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Miron Białoszewski: Vom Eischlupf

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Zu Miron Białoszewski
Vom Eischlupf


Esther Kinsky setzte vor ein im aktuellen, dem Schreibheft 84, erschienenes Dossier über zeitgenössische Dichtung aus Polen einen Text des 1923 geborenen und 1983 in Warschau gestorbenen Dichters Miron Białoszewski.
Im Fortgang des Dossiers werden jüngere polnische Dichterinnen und Dichter vorgestellt, die nach 1980 geboren sind. Miron Białoszewski wird so in den Stand eines Paten der heutigen Polnischen Dichtung erhoben. Über das Schreibheftdossier wird an anderer Stelle mehr zu berichten sein, denn unser Wissen über die zeitgenössische polnischen Literatur beschränkt sich bislang leider auf ein paar Übergrößen aus dem vergangenen Jahrhundert, zugegeben sehr beeindruckende Monumente.


Experimentatoren und Sprachartisten wie Miron Białoszewski fehlten bislang, das mag auch daran liegen, dass das offizielle Polen ihnen eher verständnislos gegenüberstand, aber auch die Übersetzung sich als größeres Problem darstellte. Vielleicht musste man auf eine Generation von Übersetzern warten, die an derartigem Stoff die nötige Freiheit entfalten können.

Das Buch Vom Eischlupf, das in diesem Frühjahr bei Reinecke & Voß erschien, beginnt jedenfalls mit einem Brief des Autors an einen Übersetzer, in dem es heißt: Der Kommunizier-barkeit widme ich keine besondere Aufmerksamkeit. Nicht desto Trotz habe ich viele (weil ganze 1000) Leser!
Dass das mit der Kommunizierbarkeit nur ein Euphemismus sein kann, wird einem bei der Lektüre des Briefes, der als Vorwort fungiert, schnell deutlich, denn der Text sprüht geradezu vor Witz und Esprit.


Ins Deutsche übertragen wurde der Brief von Dagmara Kraus, die schon für das erste Buch mit Texten von Miron Białoszewski beim Verlag Reinecke & Voß als Übersetzerin und Herausgeberin fungierte.

Mit dem ersten Buch, das Wir Seesterne heißt, haben Herausgeberin und Verlag also ein Tor aufgestoßen und den Beginn einer Białoszewski-Rezeption im deutschsprachigen Raum ermöglicht. Und um diese Rezeption nun in Gang zu bringen, wurde dieser zweite, an den ersten anknüpfende Band initiiert.

Den Texten, die zum Teil schon in Wir Seesterne in Nachdichtungen vorlagen, wurden Varianten anderer Dichterinnen und Dichter beiseite gestellt. Dass das eine sinnfällige Methode ist, mit fremdsprachigen Texten umzugehen, ist spätestens seit Peter Urbans Chlebnikov-Ausgabe erwiesen, in der von einigen Texten auch alternierende Übersetzungen angeboten werden.

Das Original ist gewissermaßen so monolithisch wie unendlich. Es bleibt sich gleich, auch angesichts der Übersetzung, aber es ist, als sich Gleiches, auch Zentrum eines unendlichen Diskurses, von dem jede Übersetzung einen Ausschnitt bildet.

Allein das Titel gebende Gedicht Vom Eischlupf, wie es in der Übersetzung von Konstantin Ames heißt, wird in acht Varianten dargereicht. Jede dieser Varianten trägt Züge des Originals, wird aber auch von Temperament und Haltung der jeweiligen Übersetzerin, der jeweiligen Übersetzers geprägt.
Wenn es sich bei Ames also so anhört:

VOM EISCHLUPF

Beriecht mich
Riesige Rummel
Hals ausm Fenster

Kreischen, nicht?
Das' Traumosaurus

klingt es bei Przemek Zybowski folgendermaßen:


Geschlüpft

Es riecht an mir
ein großer Kopf
den Hals weit aus dem Fenster gelehnt

schreien oder nicht?
Das ist ein Snozaur.

Das Original bleibt polnisch und von den Übersetzungen unberührt. Gleichermaßen ist es müßig, über ein Richtig oder Falsch der Übersetzung nachzudenken. Das Buch aber ist Einladung in den Kosmos Miron Białoszewskis.


Miron Białoszewski: Vom Eischlupf. Nachdichtungen. Leipzig (Reinecke & Voß) 2015. 70 Seiten. 10,00 Euro.

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