Monika Rinck: Honigprotokolle - Signaturen

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Monika Rinck: Honigprotokolle

Rezensionen
 



Hans-Karl Fischer



Die Gedichte des mit dem Peter-Huchel-Preis 2013 ausgezeichneten Gedichtbandes von Monika Rinck haben etwas mit einer Erlebnisrutschbahn zu tun. Man setzt sich an einer immer gleich aussehenden Stelle hin, um mit dem Rutschen zu beginnen. Danach kommen erstaunliche Variationen. Die Stelle, an der man sich hinsetzt, um vom Rhythmus getragen zu werden, heißt „Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“. Was aber hat, jenseits der lautlichen Ähnlichkeit, Honig mit Hohn zu tun? In dem Gedicht „AUFBRAUCHEN DURCH DUPLIZIEREN“ stellt das lyrische Ich den Hohn mit Sehnsucht und Sorge zusammen. Zwar wird dabei ins Konkrete gegangen, die „Sehne“ der „Sorge“ angepaßt. In Befehlen, die das lyrische Ich möglicherweise an den Leser, möglicherweise an sich selbst richtet, läßt es Hohn und Sorge zusammenlaufen:

 
 

Dann warte. Erwarte die Rückkunft der Sorge. Bewege dich dazu
nicht von der Stelle. Weise stete Anzeichen von Verwahrlosung auf.
Lasse dich bewegungslos gehen, versande. Lass Parasiten heran.
Nimm schließlich den Hohn und wasche. Wasche deine Hemden.
Wasche auch deine Hosen und Haare im Hohn. Sehne später
sauber weiter. Stehe inmitten der Sorge. Sei dein eigener Hohn.


In der Tat sind Sorge und Hohn zwei Verhaltensweisen, in denen man an die gleiche unvollkommene Sache herangehen kann. Die Sehnsucht spielt dabei die Rolle einer Vervollkommenerin dieser Sache. Man kann übrigens in verschiedene Richtungen weiterdenken: über wen kann man so gut höhnen wie über den, der nicht für sich selber sorgen kann? Doch die Gedichte Monika Rincks regen sogar dort zum Weiterdenken an, wo sie eindeutig sentenziös sind. So in dem Gedicht „FREUNDSCHAFT“:


Aus Respekt vor der Freundschaft darf der Freund oder die Freundin
sich auch in falsche, böse, schwache und dumme Menschen verlieben,
das wird nicht verhindert, sondern begleitet. (…)

Es geht hier nicht darum, wie die Freundschaft sein soll, sondern wie sie im Leben auftritt. So altersweise, wie sie vielleicht gar nicht sein soll. Und dabei ist man wieder beim Hohn angelangt. Die literarische Form des Hohns ist die Persiflage, in der die Sprache gewichtiger ist als die beschriebenen Sachen: in ihren zeitkritischen Gedichten, etwa in „HOTEL HOHN“, macht Monika Rinck von dieser Form Gebrauch.
Doch kann die Rede eben auch dadurch über der Sache stehen, daß der Dichter in wohlgesetzten Worten, in schöner Rede über sie spricht. Nicht umsonst steht Aristaios, der in der griechischen Mythologie die Bienenzucht erfindet, dem Mythos von Orpheus nahe. Den in der Antike besonders auffälligen Wohlrednern Platon und Pindar wurde nachgerühmt, daß sie einst eingeschlafen seien und Bienen in ihrem Mund einen Stock gebaut haben. Und so verweist ja auch die Persiflage zurück auf die eigenen, der „niedrigeren“ Sache überlegenen Sprachfähigkeiten.
Außerordentlich gut ist das Gedicht „WAS ES WAR“ auf Seite 43. Über persönlichem Erleben und dem Subtext des Alten Testaments, der Stelle, wo Moses ins Land Kanaan („Das Land, wo Milch und Honig fließt“) schaut, das er selber nicht mehr betreten darf, wird nicht weniger als die ganze Gegenwart verhandelt:

 

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Das Gegenteil von Archäologie
sei Verstrahlung. Während die Archäologie Vorzeit zugänglich mache,
sperrten wir die künftige Zeit in ein gleißendes Licht. Das ist nicht wahr.
Wie von Sinnen aß ich Steak Tatar. Du warst das Licht meiner Augen.
Psychopharamaka. Und ich war in den italienischen Alpen ein Schriftzug
an der Tankstellenwand, im Vorbeifahrn gesehn. Stell dir vor: das Wissen
um eine nicht mehr betretbare Zukunft – wenn es unsere gar nicht ist.
Du warst ja da, rauchtest sogar! Ein Glas Kölnisch Wasser, bitte. Hinein,
hinein durch meine Augen ging die Welt und sammelte sich dahinter.
Auch du warst da. Doch warst du wirklich da? Warst du es, den ich sah?
Ich sah die Katze, gewindelt als Mumie. Ich sah die Statue einer Heiligen,
die liest. Ich las, die Musealisierung der Avantgarde sei irreversibel,
da apokalyptisch implodierte das Museum in eine menschenleere Welt,
spürte ich: das Überdauern der Dinge, die Reizwäsche der Abstraktion.
Das heißt: Abstraktion ist keine hinlängliche Antwort auf Unvorstellbarkeit.
Oh transparente Welt, hellblaue, du. Ich sah dich aus dem Laden stürzen.
Ich sah dich dich entfernen. Ich sah den Comer See. Ich sah: was es war.



Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte. kookbooks Berlin 2012. 80 Seiten. 19, 90 Euro.

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