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Nadine Gordimer: Für wen wir schreiben

Diskurs / Poetik > Glossen
Nadine Gordimer

Für wen wir schreiben
(in: Schreiben und Sein - die Nobelpreisrede 1991)


Die Alternative ist nicht der Fluch des Elfenbeinturms, der ein weiterer Zerstörer der Kreativität ist. Borges hat einmal gesagt, er schreibe für seine Freunde und um sich die Zeit zu vertreiben. Ich glaube, das war eine gereizte, frivole Amtwort auf jene krasse Frage, die oft eine Anklage ist: Für wen schreiben Sie? Genau wie Sartres Mahnung, daß es Zeiten gebe, in denen ein Autor schweigen und auf andere Art handeln sollte, aus der Enttäuschung darüber geäußert wurde, daß er den Konflikt zwischen seiner Trauer über die Ungerechtigkeit der Welt und dem Wissen, daß Schreiben sein größtes Talent war, nicht lösen konnte. Beide, Borges und Sartre, waren sich bei der extremen Unterschiedlichkeit der Perspektive, aus der sie der Literatur ihren gesell-schaftlichen Zweck absprachen, vollkommen bewußt, daß die Literatur eine indirekte, aber bedeutsame Rolle in der Erforschung des gesellschaftlichen Seins spielt, eine Rolle, von der alle anderen - die persönliche unter Freunden, die öffentliche auf der Demonstration - abgeleitet sind.
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