Monika Rinck: Wir - Signaturen

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Monika Rinck: Wir

Rezensionen
 



Mario Osterland

Wir sind andere


Monika Rinck reflektiert die Bedeutung von Personalpronomen



„Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht.“ So das inoffizielle Motto der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin. Man könnte auch sagen: Wovon wir reden, wenn wir über Lyrik reden. Aber das ist nicht das Gleiche und schon gar nicht dasselbe. Zumal es natürlich überaus heikel ist, von einem „wir“ zu sprechen. Gerade in Bezug auf die Lyrik. Aber eben auch generell. Niemand möchte sich vereinnahmen lassen. Und wer vereinnahmt ... Sie wissen, worauf ich hinaus will. Wer „wir“ sagt, spricht auch für andere. Wer „wir“ sagt, tritt mit einem erweiterten „ich“ auf. Und erfahrungsgemäß misstraut man ja auch denjenigen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, „ich“ sagen. Wir misstrauen denjenigen, die „ich“ sagen, weswegen wir „man“ sagen, aber doch meistens „ich“ meinen. Das gilt von der Lyrikrezension bis hin zur Habilitationsschrift.

Was soll dieser Eiertanz? Was dieser Eiertanz soll? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Aber von Antworten hat niemand was gesagt. Und wenn {man} ich niemand sage ... Ach, lassen wir das. Aber es interessiert mich dann schon, warum wir uns mit dem „wir“ so schwer tun. Denn wer „wir“ sagt, spricht nicht zwingend nur für andere. Wer „wir“ sagt, spricht auch über andere und schließt sich selbst mit ein. Das ist besser als Lästern. Das kann ein erster Schritt zu Analyse und produktivem Diskurs sein.

 
 

Das habe ich mir auch von Monika Rincks Essay gewünscht. In ihm werden viele Gedanken gedacht. Fragen werden hingegen kaum gefragt, weswegen die Antworten spärlich ausfallen. Wir – Phänomene im Plural ist vor allem eine Aufforderung zum Tanz um die rohen Eier der Personalpronomen, die laut Rinck „gigantische Behälter“ sind.¹ Der Essay startet mit einer Passage in der dritten Person Singular: „Und als sie wieder einmal einen ganzen Vormittag lang einen einzigen Satz schrieb, wieder löschte, verließ sie das Haus und legte sich, wie es unter Diven üblich ist, zum Heulen oberhalb des Friedhofs in den winterlich hell beschienenen Olivenhain. Wie gerne hätte sie sich aufgelöst! Sie kam sich vor wie eine Idiotin, die unter idealen Bedingungen in ihren eigenen Ängsten und Ansprüchen gefangen war.“

 
 

Gleich darauf gibt Rinck zu, dass „sie“ hier eigentlich für „ich“ steht, und dass ein rettender Gorilla zu Besuch kam und ihr vorschlug, eben jenes „ich“ durch „Idiot“ zu ersetzen. Ein Experiment zur Ich-Aufsplitterung, wie der Essay sagt. Eine Illustration des Zitats von Eva Meyer, das dem Essay vorangestellt ist und beim Lesen immer mitgedacht werden sollte. „Von jetzt an werde ich mehrere sein. Ich werde nie mehr von mir sagen, ich sei dies oder ich sei das. Von jetzt an bin ich nicht mehr die Verlängerung eines gegebenen Zustandes.“

Ich bin geneigt an Rimbaud zu denken.
² Aber darum geht es wohl nicht.³ Vielmehr geht es um das Subjekt im Satz bzw. Text; um Rochaden, die auf dem Papier minimalistisch aussehen, aber doch eben einen fundamentalen Unterschied machen. Rincks Überlegungen sind zunächst linguistische. Ihre Gedanken kreisen um ein pluralistisches „ich“, nicht um eine kollektives „wir“. Schade eigentlich. Aber schaden kann es nicht, an basale sprachliche Voraussetzungen der Literatur zu erinnern. Wenn das Personalpronomen ein „gigantischer Behälter“ ist, lastet je nach Befüllung ein entsprechendes Gewicht auf dem Text.

