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Nach dem Rauchen

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Jan Kuhlbrodt

Nach dem Rauchen

Zu einer Theorie der Collage (Material)


 
 
 


Der Blick auf das Ding hat sich verändert, der Blick auf den Text und den Kontext, darum ist alles, so John Cage, was wir sehen sowie der Prozess wie wir es ansehen – ein Duchamp.

Swantje Lichtenstein


 
 

Erschien doch im Herbst im Merve-Verlag endlich folgendes Buch:
Robert Fitterman/ Vanessa Place: Covertext. Anmerkungen zu Konzeptualismen. Aus dem Amerikanischen hat es Swantje Lichtenstein übersetzt. Dieses Buch führt zu einigen Begegnungen und Wiederbegegnungen mit alten Heroen: Benjamin, Adorno, Foucault, vor allem aber führt es direkt in eine zeitgenössische Auseinandersetzung herein, und wie das so ist, wenn man einen Raum betritt, in welchem eine Debatte bereits läuft, braucht man eine Zeit, um sich zu orientieren.

Und ich gebe zu, ich stehe noch direkt neben der Tür. Orientierungspunkte sind mir zunächst alte Bekannte. Namen und Begriffe (concepts).


 
 

Was mir zuerst auffällt: Es wird in diesem Raum nicht mehr geraucht, was zur Folge hat, dass die Konturen offen liegen, aber auch, dass man die eigene Unkonzentriertheit nicht mehr mit Sauerstoffmangel begründen kann, denn die Fenster sind gekippt. Mich wundert aber, dass es nicht zieht.

Ich versuche gerade dem Covertext auf den Grund zu kommen, wie ich einst auch versuchte, dem Tractatus von Wittgenstein auf den Grund zu kommen, aber beide Texte, so scheint es mir im Augenblick, sind grundlos, das macht sie zu Literatur (und hier sei mir die Bemerkung erlaubt, zu großartiger Literatur).

Einst ist jetzt.

Wenn Wittgenstein im Tractatus anmerkt, dass man alles, was man sagen kann, klar sagen kann, bezieht sich das zunächst wohl auf den eigenen Text, also dem Wittgensteins. Man? Die Qualität einer Aussage besteht demnach in ihrer Klarheit, was letztlich heißt, dass nur eine klare Aussage überhaupt Aussage ist oder sein kann, oder eine Aussage erst nach ihrer Klärung zur Aussage wird.

(Kollegen aus der analytischen Philosophietradition werden jetzt wahrscheinlich wutschnaubend den Imaginationsraum verlassen und im Freien auf die Hegelianer treffen, die sich gerade unisono die dritte Zigarette anstecken. Nein, sagen sie, wir waren gar nicht drin, warum auch. Wir beherrschen die Regeln.)

Aber hier geht es doch um Literatur! Lassen wir die Analytiker mit den Hegelianern doch um die Wette rauchen und gehen wir zu Covertext zurück:

Punkt 10 in Covertext:

 
 
 

Dinge deren Materialität berücksichtigt werden muss:// Prosodie//Buchobjekt/Seitenobjekt//
Sprache//externe Text(e)//externe Textur(en)


 
 

Dinge deren Materialität berücksichtigt werden muss!! Material in doppelten Sinne vielleicht. Als Grundstoff und als Textur eben. Sinnlich erfahrbar, also Oberfläche. (Marx: Die Ware ist zunächst ein Ding. In: Das Kapital. Bd. I. Über den Fetischcharakter der Ware.) Unter der Oberfläche beginnt es zu pulsieren, was an den Bewegungen der Oberfläche erkennbar wird. Wahrscheinlich können wir nur vermuten, was unter der Oberfläche abgeht. Aber: WIR KÖNNEN VERMUTEN!

In Punkt 10 von Covertext wird unter 10a bis 10f die Materialität ausgeführt. Und hier schlug mein literarisches Herz bis zum Hals, da sich im letzten Jahr in mir eine gewisse Vorstellung breitmachte, dass letztlich Literatur, wie alle Kunst, nichts anderes als Collage sei, (in den Gesprächen mit Steffen Popp und Tristan Marquardt auf dieser Seite, habe ich begonnen, dem nachzugehen).

