimmte Assoziationen: Die leeren Koffer vor Augen, macht sich das lyrische Ich auf in die Ferne. Man muss das Gemeinte nicht näher benennen, wie auch der Autor es nicht tut. Was gemeint ist, wird im zweiten Text auf andere Weise deutlich: Orpheus schreit und der/Bach/erstarrt in seinem Bett - nach allem, was geschehen ist, kann man nicht einfach schöne Verse schreiben, man muss aber weiterhin Verse schreiben, bloß eben anders: Nicht um das Herz auszuschütten (wie es im dritten Gedicht heißt), oder zu richten, überhaupt geht es mehr um das Hören (viertes Gedicht). Dieses ist das Einzige, was ihm gegeben ist, dem Dichter, der, um einer zu sein, über seine Gefühle hinaus sein muss, solange er dichtet: Erlischt das Gefühl, so spricht das wahre/Gedicht.
Die ersten vier Gedichte des Bandes stammen aus den Jahren 1955 und 1966, alle Texte der Teile I und II wurden in dieser Zeit geschrieben. Teil III enthält neuere Gedichte, Teil IV bietet frühe und späte Verse, die letzten aus dem Jahr 2008. Das ganze Buch Verlorener Kontinent besteht aus einer vom Autor selbst besorgten Zusammenstellung von Gedichten aus acht bereits publizierten Lyrikbänden, der erste erschien im Jahr 1955. Die autorisierte Übersetzung stammt von Ehud Alexander Avner, eine Sonderstellung nimmt das letzte Gedicht, das sehr persönliche Das Kasino in Bet-Galim, April 1983, ein, das Yehuda Eren-Ehrenkranz gewidmet ist, der es auch übersetzt hat.

Natan Zach wurde 1930 in Berlin geboren, wuchs jedoch in Haifa auf, wo er, nach Literaturstudium und Promotion in England, an der Universität lehrte. Sein Hauptwohnort ist Tel Aviv. Viele Werke der klassischen Moderne übersetzte er aus dem Deutschen ins Hebräische. Er gilt als einer der großen Vertreter moderner hebräischer Dichtung und erhielt unter anderem 1995 den Israel-Preis. In nicht wenigen seiner Gedichte nimmt Zach Bezug auf das Alte Testament, dessen Geschichten bei ihm als Mythen erscheinen, als Stoff zum Weiterträumen - so etwa wenn Gott sich nach dem toten Hiob sehnt, dem süßesten aller Knechte und deswegen weint, zur Beruhigung aber im Buch der Psalmen liest:


und die Dinge darin beruhigen sehr:
So viele Gedichte.
Ein großes, weites Meer,
und Tiere ohne Zahl, groß und klein,
und Bäume, viele Bäume, und immer wieder Wasser.

(Aus: Manchmal sehnt sich, 1966)

Es gibt Dinge, die den Schmerz überleben, die größer sind als die Trauer. Diese Zuversicht, oft ironisch gebrochen, strahlen so viele Gedichte Zachs aus. In den späten Versen wird der Ton nüchterner, doch selbst im anti-romantischen Gestus schimmert die ungebrochene Liebe zur Natur und zum Elementaren durch: Der die Vögel schweigen heißt tut dies mit unausgesprochenem Bedauern: In unsrer Welt ist kein Bedarf/an eurem Singen (2008). Ähnlich, aber politisch bitter, in dem Gedicht, das Zach 1999, zwei Jahre vor der Schließung durch die israelischen Behörden, im Orienthaus der PLO in Ostjerusalem vortrug: Die knappe Diktion Geh nicht raus. Geh nicht rein./Sag nicht ja. Sag nicht nein./Wozu denn?/Wir kümmern uns um dich ahmt den deutschen Sprechgestus nach, den altbekannten Kommandoton, der Titel des Gedichts ist sogar im Original auf deutsch (Orient raus).

Das Freund-Feind-Denken ist aber nicht auf Deutsche oder Israelis beschränkt, es ist Teil des Menschseins, und Aufgabe der Poesie ist es auch, dieses zu zeigen und auszusprechen:


(...) Denn in der Tat nicht minder menschlich
ist der Wille zur Präzision als der Wille zu töten, zu schänden,
zu liquidieren. Wen? Deine Feinde, Gegner, einen verdächtigen Fremden,
den Nacbarn von gegenüber, oder einfach, wer dir so einfällt:
jeden Mann, jede Frau, jedes Kind auf der Welt.

                                                                                      (Aus: Vom Willen zur Präzision, 1982)


Anfangs wird in diesem Gedicht die zynische Seite jenes "Willens" vorgeführt, der bürokratisch präzise nach Todesarten differenziert, politisch motivierte Fehlzählungen anmerkt und überhaupt zur Vorsicht vor eindeutigen Aussagen mahnt: gehts doch ums Strafrecht.

Die andere Seite ist die poetische Präzision, mit der Natan Zach seinen Lesern, uns, all dieses nahebringt.



Natan Zach: Verlorener Kontinent. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner. Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2013. 87 Seiten. 19, 95 Euro.

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