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Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna // Montag

Rezensionen


Jan Kuhlbrodt

Moyshe Kulbak

Es ist geradezu erschütternd, was aus dem zwanzigsten Jahrhundert, vor allem aus der ersten Hälfte, an europäischer Literatur zu Tage gefördert wird, und es ist dramatisch, was alles noch verschüttet liegen muss, verschüttet und vielleicht vernichtet, was nicht in die Überlieferung gelangt. Wahrscheinlich ist das, was von verschiedenen Verlagen derzeit aus dem Trümmerfeld der Zeit geborgen wird, nur die Spitze eines Eisberges, dessen Größe wir heute höchstens nur erahnen können. Das Jiddische als grandiose Literatursprache wird mir Schicht für Schicht sichtbar.

In der Edition.fotoTAPETA erschienen jüngst zwei Bücher des Autoren Moyshe Kulbak. Ein Roman und ein Gedichtzyklus. Aus dem Jiddischen übersetzt wurden beide Texte von Sophie Lichtenstein, und der Übersetzerin ist es auf beeindruckende Weise gelungen, den eigenwilligen Sound, der in den Originalen liegt, ins Deutsche zu übertragen, zumindest ist das mein Eindruck.

Moyshe Kulbak ist 1896 in Smorgon in der Nähe von Vilnius geboren, das damals unter Verwaltung des russischen Zarenreiches stand, arbeitete als Übersetzer und Lehrer in Vilnius, Berlin und Minsk, und wurde 1937 verhaftet und von der stalinistischen Justiz verurteilt und hingerichtet.

Der Gedichtzyklus heißt Childe Harold aus Disna

(Und angesichts des Titels wurde mir wieder einmal klar, welche Bedeutung Lord Byron für die europäische Literatur hatte, und wie wenig er in Deutschland rezipiert wird. Da ist seit Heine einiges nachzuholen.)

In zweiundsechzig zwölfzeiligen Gedichten lässt Kulbak seinen Protagonisten durch das Berlin um 1920 streifen und das expressionistische Zeitgefühl einatmen und reim-geschwärzt – Pfeife rauchend – wieder ausstoßen. In flirrender Zeit trifft er sich selbst.
O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner;
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.

Diese vier Verse bilden vielleicht so etwas wie ein Bindeglied.

Der Roman ist für mich eine Sensation. Als ich ihn am letzten Wochenende in einem Zug las, verschlug es mir den Atem. Auf gerade mal einhundert Seiten eröffnete er mir ein Panorama der kulturellen und politischen Verwerfungen zur Zeit der Revolution, die mir in der Schule als „Große sozialistische Oktoberrevolution“ vorgestellt wurde.

In der Stadt, der revolutionären, lebte ein Lehrer für Hebräisch, der ein ruhiger Mensch war – Mordkhe Markus.

Das ist der erste Satz des Romans, und er stellt in seinem märchenhaften Ton geradezu alles vor, was sich auf den nächsten hundert Seiten entfalten wird. Der ruhige Mensch wird im Strudel der revolutionären Ereignisse aufgewühlt, ihm wird der Boden entzogen, eine Liebesgeschichte findet nicht statt, oder besser sie kommt zu keinem Ende, Aufklärung und Mystik werden mit Nietzsche zu einem explosiven Gemisch verquirlt.

Die Übersetzerin schreibt in ihrem Nachwort:

Montag, als Roman betitelt, ist eigentlich ein lyrisch-philosophisches Poem, das dem Expressionismus zuzuordnen ist.

Und das Wort Poem, trifft es wohl. Man kann die Absätze strophisch lesen und ihr sprachlicher Ausdruck verlangt das geradezu, macht das Kaleidoskopische dieses Textes zu einer eindringlichen Erfahrung. Ein geschichtlicher Moment zurrt zu einem Text zusammen, der das Vorher und Nachher geradezu astronomisch verschlingt. Biblische Überlieferung und revolutionärer Verve.

Nichts an diesem Roman ist klein, lässt man einmal die Länge außer acht. Schreibt Lichtenstein, und ihr ist zuzustimmen: Groß! Groß!


Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna. Gedichte über Berlin. Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Berlin (edition.fotoTAPETA) 2017. 96 Seiten. 10,00 Euro.

Moyshe Kulbak: Montag. Ein kleiner Roman. Aus dem  Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Berlin (edition.fotoTAPETA) 2017. 112 Seiten. 12,80 Euro.
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