Das „wir“ scheint für Rinck wohl insgesamt zu schwer, wenn sie es als „knappste aller Pathosformeln“ stigmatisiert. Mit Verweis auf den französischen Linguisten Émile Benveniste meint sie, „dass die erste Person Plural … ja gar keinen echten Plural, sondern vielmehr ein geltungssüchtiges, überbreites Ich realisiert.“ Die Hinführung zu diesem Urteil bleibt bei Rinck und Benveniste zunächst etwas unklar. Doch von diesem Standpunkt aus kippt der Essay vom Linguistischen ins Soziologische. Und schnell wird klar, dass die Skepsis vor dem „wir“ wohl vor allem in sprachlichen Paradoxien („Count me out!“) und medialen Phänomenen („Wir sind Papst!“) begründet liegt. „Das 'Wir' ist hier mehr als ein Personalpronomen, es ist eine ideologische Arena, von Marketing und Identitätspolitik umtost.“ Was folgt, sind überaus lesenswerte Reflexionen über sprachliche Identifikation, Solidarität, Inklusion und Exklusion. Rincks Beispiele dafür sind gut gewählt. Wie etwa der Ge- und Missbrauch der Parole „Wir sind das Volk!“ und die Frage, ob es „Je suis Charlie“ oder doch besser „Nous sommes Charlie“ heißen müsste.

Angesichts dessen, dass Rincks Essay in der Edition Poeticon erschien, bleibt eine Frage offen: Was hat das alles spezifisch mit Lyrik zu tun? Natürlich ist es klar, dass wir Dichter die Lyrik als Sprachlabor par excellence ansehen. Dass die Lyrikerin Monika Rinck ein Gedicht wählt, um in ihrem Essay Sprachroutinen gekonnt zu hinterfragen, liegt auf der Hand.
Doch könnte man all das nicht auch anhand eines „experimentellen“ Prosatextes?

Von Antworten hat keiner was gesagt. Gibt oder braucht es ein „Wir“-Gefühl in der sich selbst organisierenden Lyrikszene? Kann man angesichts der Globalisierung, der verschiedenen Solidarisierungsprozesse (von Occupy Wall Street bis Je suis Böhmi) oder des Anthropozäns noch immer auf das „wir“ in der Lyrik verzichten? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Auch wenn sie uns zu Eiertänzen zwingen.
„Wie aber denkt man wagemutig? Indem man sich überfordert, sagt Monika Rinck.“


¹ Dass ein Ei, ein rohes zumal, ein Behälter ist, versteht sich von selbst.

² Die Seher-Briefe. Gilt „Je est un autre.“ eigentlich auch im Plural? Wir Lyriker als Seher-Kolonne? Das will ich mir gar nicht vorstellen.
³ Wobei ein sehender Dichter natürlich auch so etwas wie ein Behälter für eine höhere Erkenntnis ist. Zu diesem Behälter wird er, laut Rimbaud, durch „dérèglement de tous les sens", was man auch als Ich-Aufsplitterung verstehen kann. Wenn man will. Vielleicht bin ich auf dem Holzweg. Rinck spricht auch gar nicht von Rimbaud. Ich denke diesen Gedanken später zu Ende.
In diesem Falle Tomaž Šalamuns Mensch.
Falls Sie sich fragen, was der Osterland die ganze Zeit mit diesem Eiertanz will. Irgendwie fasziniert mich dieses (sprachliche) Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiertanz
http://www.zeit.de/2015/28/kleist-preis-2015-monika-rinck/komplettansicht


Monika Rinck: Wir. Phänomene im Plural. Berlin (Verlagshaus Berlin, Edition Poeticon) 2015. 48 S. 7,90 Euro.

 
 
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