Was collagiert wird, ist unter Punkt 10 angesprochen. Tautologisch aber wichtig scheint mir an dieser Stelle der Hinweis auf die Materialität des literarischen Materials im Kontext. Und im literarischen Kontext erhalten eben auch Gedanken jene Materialität, und nicht nur, wenn sie „die Massen ergreifen.“, wie Karl Marx es auszudrücken pflegte, sondern schon wenn sie einen Autoren oder eine Autorin ergreifen. (Besser: wenn sie aufgenommen werde, wenn sie sich aufdrängen.)

Keith Waldrop in The Silhouette of the Bridge (Avec Books, Pengroove 1997):


 
 
 

So viele Menschen und  zu allen Zeiten glauben, dass jeder von uns ein kleines Universum sei, ein Gläschen, das das große Ganze spiegelt und in uns alles abgebildet ist, ganz winzig klein, und  in seiner Gesamtheit, eine Mikrowelt.

Avicenna aber geht von einer anderen Vorstellung aus. Wir sind, so mutmaßt er, in uns anfänglich ganz leer – da ist nichts in uns. Aber wir können, wenn wir denken, Stück für Stück, den Kosmos in uns aufnehmen, und alles reflektieren, Ding für Ding, so dass wir ein kleiner Spiegel des großen Ganzen werden. Und wenn es uns misslingt, gehen unsere Seelen verstümmelt und nur zum Teil in die Ewigkeit ein. (
dt. von JK)


 
 

(Aber Marx steht ja auch draußen bei den Hegelianern und raucht.)

 
 
 

10 a

Worin besteht der Unterschied zwischen einer konzeptuellen Collage und den literarisch Anderen?
Beispiele für Anderer: Pound, Berrigan, Ashbery – Existenz der Collage als Prätexttechnik, um ein vielstimmiges Ensemble zu schaffen, d.h. eines in dem die Stimme des Autors auftaucht/dominiert/besteht; Einsatz der Collage, um einen spezifischen Autor oder die Ästhetik/Metaphysik (das Thema z.B. des Autors) anzuzeigen.


 
 

Notabene (eine Wiederkehrende Floskel im Text von Covertext) gerade mit Ashbery und Pound war ich im vergangenen Jahr eingehend befasst. Im Jahr davor mit Horae, dem großartigen Poem Swantje Lichtensteins. Die einen oder die anderen also, man muss einen Schritt zurücktreten, um die Positionen zu unterscheiden.

(Ein Ashberytext steht noch aus, aber langsam bildet sich ein Sediment, zumal sich das Problem der Übersetzung langsam löst, weil ich immer mehr Übersetzungskonzepte zu Gesicht bekomme, die Genauigkeit hinten anstellen, letztlich selbst auch wieder collagieren.)

 
 
 

So wie Totholz schwimmt, verströmt der sich dehnende Nachmittag
seinen mausigen Duft, gemästet mit der Erinnerung zahlloser ähnlicher,
die er für in den Köpfen derer vorhanden hält, die in diesem hier herumspazieren,
und so trägt die Struktur ohne jede sichtbare Stütze. Türen lässt man offen stehen

 

Dieses Zitat jedenfalls findet sich in John Ashbery: Flowchart / Flussbild. LUXBOOKS. Wiesbaden 2013 auf Seite 145. Die Übersetzung stammt von Matthias Göritz und Uda Strätling.

Und in Covertext:

 
 
 

Ebenso: der Einsatz der Collage um das Material der Collage zu ironisieren/zu feiern.

 
 

Sowohl die Hegelianer, allen voran die Marxisten, als auch die Analytiker stecken ihre Köpfe kurz durch die Tür, hatten wohl alle damit gerechnet, dass die Pisaner Cantos in größerem Stil rezitiert werden. Beim nächsten Mal vielleicht. Oder einst. Der Geruch von Zigarettenrauch durchzieht den Raum wie eine Erinnerung. Aber mir kommt der Gedanke, dass die Theorie des Langgedichts (die mich derzeit bewegt) auch eine der Collage sein muss.

 
 
 

Konzeptuelle Texte sind gut genug.  (Swantje Lichtenstein)

 
 

Robert Fitterman, Vanessa Place: Covertext: Anmerkungen zu Konzeptualismen. Übers. aus dem Amerikanischen von Swantje Lichtenstein. Berlin (Merve Verlag) 2013. 88 Seiten. 10,00 Euro.

 
 
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